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Geschichte

Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Ein Gedenkstein erinnert an die vier Menschen, die 1988 beim Brandanschlag eines Neonazis in Schwandorf ums Leben kamen.
Von Cornelia Lorenz

Nun ist der Gedenkstein endlich an seinem Platz: Oberbürgermeister Andreas Feller (rechts) enthüllte ihn zusammen mit Pressesprecher Lothar Mulzer (2. v. r.). Auch Thomas Hübener (Mitte), der Sohn eines der Opfer des Brandanschlags, nahm am Termin teil.
Nun ist der Gedenkstein endlich an seinem Platz: Oberbürgermeister Andreas Feller (rechts) enthüllte ihn zusammen mit Pressesprecher Lothar Mulzer (2. v. r.). Auch Thomas Hübener (Mitte), der Sohn eines der Opfer des Brandanschlags, nahm am Termin teil. Foto: Lorenz

Schwandorf.Es war eine bitterkalte Winternacht, in der die Stadt Schwandorf aus heiterem Himmel in den Fokus der deutschen Medienwelt geriet: Sogar die Tagesschau berichtete über den Brandanschlag eines 19-jährigen Neonazis, bei dem am 17. Dezember 1988 vier Menschen ums Leben kamen. Am ehemaligen HabermeierHaus erinnert seit Dienstag nun ein Gedenkstein an die schrecklichen Ereignisse jener Nacht.

Thomas Hübener wird nie vergessen können, was damals passierte. Er ist der Sohn eines der Anschlagsopfer. Sein Vater Jürgen Hübener starb damals mit 47 Jahren in den Flammen. Nur durch einen glücklichen Umstand entging Thomas Hübener, damals 21 Jahre alt, dem Anschlag. Er war an jenem Abend auf einer Weihnachtsfeier und kam erst nach Hause zurück, als dort bereits das Inferno ausgebrochen war. „Mitte Dezember ist es für mich jedes Jahr schlimm. Am Jahrestag selbst habe ich immer das Gefühl, den Rauch wieder zu riechen“, sagt Hübener.

Vier Todesopfer waren zu beklagen

Während er damals verschont blieb, kam für seinen Vater und drei weitere Bewohner des Hauses jede Hilfe zu spät: Der türkische Arbeiter Osman Can (50), seine Frau Fatma (41) und ihr zwölfjähriger Sohn Mehmet konnten sich aus dem brennenden Haus nicht selbst retten und von den Einsatzkräften der Feuerwehr nur noch tot geborgen werden. Mehrere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, und das vom Feuer zerstörte Haus musste abgerissen werden.

Als Täter wurde der damals 19 Jahre alte Neonazi Josef Saller aus Schwandorf ermittelt. Der Lackiererlehrling hatte einen Brandsatz ins Treppenhaus geworfen und gab zu, den Anschlag aus Ausländerhass verübt zu haben. Wegen schwerer Brandstiftung wurde Saller damals zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch im Gefängnis rückte er von seiner braunen Gesinnung nicht ab. Nach seiner Entlassung 2001 soll er in der ostdeutschen Neonaziszene untergetaucht sein.

Schwierige Erinnerungen

Die Frage, wie man der Opfer des Anschlags angemessen gedenken soll, beschäftigte die Stadtväter über viele Jahre hinweg immer wieder. Erst im Jahr 2007, also knapp 20 Jahre nach der Tat, wurde am neu erbauten Haus eine kleine Erinnerungstafel angebracht. Seit 2009 findet am Jahrestag des Brandanschlags eine kommunale Gedenkstunde statt.

„Mitte Dezember ist es für mich jedes Jahr schlimm. Am Jahrestag selbst habe ich immer das Gefühl, den Rauch wieder zu riechen.“

Jürgen Hübener, Vater eines Anschlagsopfers

Bereits 1998 hatte Stadträtin Irene Maria Sturm zum Jahrestag des Anschlags im Namen des Bündnisses gegen Rechtsextremismus beantragt, den bereits fertig gestellten und vom Bündnis finanzierten Gedenkstein vor dem Haus aufstellen zu lassen. Mit 6:5 Stimmen wurde ihr Wunsch im Hauptausschuss abgelehnt, ein Jahr später im Stadtrat waren es 16:13 Stimmen. Der dritte Anlauf, den Stein aufzustellen, scheiterte 2001 erneut. Etliche Stadträte vertraten damals die Meinung, dass man mit einem Gedenkstein einen Wallfahrtsort für Neonazis schaffe.

Nun haben die langjährigen Diskussionen ein Ende gefunden: Sturm hatte im Frühjahr 2016 in einem Gespräch mit Oberbürgermeister Andreas Feller nochmals angeregt, den Gedenkstein anlässlich des 30. Jahrestags des Anschlags 2018 aufzustellen. Feller griff die Bitte schnell auf – und im September 2016 stimmte der Hauptausschuss für die Aufstellung des Gedenksteins.

„Das war einer meiner schlimmsten Tage bei der Stadt.“

Pressesprecher Lothar Mulzer

Nun erinnert er die Passanten an der Ecke Schwaigerstraße/Postgartenstraße an jene Nacht, die sich bei vielen Schwandorfern tief ins Gedächtnis eingeprägt hat. „Das war einer meiner schlimmsten Tage bei der Stadt“, erinnert sich Pressesprecher Lothar Mulzer. Auch damals war er bereits als Ansprechpartner für die Medien im Einsatz – und sah sich plötzlich mit Anfragen aus der ganzen Bundesrepublik konfrontiert.

Löschwasser wurde zu Eis

Rundfunkanstalten und Boulevardblätter interessierten sich gleichermaßen für den ausländerfeindlichen Anschlag und seine Hintergründe. Für die Einsatzkräfte bot sich vor Ort ein Bild des Grauens – und anfangs wusste auch niemand, wie viele Personen sich noch in dem brennenden Haus befanden. Aufgrund des strengen Frostes gefror damals sogar das Löschwasser auf der Straße – weshalb der Einsatzleiter der Feuerwehr ausrutschte und sich den Arm brach. Zwölf Bewohner zogen sich schwere Verletzungen zu, weil sie zum Teil versuchten, sich mit einem Sprung aus den Fenstern des dreistöckigen Hauses vor den Flammen zu retten. Vier Bewohner dagegen mussten in den Flammen ihr Leben lassen. Der Gedenkstein hilft dabei, dass sie und ihr tragischer Tod nicht vergessen werden.

Gedenkstunde am 17. Dezember

  • Rückblick:

    Eine offizielle Gedenkstunde der Stadt findet nach einem einstimmigen Stadtratsbeschluss erst seit dem Jahr 2009 statt. Seit dem Jahr 2007 erinnert eine kleine Tafel am Haus an die schreckliche Tat und die vier Todesopfer. Den nun aufgestellten Gedenkstein hat das Bündnis gegen Rechtsextremismus zum zehnten Jahrestag des Brandanschlags erstellen lassen. Seitdem war er mangels Stadtratsbeschluss beim Steinmetz Pröll eingelagert worden. Nun hat man ihn aus der Versenkung geholt.

  • 28. Jahrestag:

    Heuer jährt sich der Brandanschlag bereits zum 28. Mal. Am Samstag, 17. Dezember, um 14.30 Uhr lädt die Stadt zu einer Gedenkminute am ehemaligen Habermeier-Haus ein. Das damals völlig ausgebrannte Gebäude wurde abgerissen und wieder neu aufgebaut. Nach der Gedenkminute findet eine Gedenkstunde in der Moschee in der Max-Planck-Straße statt. Interessierte haben die Möglichkeit, bequem mit einem Shuttle-Bus von der Innenstadt hinaus zur Moschee fahren.

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