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Integration

Ein Mittler zwischen den Kulturen

Ein Völkerkundler bringt Lehrherren und junge Migranten im Auftrag der regionalen Serviceclubs und des Staats zusammen.
Von Reinhold Willfurth

  • Junge Migranten können beim Kampf gegen den Fachkräftemangel helfen und mit einer Ausbildung ihre Zukunft sichern.Foto: dpa
  • Beim THW Schwandorf machen fünf Flüchtlinge mit.Foto: Archiv/Zwick

Schwandorf.Eine Ausbildung in einem Lehrbetrieb ist ein Garant für einen sicheren Arbeitsplatz – und ein Meilenstein auf dem Weg junger Flüchtlinge zur Integration im Gastland. Letzterer kommt ohne Hilfe aber nur schwer ins Rollen. So wurde bei den drei Serviceklubs in der Region die Idee geboren, einen professionellen „Kümmerer“ mit dieser Aufgabe zu betrauen. Die finanzielle Grundlage dafür lieferten die rund 250 Besucher des Benefizabends bei der Firma Horsch am vergangenen Samstag: Lions-, Rotary- und Round-Table-Club sammelten an diesem Abend über 50 000 Euro ein.

Damit ist der Weg für Joao Neisinger geebnet. Der 27jährige Ethnologe aus Alteglofsheim (Kreis Regensburg) ist der Favorit für den Beraterposten. Neisinger bereitet sich seit Anfang Oktober bei der Firma Horsch auf seine Aufgabe vor, zwischen potenziellen Arbeitgebern in der Region und jungen Leuten zu vermitteln, die auf der Flucht vor den desolaten Zuständen in ihrem Heimatland in Deutschland Sicherheit und eine Zukunft suchen.

Start im Januar

Anfang Januar soll der „Kümmerer“ seine Arbeit aufnehmen. Vorher muss die Stelle freilich noch offiziell ausgeschrieben werden, da sie der Freistaat Bayern und zu einem kleinen Teil auch der Landkreis zur Hälfte mitfinanzieren.

Die Integration von Flüchtlingen sei „eine der größten Herausforderungen für uns alle seit vielen Jahren“, sagte Axel Jakobitz, Präsident von Round Table, bei der Spendengala am Wochenende. Auch Lions-Präsident Michael Horsch und sein Rotary-Kollege Dr. Reinhard Proske appellierten an Betriebe in der Region, das Angebot des Beraters zu nutzen – zu beiderseitigem Gewinn.

Unternehmen in der Region zu ermuntern und dabei zu begleiten, Flüchtlinge auszubilden und einzustellen, ist der Arbeitsschwerpunkt des „Kümmerers“. So will Joao Neisinger potenziellen Lehrherren dabei helfen, die Hürden der Bürokratie zu überwinden. Zudem will er interkulturelle Schulungen für Unternehmen anbieten, um Missverständnissen zwischen Lehrherr und Azubi vorzubeugen und Verständnis füreinander zu wecken.

Der zweite Fokus liegt bei den Flüchtlingen selbst. Der „Kümmerer“ gibt Unterstützung bei Problemen am Arbeitsplatz und wirft auch einen Blick in die Freizeitgestaltung der jungen Leute. Die kann zum Beispiel auch darin bestehen, sich ehrenamtlich zu engagieren – wenn die Helfer sie mit offenen Armen empfangen. Ein gutes Beispiel dafür ist für Joao Neisinger das Technische Hilfswerk Schwandorf. Dort lassen sich bereits seit dem Frühjahr fünf junge Männer aus Syrien, dem Irak und dem Iran im Zivil- und Katastrophenschutz ausbilden. Auch wenn nicht jeder an jedem Donnerstagabend zum Dienst antreten könne, hat sich THW-Ortsbeauftragter Martin Liebl vorgenommen, das Experiment fortzuführen. Beim Wendelinfest in Schwandorf oder beim Blaulichttag in Burglengenfeld sind die THW-Novizen aus dem nahen und mittleren Osten wie selbstverständlich dabei, und ihr Engagement habe auch dazu beigetragen, Ängste und Vorurteile abzubauen, die es natürlich auch bei THW-Helfern gebe, sagt Liebl.

THW: „Wir können nur gewinnen“

Unterm Strich „können wir eigentlich nur gewinnen“, sagt der Schwandorfer THW-Chef. Wenn einer von fünf bei den Helfern bleibe, sei es schon gut. Und die anderen könnten vielleicht einmal wertvolle technische Dienste in ihrer Heimat leisten, wenn sie wieder dorthin zurückkehrten. Auf den „Bildungsexport“ legt auch Joao Neisinger großen Wert. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung bei einem Lehrherren in der Region habe ein potenzieller Rückkehrer in seinem wieder befriedeten Heimatland gute Chancen, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen.

Für Landrat Thomas Ebeling ist das Projekt aus zweierlei Gründen sinnvoll: Zum einen sei es bei rund 300 unbesetzten Lehrstellen im Landkreis „immer zu begrüßen, wenn da mehr gemacht wird“. Und zum anderen könne man für die schwierige Aufgabe der Integration von Flüchtlingen derzeit „gar nicht genug tun“.

Fraglich ist derzeit noch, wo der „Kümmerer“ seinen Dienst anbietet. Er soll natürlich möglichst gut erreichbar sein. Ob sein Büro im Landratsamt angesiedelt wird oder auch bei einem Träger der Wohlfahrtspflege, ließ Landrat Ebeling im Gespräch mit der MZ noch offen.

Joao Neisinger hat in seiner Zeit als Flüchtlingshelfer in Regensburg die Erfahrung gemacht, dass die Unterstützung dieser Menschen keine Einbahnstraße ist. Toleranz, Dankbarkeit und Familiensinn könne man zum Beispiel aus der Begegnung mit den Schutzsuchenden lernen. Und man könne erleben, wie Angst umschlage in positive Gefühle, so Neisinger.

Die „betreute Lehre“

  • Die Idee:

    Das „Schwandorfer interkulturelle Ausbildungsprogramm“ ist ein Pilotprojekt, das jungen Flüchtlingen eine Chance zur Integration bieten soll. Eine Lehre in einem Ausbildungsbetrieb soll dabei mit intensiver Betreuung auch außerhalb des Arbeitsplatzes verbunden werden. Am Anfang stand die Idee bei der Firma Horsch, zehn Migranten als Azubis anzustellen, sie damit in Deutschland zu integrieren und gleichzeitig weltoffenen Nachwuchs für den Betrieb zu gewinnen.

  • Das Projekt:

    Am Ende stand der Plan, ein Modellprojekt mit einer dualen Ausbildung mit einer Sonderklasse am Beruflichen Bildungszentrum (BBZ) in Schwandorf ins Leben zu rufen. Nach zwei Jahren am BBZ wechseln die jungen Leute in eine Art „betreute Lehre“, bei der die jungen Leute weiter unterstützt werden. Viele Firmen zögerten gleichwohl noch, weil die Chefs nicht wüssten, wie sie das Projekt „Migrant als Azubi“ anpacken sollten, sagte Schulleiter Ralf Bormann. (fu)

Der designierte "Kümmerer" Joao NeisingerFoto: Horsch

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