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Fremde Kulturen erst kennenlernen

Ein Fachtag in Schwandorf will interkulturelle Kompetenz vermitteln, um Missverständnissen auf beiden Seiten vorzubeugen.
Von Regina Suttner

  • Junge Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak, Syrien, Somalia oder der Ukraine begrüßten die Teilnehmer zu dem Fachtag in ihrer jeweiligen Muttersprache. Foto: Suttner
  • Junge Migranten berichteten in einem der acht Workshops über ihre Erfahrungen im deutschen Ausbildungssystem. Foto: ssu

Schwandorf. Mit einer bewussten Barriere werden die Teilnehmer des Fachtags schon beim Eintritt ins Haus des Guten Hirten empfangen. Freundlich und mehrsprachig werden alle von jungen Flüchtlingen in deren jeweiliger Muttersprache begrüßt und der Weg zum Seminarraum gewiesen! Die Flüchtlinge kommen aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak, Syrien, Somalia und der Ukraine. Diese Art der Begrüßung schafft bei den Ankommenden gleich ein Bewusstsein, wie schwierig eine Verständigung, ein Zurechtfinden ist, wenn man die Landessprache nicht spricht und versteht.

Doch die Sprache ist nur ein Aspekt der Verständigung, des Verständnisses. „Chancen interkultureller Öffnung im beruflichen Bildungsprozess“ ist der Fachtag überschrieben, zu dem das Institut für Kooperationsmanagement (IKO) und das Berufliche Schulzentrum Schwandorf im Rahmen des Projekts „Crossing Life Lines“ eingeladen haben. Otto Storbeck, Leiter des Haus des Guten Hirten, begrüßt dazu rund 100 Teilnehmer, Referenten und Gäste in seinem Haus.

Referent Prof. Dr. Alexander Thomas Foto: ssu
Referent Prof. Dr. Alexander Thomas Foto: ssu

„Interkulturelle Kompetenz ist der Schlüssel zur interkulturellen Öffnung.“ Mit diesen Worten beginnt Prof. Dr. Alexander Thomas, IKO-Gründer, Professor an der Universität Regensburg und Honorarprofessor an der OTH Regensburg, seinen Impulsvortrag. Er berichtet über seine Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen. Er plädiert dafür, jungen Menschen im Rahmen der beruflichen Ausbildung einen einjährigen Einsatz im Ausland zu ermöglichen und so interkulturelle Bildung in die Berufsausbildung mit einzubeziehen. „50 Prozent der beruflichen Einsätze im Ausland scheitern und werden vorzeitig abgebrochen“, berichtet Prof. Thomas. Der Grund dafür: „Fertig ausgebildete Fachkräfte werden ohne interkulturelle Kompetenz ins Ausland geschickt!“, so Thomas. Um interkulturelle Handlungskompetenz entwickeln zu können, sei es unerlässlich, die eigene Einstellung zu hinterfragen und Bereitschaft zu kultureller Wertschätzung und Toleranz zu entwickeln. An anschaulichen Beispielen verdeutlicht Prof. Thomas, warum es unerlässlich sei, sich über kulturelle Eigenheiten in anderen Ländern zu informieren, um Missverständnissen, falschen Erwartungen und Frustration auf beiden Seiten vorzubeugen.

In Indien beispielsweise würden in der beruflichen Ausbildung die „White Collar Jobs,“ also „Schreibtisch-Jobs“ nachgefragt. Handwerkliche Berufe würden dagegen eher als „schmutzig“ empfunden. In China blieben die Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber meist nur treu, solange sie etwas lernen können. Dann werde gewechselt oder sich selbstständig gemacht.

Um in Tschechien Vertrauen und Beziehungen zu den Mitarbeitern aufzubauen, sollte der Chef sein Mitarbeiter „lieben“, also sich auch um Familie und soziales Umfeld des Beschäftigten kümmern. Auch in Tansania haben die Menschen ganz andere Erwartungen. Gehen sie hier zum Arzt, möchten sie im Gespräch Trost und Zuspruch für ihre Krankheiten finden. Das System in Deutschland ist ihnen fremd: „Nach einer Anamnese wurde ich in drei Räume mit drei verschiedenen Personen und Geräten geschickt. Nachdem auch mein Blutdruck überprüft war, fand man keinen Grund für meine Kopfschmerzen und schickte mich ohne Medikamente wieder heim. Kein Wort des Trostes oder Zuspruches - der Arzt ist ein Stümper! Jetzt habe ich einen Arzt gefunden, der mit mir spricht!“ So wird ein Arztbesuch in Deutschland empfunden.

Mangelnde interkulturelle Kompetenz ist laut Prof. Thomas auch Ursache für so manchen Frust nach Einsätzen in Afrika. „Die Leute haben da den Eindruck gewonnen, die Afrikaner sind faul, unfähig und korrupt.“ Neben persönlicher und sozialer Kompetenz sind laut Prof. Thomas folgende Faktoren Voraussetzung für die Entwicklung interkultureller Kompetenz: Offenheit und Neugier, Konfliktlösefähigkeit, Kompromissbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Verhaltensflexibilität, Selbstsicherheit, Belastbarkeit psychisch und physisch sowie die Aufnahmebereitschaft für Fremdes.

Die Ebenen der interkulturellen Öffnung in Theorie und Praxis wollen die Referentinnen, Dipl.-Psychologin Heike Abt (IKO-Partnerin) und Dr. Patricia Broser vom BSZ Schwandorf aufzeigen. Wichtig sei, jungen Flüchtlingen die Eingliederung und Anbindung in bestehende Strukturen wie Vereine und Organisationen zu ermöglichen. Dr. Patricia Broser berichtet, dass junge Flüchtlinge im Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf während des zweijährigen Unterrichtes, der zum qualifizierten Schulabschluss führt, im ersten Jahr jede Woche 20 Stunden Unterrricht zum Spracherwerb, in Ethik und Landeskunde erhalten. In der Regel ist bis Weihnachten eine Verständigung möglich. In Deutsch als zweite Sprache ausgebildete Lehrkräfte unterrichten die Flüchtlinge.

„Wir Deutsche halten uns manchmal für den Nabel der Welt und sind sehr direkt. Das ist nicht in allen Ländern so üblich.“ Landrat Thomas Ebeling

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion sagt Landrat Thomas Ebeling: „Wir Deutsche halten uns manchmal für den Nabel der Welt und sind sehr direkt. Das ist nicht in allen Ländern so üblich.“ Er betont die Wichtigkeit der guten Beratung der Asylsuchenden durch geschulte Mitarbeiter im Landratsamt.

Walter Schütz, Leitender Regierungsschuldirektor, berichtet, dass in der Oberpfalz im vergangenen Jahr 73 Flüchtlingsklassen gebildet wurden, bis zu 84 Klassen seien für dieses Jahr geplant. 1600 junge Menschen werden derzeit beschult. „Vor drei Jahren hatten wir fünf Klassen.“ Integration finde derzeit hauptsächlich an den Berufsschulen statt. Prof. Thomas betont, die Gesellschaft müsse andere Sichtweisen und Lebensformen akzeptieren lernen.

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Hintergrund des Projekttags

  • Definition:

    Interkulturelle Öffnung ist ein Prozess der Organisationsentwicklung, der Zugangsbarrieren für Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Religion, Weltanschauung und Lebensweise zur Bildung, Kultur, dem Arbeitsmarkt und sozialen Diensten beseitigt.

  • Veranstaltung:

    Das Institut für Kooperationsmanagement (IKO) und das Berufliche Schulzentrum Oskar-von-Miller Schwandorf haben im Rahmen des Projekts „Crossing Life Lines“ einen Fachtag „Chancen interkultureller Öffnung im beruflichen Bildungsprozess“ mit Impulsvortrag, Diskussion, Referaten, Workshops und einer abschließenden Podiumsdiskussion angeboten.

  • Ziele:

    Die Veranstaltung wollte die aktuelle Lage der Internationalisierung der Gesellschaft aufgreifen und verfolgte das Ziel, für interkulturelle Aspekte im beruflichen Bildungsprozess zu sensibilisieren.

  • Zielgruppe:

    Mit der Zielgruppe Lehrer, Unternehmer, Ausbilder und Mitarbeiter aus sozialen Einrichtungen, Ämtern und Behörden sollte der Fachtag eine Gelegenheit zur Vernetzung geben.

  • Workshops:

    Die acht Workshops befassten sich u. a. dem Interkulturellen Lernfeld Schule, der „Ausländerrechtlichen Frage“ oder der Frage „Wie kulturell offen ist Ihr Betrieb?“. Auch ein Crashkurs Arabisch wurde angeboten.

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