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Geschafft, aber noch nicht angekommen

177 Flüchtlinge im Raum Schwandorf sind anerkannt. Doch im Alltag auf sich selbst gestellt zu sein, fällt vielen schwer.
Von Reinhold Willfurth

Diaa Abu Baker, syrischer Jurist und anerkannter Flüchtling, hofft auf eine gute Zukunft für sich und seine Familie in Bayern.
Diaa Abu Baker, syrischer Jurist und anerkannter Flüchtling, hofft auf eine gute Zukunft für sich und seine Familie in Bayern.Foto: Willfurth

Schwandorf.Deutschstunde im Schwandorfer Kolping-Bildungswerk. Langsam und deutlich spricht die Lehrerin über den Text, den ihre Schüler lesen und verstehen sollen. Die meisten beantworten die anschließenden Fragen korrekt. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass die Frauen und Männer hier bis vor kurzem kein Wort Deutsch gesprochen haben.

Als Erwachsener die Fremdsprache Deutsch zu lernen, ist hartes Brot. Doch da müssen sie durch, die Menschen, die hier Zuflucht finden vor den desaströsen Verhältnissen in ihren Heimatstaaten. In dem Klassenzimmer in der Friedrich-Ebert-Straße sollen sie sich die unentbehrliche Sprachbasis für ihr künftiges Leben in Deutschland erarbeiten.

Diaa Abu Baker hofft, bis Ende des Jahres den ersten Schritt geschafft zu haben, den Sprachlevel B 1. Der 30-jährige Jurist aus Daria, einem im syrischen Bürgerkrieg verwüsteten Vorort von Damaskus, kam zusammen mit Frau und Tochter vor einem Jahr in der Gemeinschaftsunterkunft in Wackersdorf an. Er kann sich schon passabel auf Deutsch verständigen und fühlt sich wohl in seinem Gastland, besonders in Bayern. Er macht einen wachen, intelligenten Eindruck. Aber in den Schoß fallen ihm deutsche Grammatik und Vokabeln nicht. Das gilt schon eher für seine kleine Tochter, die die Sprache im Wackersdorfer Kindergarten spielend lernt und dem Papa so manches Wort beibringt, wie dieser lächelnd anmerkt.

Der schwierige Transit zum Bürger

Die deutsche Sprache ist nur eine von mehren hohen Hürden, die ein Mensch auf dem Weg vom Flüchtling zum Bürger überwinden muss. Während aber bei Menschen mit „Bleibeperspektive“ der Sprachunterricht so schnell wie möglich ansetzt, beginnen die nächsten Probleme an dem Tag, wenn der ersehnte Aufenthaltstitel erreicht ist.

Der Staat sorgt für die Asylbewerber, solange nicht über deren Antrag entschieden ist. Ein anerkannter Flüchtling wird dagegen wie ein ganz normaler Bürger behandelt. Und das stellt viele Menschen, die es bislang gewohnt waren, vom Staat ver- und von ehrenamtlichen Helfern umsorgt zu werden, vor große Probleme.

Das beginnt schon bei der Suche nach einer Bleibe. Diaa Abu Baker will so schnell wie möglich die Flüchtlingswohnung in Wackersdorf verlassen. Er fürchtet, als vierköpfige Familie – vor kurzem kam in Wackersdorf sein Sohn zu Welt – auf der Straße zu stehen. Doch kein Vermieter in der Region ließ sich bislang erweichen, die Familie aufzunehmen, obwohl die Miete durch das Jobcenter garantiert wird. „Sobald sie gehört haben, es geht um eine syrische Familie, hat es überall geheißen: ‚Damit wollen wir nichts zu tun haben“, sagt Sprachpatin Sabine Domscheit, der die hartleibige Haltung der Vermieter auch persönlich zugesetzt hat. „Eine Wohnung zu finden, ist der reine Wahnsinn“, sagt auch Margarete G., eine weitere Helferin aus Wackersdorf. Eine Erfahrung, die auch Jürgen Seifert, Sozialberater beim Caritas-Kreisverband, bestätigen kann. Nur durch Zufall habe er soeben eine Wohnung für eine junge Somalierin ergattert – nach einem Jahr Suche. Lichtblick und mögliches Vorbild für Schwandorf ist für Seifert eine Idee des Vereins „Amberger helfen Menschen“. Mit einer Online-Wohnungsvermittlung für Flüchtlinge habe man in der Vilsstadt beste Erfahrungen gemacht.

Neben Sprache und Wohnung ist ein fester Arbeitsplatz der dritte Anker für eine erfolgreiche Integration. Diaa Abu Baker weiß, dass gute Jobs hierzulande ohne Ausbildung nicht zu haben sind. Beim Jobcenter habe man ihm aber mit Verweis auf den Ausbildungsbeginn im September nicht helfen können. „Dort hat man ihm auch mitgeteilt, dass das B-1-Sprachniveau nur für Hilfsarbeiten ausreicht“, sagt seine Sprachpatin, die der Familie bei Behördengängen immer noch zur Seite steht.

Abu Baker will aber so bald wie möglich auf eigenen Beinen stehen – nicht nur finanziell: „Sonst fällt mir daheim die Decke auf den Kopf“. Zu diesen lebenspraktischen Problemen gesellen sich nach Einschätzung von Jürgen Seifert oft psychische Verunsicherungen wie das lange Warten auf den Familiennachzug.

Wenn das Gastland Rätsel aufgibt

Ein Handicap sind oft auch kulturelle Anpassungsschwierigkeiten. Als Einzelperson aktiv zu werden stehe in vielen Kulturen der Herkunftsländer nicht an vorderster Stelle, schon gar nicht als Frau, sagt die Wackersdorfer Sprachpatin. Übertriebene Fürsorge sei daher kontraproduktiv: „Man tut den Menschen keinen Gefallen, wenn man zu nahe an ihnen dran ist“.

Was das Jobcenter leistet

  • Gemeinschaftsunternehmen:

    Anerkannte Flüchtlinge werden, sofern sie noch keinen Arbeitsplatz gefunden haben, vom örtlichen Jobcenter betreut, einer gemeinsamen Einrichtung von Arbeitsagentur und Kommunen.

  • Grundsicherung:

    Wie alle Bürger ohne eigenes Einkommen haben die Flüchtlinge ein Recht auf Grundsicherung. Sie erhalten Leistungen nach dem Arbeitslosengeld II, im allgemeinen Sprachgebrauch auch Hartz IV genannt.

  • Aufgaben:

    Aufgabe des Jobcenters ist die Betreuung dieses Personenkreises. Nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“ sollen möglichst viele Menschen wieder in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt integriert werden.

  • Leistungen:

    Dazu zählen alle Eingliederungsleistungen wie Arbeitsgelegenheiten, Weiterbildungen oder Eingliederungszuschüsse. Dazu gehören auch kommunale Leistungen wie Suchtberatung oder Schuldnerberatung.

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