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Hohe Hürden für Integrationsarbeit

Staatsministerin Emilia Müller informierte sich am BSZ Schwandorf über Flüchtlingsklassen und Probleme der Lehrer vor Ort.
Von Cornelia Lorenz

130 junge Flüchtlinge werden derzeit am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf unterrichtet.
130 junge Flüchtlinge werden derzeit am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf unterrichtet. Foto: dpa

Schwandorf.Es waren eindringliche Worte, die die Lehrer der Flüchtlingsklassen am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) Oskar-von-Miller an Staatsministerin Emilia Müller (CSU) richteten: Um junge Menschen aus aller Herren Länder, die im Landkreis Schwandorf eine Heimat gefunden haben, auch in Zukunft vernünftig auf ein Berufsleben in Deutschland vorzubereiten, braucht es mehr als bisher: mehr Klassenräume, mehr speziell ausgebildete Lehrer, mehr Unterstützung im Umgang mit jungen Analphabeten und mehr Hilfe bei der Betreuung traumatisierter Jugendlicher, die Schreckliches erlebt haben. Im Moment stoße man in vielen Bereichen an Grenzen, brachte es Werner Nagler, der Beauftragte des Berufsschulzentrums für den Bereich „Jugendliche ohne Ausbildung“, auf den Punkt.

Zwar gilt die Arbeit, die am BSZ Schwandorf für die Integration von jungen Flüchtlingen ins Berufsleben geleistet wird, bundesweit als vorbildlich. Das zeigte zuletzt unter anderem ein Bericht in der „Zeit“. Doch angesichts rasant steigender Asylbewerberzahlen steht auch das BSZ mit seinen Integrationsklassen vor immer größeren Herausforderungen. Ein Punkt, der den Lehrern Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass der Unterrichtsraum für die Flüchtlinge knapp wird. Fünf der sechs Klassenzimmer, die derzeit im BSZ-Gebäude untergebracht sind, verfügen gerade einmal über eine Fläche von 30 Quadratmetern.

Viele junge Flüchtlinge hatten noch keine Schulerfahrung

„Das ist eine sehr beengte Situation“, sagte Silke Neumaier. Die Lehrerin bemängelte noch einen weiteren Punkt: Der Prozess, bis junge Flüchtlinge ohne Vorkenntnisse die deutsche Schrift erlernen, dauert rund sechs Monate. „Viele hatten vorher noch keinerlei Schulerfahrung und müssen den Umgang mit Papier und Stift erst lernen“, sagte Neumaier. Deshalb sei es sinnvoll, den Prozess der Alphabetisierung zeitlich vor den Start in die Integrationsklasse zu legen. Dann könne man sich in den beiden Jahren am BSZ auf das eigentliche Ziel der Integrationsklasse konzentrieren, nämlich die berufliche Orientierung zu forcieren. Dass dieses Ziel erreichbar ist, zeigt das Beispiel von Omid Musavi: Er hat nach dem Besuch der Flüchtlingsklassen eine Lehre als Elektroniker begonnen und berichtete, dass er jetzt allein lebt und ohne Hilfe zurecht kommt.

Schulleiter Ralf Bormann, Ministerin Emilia Müller, Landrat Thomas Ebeling und Walter Schütz, leitender Regierungsschuldirektor (von links), sprachen über die Situation der Lehrer und Schüler der Flüchtlingsklassen.
Schulleiter Ralf Bormann, Ministerin Emilia Müller, Landrat Thomas Ebeling und Walter Schütz, leitender Regierungsschuldirektor (von links), sprachen über die Situation der Lehrer und Schüler der Flüchtlingsklassen.Foto: scl

Soweit sind die aktuellen Schüler der Flüchtlingsklassen noch nicht. Um sie überhaupt erfolgreich unterrichten zu können, braucht man am BSZ dringend mehr Lehrer, die dafür qualifiziert sind, „Deutsch als Zweitsprache“ zu lehren. „Nur dann hat die Beschulung auch Chance auf Erfolg“, sagte Dr. Patricia Broser. Es sei wichtig, zukünftige Lehrer speziell dafür auszubilden und bereits tätige Lehrer eigens dafür weiterzubilden. Im Moment ist der Markt für solche spezialisierten Lehrer so gut wie leergefegt.

Religionsunterricht ist ein großes Anliegen

Doch nicht nur die Sprachvermittlung ist ein Thema, das die Lehrer der Flüchtlingsklassen umtreibt. Auch der Religionsunterricht ist ihnen ein großes Anliegen. „Wir erfahren jeden Tag, dass die jungen Menschen nach Orientierung suchen“, sagte Broser. Es sei gefährlich, dieses Feld Salafisten zu überlassen. In den Integrationsklassen müsse es einen geregelten Religionsunterricht für die muslimischen Jugendlichen geben. „Sie sollen mit einem modernen Islam groß werden“, forderte Broser.

„Wir sind überfordert im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen.“

Werner Nagler vom BSZ

Doch nicht nur die jungen Flüchtlinge brauchen Hilfe auf ihrem Weg ins Berufsleben – auch ihre Lehrer kommen manchmal mit der Situation am BSZ nur schwer zurecht. „Wir sind überfordert im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen“, sagte Nagler. In jeder Klasse gibt es Betroffene – und immer wieder kommt es in der Einrichtung zu Zwischenfällen, in denen die Lehrer ratlos sind. Wie sollen sie reagieren, wenn zum Beispiel ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der anfangs stabil wirkt, das Video einer Hinrichtung auf sein Handy geschickt bekommt, einen Anfall erleidet – und nach einem kurzen Aufenthalt in der Psychiatrie am nächsten Schultag während des Unterrichts derart zu randalieren beginnt, dass er seine Mitschüler in Gefahr bringt?

Solche und viele andere Probleme werden die Lehrer der Flüchtlingsklassen noch lang begleiten. Von der Staatsministerin gab es derweil viel Lob für die Integrationsarbeit, die am BSZ in Schwandorf geleistet wird. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die sich hier abspielt“, sagte sie. Vorbereitungsklassen eröffneten den jungen Flüchtlingen eine Basis, um weiterzukommen. Der Weg in die duale Berufsausbildung und die Möglichkeit, durch qualifizierte Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, seien der Schlüssel zur Integration, so die Ministerin.

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Bald neun Flüchtlingsklassen

  • Immer mehr Schüler:

    Am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf werden derzeit 130 junge Flüchtlinge in sieben Klassen unterrichtet. Zum Halbjahr kommen 30 Schüler und damit zwei weitere Klassen hinzu. Rund 15 Prozent der Schüler sind junge Frauen. Oberpfalzweit wird es zum Halbjahr 64 solcher Klassen geben, finanzielle Mittel für insgesamt 90 Klassen sind bereits freigegeben. Aufgrund der Raumnot am BSZ werden drei Flüchtlingsklassen in Containern untergebracht.

  • Ziel des Unterrichts:

    Im ersten Schuljahr steht für die Flüchtlinge das Erlernen der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Rund sechs Monate dauert es, bis Schüler, die die deutsche Schrift bisher nicht kannten, mit ihr vertraut sind. Im zweiten Schuljahr geht es darum, die Sprachkenntnisse zu vertiefen und die berufliche Orientierung zu forcieren. Am Ende der beiden Unterrichtsjahre steht nach bestandener Prüfung der qualifizierende Hauptschulabschluss.

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