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Porträt

Lukas Zilch hadert nicht, er packt‘s an

Der 26-Jährige Schwandorfer berichtet über sein Leben mit Cerebralparese, über Ziele, Wünsche, aber auch Rückschläge.
Von Regina Suttner

Lukas Zilch geht offen mit seiner Behinderung um und offen auf die Menschen zu, wie bei seinem Vortrag bei der Kolpingsfamilie Schwandorf deutlich wurde.
Lukas Zilch geht offen mit seiner Behinderung um und offen auf die Menschen zu, wie bei seinem Vortrag bei der Kolpingsfamilie Schwandorf deutlich wurde. Foto: ssu

Schwandorf. Lukas Zilch ist 26 Jahre alt und von Geburt an schwer körperbehindert. Er hat eine Cerebralparese (CP), eine Bewegungsstörung aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung – bei ihm als Folge von Sauerstoffmangel während der Geburt. Lukas Zilch ist nicht geistig behindert, auch wenn das durch sein äußeres Erscheinungsbild oftmals so wirkt. Die Behinderung geht einher mit schweren Bewegungsstörungen, mit ausfahrenden, nicht kontrollierbaren Armbewegungen. Lukas Zilch sitzt im Rollstuhl, er kann aber mit einem Gehwagen oder leichter Unterstützung auch gehen.

Lukas Zilch geht mit seiner Behinderung offen um. Er hält über seine Behinderung, seine Ziele und den Umgang der Gesellschaft sogar Vorträge. Am Freitagabend auf Einladung der Kolpingsfamilie Schwandorf. Für seinen einstündigen Power-Point-Vortrag kann Lukas Zilch mit dem dafür eingerichteten PC selbstständig umgehen, der 26-Jährige drückt sich verständlich aus. Das Kolpingzimmer war restlos gefüllt, weitere Stühle wurden für die vielen Interessierten hereingetragen.

Lukas Zilch schildert seinen Lebensweg. Nach langer Suche hat er in Ettmannsdorf einen Platz im Regelkindergarten erhalten, trotz seiner Behinderung. Danach besuchte er 15 Jahre das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum in Regensburg. Nach dem berufsvorbereitenden Jahr begann er in den Naab-Werkstätten in Schwandorf.

Teilzeitstelle im Büro

Aufgrund der Art seine Behinderung war es allerdings schwierig, dort einen geeigneten Arbeitsplatz für ihn zu finden. Einerseits ist Lukas Zilch geistig fit, andererseits sind Montage-Arbeiten oder Arbeit an Maschinen durch die körperliche Behinderung nicht möglich. Aber es gab eine Lösung: Lukas Zilch erhielt nach zwei Jahren einen sogenannten ausgelagerten Arbeitsplatz in einem Autohaus. Dort ist er in Teilzeit im Büro tätig. Er schreibt Briefe, erstellt Listen per MS Office und kümmert sich um die Ablage. Ein ganz normaler, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz, der seinen Fähigkeiten entspricht und an dem er Freude hat.

Auch in der Freizeit ist Lukas Zilch sehr aktiv. Seine Hobbys sind Fotografieren, Schwimmen (er schwimmt bis zu 1500 Meter), mit dem Skibob fahren, Musik am PC komponieren. Und eine kleine Zeitung schreibt er auch noch. Ganz normale Interessen für einen jungen Menschen.

Lukas im Kreis der Schwandorfer Kolpingsfamilie, die für ihn nach eigener Aussage wie eine zweite Familie ist. Foto: ssu
Lukas im Kreis der Schwandorfer Kolpingsfamilie, die für ihn nach eigener Aussage wie eine zweite Familie ist. Foto: ssu

Seine Mutter hat Lukas Zilch zu viel Selbstständigkeit verholfen. Sie sagt, dafür sei aber auch sein eiserner Wille ausschlaggebend gewesen. Hilfe benötigt der 26-Jährige bei der Morgentoilette, beim Anziehen, beim Essen und Trinken. Das Sprechen ist für ihn mühsam, geht nur langsam und man muss genau hinhören. Dank jahrelanger Logopädie versteht der Zuhörer Lukas Zilch aber trotzdem gut.

Auch Krankengymnastik und „Ergo“ zählen zu seiner ständigen Therapie. Viele Operationen hat Lukas Zilch schon hinter sich gebracht, an Sehnen, Knochen und Nerven. Aber immer blickt der junge Mann nach vorne, hat Lebenserfahrung gesammelt und konkrete Ziele. Er setzt große Hoffnungen auf das kommende Bundesteilhabegesetz, möchte noch mehr Selbstständigkeit. Ein Leben in einem Wohnheim kann er sich nicht vorstellen. Er möchte eigenständig leben.

Freunde und Familie geben Mut

Seine Freundin kennt Lukas Zilch schon seit 16 Jahren, aber so richtig gefunkt zwischen den beiden habe es erst im Juli vergangenen Jahres. Vieles unternehmen sie gemeinsam. Die Kolpingfamilie sei für ihn wie eine zweite Familie, er sei immer dabei und werde auch zu allen Ausflügen mitgenommen, berichtet Lukas Zilch. Ohne seine Familie, Kolping, Freunde und gute Bekannte hätte er manchmal keinen Sinn mehr gesehen. „Ich will nicht mehr“ – der Gedanke habe ihm früher zugesetzt, Ängste haben ihn manches Mal überwältigt und auch wütend werden lassen. Eine Kur am Bodensee im Jahr 2010 habe ihm wieder Kraft gegeben. „Hier habe ich schlimmere Fälle gesehen, dadurch habe ich an Stärke gewonnen“, sagt der 26-Jährige.

Und dadurch konnte er auch mit negativen Erfahrungen umgehen. Ja, die gab es auch. Er sei von Jugendlichen beschimpft und verspottet worden wegen seiner Behinderung, berichtet er. „Warum sind diese Jugendlichen nicht von der Gesellschaft aufgeklärt?“, fragt Lukas Zilch. Überhaupt findet er, dass Inklusion in Deutschland noch nicht soweit gediehen ist, wie in anderen Ländern. „Die Gleichberechtigung gibt es ja auch für Mann und Frau, warum nicht für Menschen mit Behinderung?“ Konkret wünscht er sich für Schwandorf endlich einen barrierefreien Bahnhof.

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Cerebralparese

  • Symptome:

    Störungen der Koordination; Ess- und Schluckstörungen; veränderte Bewegungsmuster; Muskeln reagieren übertrieben auf Reize; Gleichgewichtsstörungen; fehlende Kontrolle der Mimik; oft geistige Behinderung

  • Ursachen:

    Sauerstoffmangel bei der Geburt; Infektionskrankheiten der Mutter während der Schwangerschaft; Hirnblutung; Schädel-Hirn-Trauma. Cerebralparese bedeutet Gehirnlähmung. (ssu)

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