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Technik

Mit dem Taser auf Verbrecherjagd

In der Oberpfalz prüft die bayerische Polizei den Einsatz von Elektroschockern. Doch die Geräte sind umstritten.
Von André Baumgarten, MZ

Michael Radner von der Firma Taser International stellte am Montag in Schwandorf die neueste Taser-Generation vor: den X2.
Michael Radner von der Firma Taser International stellte am Montag in Schwandorf die neueste Taser-Generation vor: den X2. Foto: Baumgarten

Schwandorf.Als das laut knatternde Geräusch des Tasers einsetzt, verkrampfen die Körper der zwei Freiwilligen, ihre Gesichter sind schmerzverzerrt. Das Schreien der beiden erfahrenen Polizeibeamten lässt die Wirkung der Elektroschockpistole erahnen, als sie gestützt von zwei Kollegen zu Boden gehen. 19 Stromimpulse fließen pro Sekunde durch sie hindurch, fünf Sekunden lang. „Du wirst auf einen Schlag steif wie ein Brett“, erklärt einer danach. „Man spürt den Schmerz sofort, die Muskeln verkrampfen, man ist völlig bewegungsunfähig.“

Taser sind bei Sondereinsatzkommandos (SEK) in Bayern seit zehn Jahren im Einsatz – nun lässt das bayerische Innenministerium die Einführung der „Elektroschockpistolen“ bei der Polizei prüfen. Von deren Effektivität überzeugten sich die zwei Polizisten am Montag selbst – freiwillig, versteht sich. Gefordert werden Taser von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die am Montagabend im Gemeinsamen Zentrum der deutsch-tschechischen Polizei- und Zollzusammenarbeit in Schwandorf zum Infoabend geladen hatte. Der stellvertretende Landesvorsitzende Michael Hinrichsen sagte: „Wir haben ein Riesenloch zwischen Schlagstock, Pfefferspray und Pistole.“ Bei Angriffen gegen Beamte „können wir uns letztlich nur mit der Schusswaffe wehren“.

Die Deutschen Polizeigewerkschaft fordert den Einsatz von Tasern. Video: Baumgarten

Medizinische und rechtliche Fragen

Ende 2015 wurde die Prüfung vom Innenministerium beauftragt – federführend ist das Polizeipräsidium Oberpfalz in Regensburg. „Die Arbeitsgruppe wird ausgehend von den bisherigen Erfahrungen bei den Spezialeinheiten vor allem auch einsatztaktische, medizinische und rechtliche Erwägungen miteinbeziehen“, sagte Innenminister Joachim Herrmann der MZ. Mit ersten Ergebnissen rechne er bis Ende des Jahres. „Nach unseren bisherigen Erfahrungen hat sich der Taser als zusätzliches Einsatzmittel unserer Spezialeinheiten bewährt.“ Die Arbeitsgruppe beschäftige sich ergebnisoffen mit Einsatzmöglichkeiten und -grenzen bei der bayerischen Polizei.

Kommentar

Mit Bedacht

Im Ernstfall haben Polizisten keine Wahl: Um ihr eigenes oder das Leben eines Kollegen zu verteidigen, bleibt als letztes Mittel nur der Griff zur Waffe...

Der Einsatz der Geräte ist umstritten. Amnesty International Deutschland etwa sieht hohe Risiken: Schwere gesundheitliche Schäden bis zum Tod sind dokumentiert, teilte der Rüstungsexperte Mathias John der MZ mit. Für die USA seien Zahlen dokumentiert – dort gab es von 2001 bis 2015 insgesamt 670 erfasste Todesfälle; mindestens 43 Menschen starben allein 2015 bei einem Taser-Einsatz. „Es fehlen allerdings genaue offizielle Statistiken und unabhängige Studien.“ Zudem sei die Hemmschwelle für die Anwendung der „vorgeblich nicht-tödlichen Waffen“ geringer als bei Schusswaffen, betonte John. Damit steigt laut Amnesty auch die Gefahr einer unverhältnismäßigen Anwendung, „was eine grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung bis hin zu Folter bedeuten kann“.

Dem widerspricht Horst G. Sandfort von Taser International, dem Importeur der in Arizona (USA) produzierten Geräte, am Montag. Die „Distanz-Elektroimpulsgeräte“ zeichnen jede Handlung „unfehlbar verschlüsselt“ auf. Der Taser wirke nur auf das motorische Nervensystem und lähme skelettäre Muskeln. „Jemanden umzubringen, weil er herzkrank ist oder einen Herzschrittmacher hat, ist unmöglich.“ Wie Michael Radner betonte, gibt es mehr als 750 medizinische Studien. Ausschlaggebend sei, „wie viel Strom das Gerät in den Körper abgibt“. Beim X2 seien das 1,3 mA pro Sekunde. Tragbare Defibrillatoren arbeiteten mit einer Energie von 150 bis 400 Joule – die Taser nur mit 0,07 Joule.

„Vernünftig, aber kein Allheilmittel“

Auf Nachfrage aus dem Kreis der etwa 50 Polizeibeamten betonte Radner in Schwandorf: „Das ist ein sehr vernünftiges Einsatzmittel, aber kein Allheilmittel.“ Greife ein Straftäter mit einem Messer an, müsse der Kollege die Schusswaffe im Anschlag haben.

Sandfort verwies auf die Länder, die den Taser nutzen. Das Verletzungsrisiko sinke auf beiden Seiten – bei Polizisten um 85 Prozent, bei den Gegnern um 60 Prozent. Ideal sei ein Abstand von bis zu vier Metern. Beim Auslösen schnellen zwei Pfeile mit einer Geschwindigkeit von 35 Metern pro Sekunde aus dem Taser. Sie durchdringen laut Hersteller bis zu fünf Zentimeter dicke Kleidung. Die Pfeile müssten für eine Wirkung auch nicht in die Haut eindringen.

Bisherige Erfahrungen

  • Einsatzzahlen

    Bislang werden Taser der ersten Generation nur beim SEK verwendet. Laut Innenministerium wurden sie seit 2006 nur 32 Mal eingesetzt, im Durchschnitt drei- bis viermal pro Jahr. „Also recht selten und nur für Ausnahmefälle.“ In ganz Deutschland seien es zwischen 45 und 50 Einsätze im Jahr. „Das ist sicher kein Einsatzmittel, das die bayerische Polizei flächendeckend einsetzen kann“, so ein Sprecher. Defizite bei der Ausstattung von Polizisten in Bayern sehe man momentan nicht.

  • Praxisberichte

    Laut Herstellerangaben von Taser International liegen Berichte von 3,5 Millionen Einsätzen sowie drei Millionen Freiwilligentests für die Geräte vor. Gesundheitliche Gefahren gebe es demnach nicht – das sei durch zahlreiche Studien belegt. Die elektrische Energie wirke nur auf skelettäre Muskeln und lähme Muskeln. Lediglich vier Augentreffer seien belegt, drei wurden geheilt; eine Person verletzte sich in der Schweiz demnach bei einem Sturz nach dem Taser-Einsatz. (ba)

DPolG-Landesvize Hinrichsen hält einen Taser für „die richtige Alternative“, um gefährliche Situationen ohne schwerwiegende Verletzungen zu bewältigen. Eine Erprobung etwa bei Einsatzzügen in größeren Städten sei sinnvoll. Hinrichsen ist überzeugt, „dass der Taser zum Einsatzmittel für die ganz normale Polizei werden kann“. Polizei-Vizepräsident Michael Liegl sieht sie als „interessante Alternative“ zu bisherigen Einsatzmitteln. Für ein abschließendes Urteil sei es aber zu früh. Beamte müssten intensiv ausgebildet werden. Denn wirkten die Geräte nicht, könne es „zu sehr kritischen Situationen mit gefährlichen Momenten für die Kräfte kommen“.

Laut Innenministerium soll die Arbeitsgruppe einen Vorschlag machen, wo und in welchen Bereichen eine zusätzliche Ausstattung sinnvoll sei. Polizeiexperten aus verschiedenen Bereichen arbeiten zusammen. „Nach den bisherigen Erfahrungen hat sich der Taser als zusätzliches Einsatzmittel unserer Spezialeinheiten bewährt“, betonte Innenminister Herrmann.

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