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Profi-Hilfe für psychisch kranke Kinder

Eine Sozialpsychiatrische Praxis eröffnet in Schwandorf eine Filiale und schließt damit eine Lücke in der Nord-Oberpfalz.
Von Elisabeth Hirzinger

Der Bezirk schafft im Landkreis Schwandorf eine Anlaufstelle für psychisch kranke Kinder und Jugendliche.
Der Bezirk schafft im Landkreis Schwandorf eine Anlaufstelle für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Foto: dpa

Schwandorf.Vor Jahren schon hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns Alarm geschlagen: Im Planungsbereich Oberpfalz-Nord sei „hinsichtlich der Arztgruppe der Kinder- und Jugendpsychiater eine Unterversorgung eingetreten“. Vier Stellen, hat die Vereinigung errechnet, dürften zusätzlich von Kinder- und Jugendpsychiatern besetzt werden. Aber selbst mit einem eigens aufgelegten Förderprogramm gelang es der Kassenärztlichen Vereinigung nicht, Kinder- und Jugendpsychiater aus den Ballungszentren in die Provinz zu locken.

Entsprechend groß war die Freude bei Politikern und den Fachleuten vor Ort, als 2013 bekannt wurde, dass der Bezirk im Landkreis Schwandorf eine Anlaufstelle für psychisch kranke Kinder und Jugendliche schaffen will. Es war von einem ambulanten Versorgungsangebot, möglicherweise im ehemaligen Krankenhaus Nabburg, die Rede, mit dem eine Lücke im Landkreis geschlossen werden sollte. Doch den großen Worten folgten keine Taten, zumindest nicht vom Bezirk.

Tätig wurden die Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis Manfred Wurstner in Regensburg. Nachdem aus der Außenstelle der medbo, der medizinischen Einrichtungen des Bezirks, nichts wurde, haben sie die Initiative ergriffen und sich nach einem Standort für einen Ableger ihrer Praxis umgeschaut. Die Wahl fiel auf Schwandorf, erstens, weil die Große Kreisstadt zentral liegt, zweitens weil „wir in Regensburg schon viele, viele Kinder aus der Gegend betreuen“, erklärt Manfred Wurstner im Gespräch mit der MZ.

Kommentar

Gutes Beispiel

Das Problem wird seit Jahren thematisiert – und es ist immer noch nicht gelöst. Nach wie vor gibt es in der nördlichen Oberpfalz zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater....

Tatsächlich ist der Bedarf an Kinder- und Jugendpsychiatern groß. Lang sind die Wartelisten bei allen niedergelassenen Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bis Eltern mit einem Kind, das psychisch auffällig ist, einen Termin bekommen, kann gut ein halbes Jahr vergehen. Das soll sich jetzt, zumindest im Raum Schwandorf, ändern.

Am 15. Oktober, kündigt Manfred Wurstner an, wird die Filiale am Marktplatz, im sogenannten Zilch-Haus, eröffnet. Dr. Susanne Mielich, eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und zwei Kollegen werden dort mit „modernen Behandlungsmethoden“ arbeiten, wobei sie zusätzlich mit Pädagogen, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden oder Physiotherapeuten vernetzt sind.

Die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten wollen in der Schwandorfer Praxis auch Einzel- und Gruppentherapien anbieten. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit wird wohl bei Schulschwierigkeiten liegen – „mit allen Facetten“, wie Manfred Wurstner anmerkt. Die Fachärzte betreuen in Regensburg viele Kinder, die sich in der Schule nicht konzentrieren können, die gemobbt werden, eine Lese-, Rechen- oder Rechtschreibstörung haben oder unter Essstörungen, Ängsten und Zwängen leiden.

Die Krankheitsbilder, mit denen Kinder vorgestellt werden, sind laut Dr. Susanne Mielich vielfältig. Manche Krankheiten werden auch lange nicht erkannt, wie zum Beispiel Depressionen, die sich bei Kindern eben anders äußern als bei Erwachsenen. Dabei wäre es wichtig, dass die Probleme, die Kinder mit sich herumschleppen, frühzeitig erkannt werden, sagt Dr. med. Franz-D. Griesbach, der als Facharzt in der Regensburger Praxis arbeitet. Er hat die Erfahrung gemacht, dass der Verlauf einer Krankheit gestoppt werden kann, „wenn die Kinder rechtzeitig kommen“.

Manfred Wurstner, Dr. Mielich und Dr. Griesbach appellieren deshalb an die Eltern, sich Zeit zu nehmen für ihre Kinder und sich bei auffälligem Verhalten möglichst schnell Hilfe zu holen, etwa wenn der Sohn oder die Tochter Drogen konsumieren, was im Landkreis Schwandorf ein „großes Thema“ sei.

Die Praxis

  • Der Hauptsitz:

    25 Mitarbeiter sind in der Praxis von Manfred Wurstner, Dr. med. Franz-D. Griesbach und Dr. med. Susanne Mielich in Regensburg beschäftigt, darunter Ärzte, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Diplompädagogen, Psychologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten. Die Praxis ist außerdem vernetzt mit weiteren Spezialisten.

  • Die Filiale:

    Die Praxis befindet sich am Marktplatz 28. Zur Startbesetzung gehören Dr. Susanne Mielich, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, außerdem Sira Pilzecker, Sozialpädagogin und Kinder- und Jugendtherapeutin in Ausbildung und Sebastian Bissinger, Schulpsychologe und Kinder- und Jugendtherapeut in Ausbildung.

  • Eröffnung:

    Am 15. Oktober.

  • Anmeldungen:

    ab sofort unter der Telefonnummer (0 94 31) 7 54 15 00 oder unter info@kinder-jugendpsychiater.de. Informationen gibt es außerdem im Internet unter www.kinder-jugendpsychiater.de .

  • Sprechzeiten:

    Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr und von 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Wurster geht auch auf das Ergebnis der Unicef-Vergleichsstudie zur Lage der Kinder in Industrieländern ein, wonach jedes siebte Kind im Alter zwischen elf und 15 Jahren unglücklich ist. Eine Entwicklung, die nach Überzeugung des Praxisinhabers auch mit dem Leistungsdruck zu tun hat, der in der letzten Jahren „gerade in Bayern“ deutlich zugenommen habe. Stichwort Übertritt. Es sei kein Wunder, dass die meisten Kinder, die vorgestellt werden, zwischen neun und zehn Jahre alt sind, findet Manfred Wurstner.

Oft begleiten die Fachärzte ein Kind bis zum Erwachsenenalter, manche Probleme, wenn sie früh erkannt werden, können aber auch in kurzer Zeit gelöst werden. „Dann sehen wir die Kinder nie wieder“, und das ist für das Praxis-Team der schönste Erfolg.

Eines steht jetzt schon fest: Mit der Eröffnung der Filiale ist noch nicht die Versorgung für die ganze nördliche Oberpfalz sichergestellt – auch wenn die Praxis, „wenn sie sich gut entwickelt“, möglicherweise ausgebaut wird, wie Manfred Wurstner im MZ-Gespräch ankündigt.

Eine Entspannung erwartet der Bezirk mit der Eröffnung einer weiteren psychiatrischen Praxis in Weiden, die nach Auskunft der Pressesprecherin demnächst erfolgen soll. Warum aus dem Projekt des Bezirks doch nichts wurde, erklärt Lissy Höller mit „formalrechtlichen Hürden“ und personellen Problemen. Psychotherapeuten seien dünn gesät, sagt die Pressesprecherin, und überhaupt sei die medbo „als Klinik für ambulante Versorgung nur eingeschränkt zuständig“.

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