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Trotz Entspannung bleibt viel zu tun

Im Kreis Schwandorf werden erste dezentrale Unterkünfte gekündigt. Am Arbeitsmarkt sind Flüchtlinge noch nicht angekommen.
Von Hubert Heinzl

Deutsch lernen ist für Flüchtlinge nach wie vor das A und O, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Deutsch lernen ist für Flüchtlinge nach wie vor das A und O, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Foto: dpa

Schwandorf.Für den Landkreis Schwandorf hat sich die Lage deutlich entspannt. Noch zum Jahreswechsel, als täglich Tausende Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchten, war ein Mitarbeiter am Landratsamt allein mit der Quartiersuche für die vielen Neuankömmlinge beschäftigt. Bis zu 142 Objekte mit rund 1400 Plätzen wurden damals vorgehalten, sagt Pressesprecher Hans Prechtl vom Landratsamt, der auf Bitte der MZ in den Statistiken gestöbert hat.

In die entgegengesetzte Richtung

Jetzt laufen die Aktivitäten in die entgegengesetzte Richtung. Nach der Schließung der Balkanroute sanken die Flüchtlingszahlen in Deutschland dramatisch. Und Ende April entschied der bayerische Ministerrat, die Landkreise und Gemeinden bei der Bewältigung der modernen Völkerwanderung zu entlasten. Seither „werden keine neuen dezentralen Unterkünfte mehr angemietet“, so Dr. Robert Feicht, stellvertretender Pressesprecher bei der Regierung der Oberpfalz, „und bei den bestehenden dezentralen Unterkünften werden auslaufende Verträge bedarfsgemäß entweder gekündigt oder zu deutlich günstigeren Konditionen verlängert“.

Im Landkreis Schwandorf ist der Prozess bereits im Gange. Mit Wirkung zum 30. Oktober wurden laut Prechtl 15 Objekte mit rund 150 Plätzen bereits gekündigt; in den verbleibenden 127 Wohnungen und Wohngebäuden sind 197 Plätze derzeit unbelegt. Knapp 1000 Flüchtlinge leben zur Zeit noch in dezentralen Unterkünften. Selbst in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Meiller-Halle, für die allerdings die Regierung zuständig ist, sind zurzeit nur 36 Schutzsuchende untergebracht. Möglich wären rein theoretisch bis zu 500.

„Wir müssen unsere Bemühungen verstärken.“

Jobcenter-Geschäftsführer Gunter Burgerspfleger

Soweit die aktuellen Trends. Aber was sagen sie schon aus? Pressesprecher Dr. Feicht weist darauf hin, dass „der Zustrom an Asylsuchenden bei einer Veränderung der gesamtpolitischen Situation (insbesondere der Lage in der Türkei) schnell wieder ansteigen kann“. Und er erinnert daran, dass im Landkreis Schwandorf noch zwei weitere Gemeinschaftsunterkünfte im Werden sind: An der Egelseerstraße in Schwandorf steht ab Ende August Platz für bis zu 150 Flüchtlinge zur Verfügung,ebenso in einer Unterkunft in Nittenau. Wie die beiden Einrichtungen im Detail belegt werden sollen, ist nach den Worten Dr. Feichts noch offen.

Ein weiteres: Wenn die Asylbewerber ihre Anerkennung in der Tasche haben, dann fallen sie zwar aus der ein oder anderen Statistik. Aber sie sind deswegen doch nicht fort. „Wir haben eine Entspannung, aber wir haben noch keine Problemlösung“, sagt deshalb Pressesprecher Hans Prechtl vom Landratsamt. Problemlösung, das wäre eine funktionierende Integration – für die bedarf es allerdings eines langen Atems.

Jeder Vierte ist „Fehlbeleger“

Wer wüsste das besser als die Neuankömmlinge selbst? Ihre Kinder gehen in den Kindergarten oder in die Schule, sie selbst büffeln Deutsch oder bewerben sich um einen Job. Doch auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sind auch die meisten anerkannten Flüchtlinge noch nicht wirklich angekommen. Oft suchen Familien und junge Erwachsene monatelang nach einer Bleibe – wer etwas findet, hat manchmal einfach nur Glück. In der Oberpfalz, schätzt Dr. Feicht, liegt die sogenannte Fehlbelegungsrate in den Gemeinschaftsunterkünften bei 25 Prozent, „Tendenz steigend“. Allein im Landkreis Schwandorf gibt es nach den neuesten Zahlen fast 370 Fehlbeleger – also anerkannte Asylbewerber, die mangels Alternativen in den Unterkünften wohnen.

„Wenn sich die sprachlichen Fähigkeiten verbessern, werden wir auch deutlich mehr Erfolg bei der Vermittlung haben“.

Jobcenter-Geschäftsführer Gunter Burgerspfleger

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist noch viel Luft nach oben. Das Jobcenter verstärkt deshalb zum 1. September das „Flüchtlingsteam“, das eigens zur Betreuung anerkannter Asylbewerber eingerichtet wurde. Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter drei Halbtagskräfte, sollen künftig für die Abwicklung von Geld- und Sachleistungen, vor allem aber für die Vermittlung der neuen Kunden zuständig sein. „Wir müssen unsere Bemühungen verstärken“, sagt Geschäftsführer Gunter Burgerspfleger.

Bis zu 1200 neue „Kunden“

Derzeit betreut das Jobcenter genau 605 anerkannte Asylbewerber im Landkreis Schwandorf. Bis Jahresende, legen Prognosen nahe, wird sich die Zahl zwischen 1000 und 1200 einpendeln. Bisher hielt sich der Vermittlungserfolg in engen Grenzen, räumt Burgerspfleger ein. Man bewege sich „im Bereich zwischen zehn und 20 Integrationen“. Doch der Leiter des Jobcenters wirbt gleichzeitig um Verständnis: „Für eine Berufsausübung oder Ausbildung ist ein gutes Sprachniveau erforderlich. Die meisten neuen Kunden hatten aber einfach zu wenig Zeit, um ausreichend Deutschkenntnisse zu erwerben“. Immerhin: Zum 1. September würden die ersten Flüchtlinge eine Ausbildung aufnehmen. Und für die Zukunft sieht Burgerspfleger durchaus noch weitere Perspektiven für die Arbeitsuchenden: „Wenn sich die sprachlichen Fähigkeiten verbessern, werden wir auch deutlich mehr Erfolg bei der Vermittlung haben.“

Aktuelle Nachrichten aus dem Kreis Schwandorf lesen Sie hier.

Flüchtlinge in Zahlen

  • Flüchtlinge im Landkreis Schwandorf:

    Zum 31. Juli 2016 vermeldet die Statistik 916 Flüchtlinge in dezentralen Unterkünften, 312 in Gemeinschaftsunterkünften und 36 in der Erstaufnahmeeinrichtung in Schwandorf. Im Landkreis gibt es zudem noch rund 70 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Zu Hochzeiten in den vergangenen Monaten lebten über 1500 Flüchtlinge im Landkreis Schwandorf.

  • Dezentrale Unterkünfte:

    Für die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen hatte der Landkreis bis zu 142 Objekte mit rund 1400 Plätzen angemietet. Bis 30. Oktober wurden inzwischen bereits 15 Objekte mit rund 150 Plätzen gekündigt, so dass zurzeit noch 127 Objekte in 16 Gemeinden bleiben. Von den 1250 Plätzen sind momentan 197 nicht belegt.

  • Fehlbeleger:

    Fehlbeleger sind anerkannte Asylbewerber, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Bleibe finden, Im Landkreis Schwandorf gibt es rund 370 Fehlbeleger in den dezentralen Unterkünften. Die Regierung der Oberpfalz schätz ihre Quote im Regierungsbezirk auf rund 25 Prozent, „Tendenz steigend“.

  • Jobcenter:

    Das Jobcenter Schwandorf betreut zurzeit 605 Flüchtlinge auf Arbeitssuche. Hochrechnungen prognostizieren, dass ihre Zahl in diesem Jahr noch auf 1000 bis 1200 Personen steigen wird. Das Jobcenter erhöht deshalb am 1. September die Zahl der im „Flüchtlingsteam“ arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf acht (davon sind drei Halbtagsstellen). (hh)

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