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Verweis aus dem Haus der guten Hirten

Junge Flüchtlinge verlieren Perspektiven, weil sie Schutzeinrichtungen verlassen müssen – obwohl die immer leerer werden.
Von Reinhold Willfurth

Im Beruflichen Förderzentrum im Haus des Guten Hirten können die jungen Flüchtlinge einen Beruf erlernen.
Im Beruflichen Förderzentrum im Haus des Guten Hirten können die jungen Flüchtlinge einen Beruf erlernen.Foto: KJF

Schwandorf.Der junge Mann aus Aleppo hat hier eine zweite Heimat gefunden, weitab von seiner vom syrischen Bürgerkrieg zerstörten Heimatstadt. Über abenteuerliche Wege quer durch Europa und via Kinderheim St. Vincent in Regensburg, der Vermittlungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge (KJF), kam er schließlich Anfang 2015 im Haus des Guten Hirten an. In der dortigen Wohngruppe fasste er, fürsorglich betreut von Pädagogen, wieder Mut – und einen Entschluss: Er werde in seinem Gastland eine Lehre machen und hier arbeiten, bis er eines Tages nach Syrien zurückkehren würde, um dabei zu helfen, sein zerstörtes Heimatland wieder aufzubauen.

Der Traum des jungen Syrers ist dabei, sich in einen Albtraum zu verwandeln, seitdem er weiß, dass er im August seine zweite Heimat verlassen muss, obwohl er wahrscheinlich in Deutschland bleiben kann. Der 17-jährige Jugendliche hat das Pech, im Juli 18 Jahre alt zu werden. Der Freistaat Bayern, der die Betreuung junger, unbegleiteter Flüchtlinge vom Bund übernommen hat, kennt keinen Pardon: Wer als erwachsen gilt, muss die Unterkunft grundsätzlich verlassen.

Ausnahmen von der Regel

Dass der 17-Jährige sehr wohl weiteren Betreuungsbedarf habe, spiele keine Rolle, sagt Otto Storbeck, der Leiter des beruflichen Förderzentrums. Dabei seien Ausnahmen von der Regel in begründeten Fällen sogar vorgesehen – nur offenbar nicht für junge Flüchtlinge.

Begleitet von guten Wünschen von OB Andreas Feller (2. v. l.) und der städtischen Koordinatorin Irene Duscher leben sich junge Flüchtlinge seit 2015 in der Unterkunft von Dr. Loew in die deutsche Gesellschaft ein.
Begleitet von guten Wünschen von OB Andreas Feller (2. v. l.) und der städtischen Koordinatorin Irene Duscher leben sich junge Flüchtlinge seit 2015 in der Unterkunft von Dr. Loew in die deutsche Gesellschaft ein.Foto: fu/Archiv

Der junge Syrer ist kein Einzelfall: Die Hälfte der derzeit gut 30 Jugendlichen müsse zum Ferienbeginn das Haus des Guten Hirten verlassen, sagt Storbeck. Dabei seien viele seiner Schützlinge auf einem guten Weg in die Integration gewesen. Die Mitarbeiterinnen seien nicht nur Betreuerinnen gewesen, sondern oft Ersatz für die fehlenden Mütter der jungen Leute.

Wie sich der neuerliche Heimatverlust auf die Jugendlichen auswirke, könne man an deren desolaten psychischen Zustand ablesen. Die Anspannung über die unsichere Zukunft entlade sich in Lustlosigkeit und Resignation. Auch die erste Sachbeschädigung aus Frust hat Storbeck schon registrieren müssen.

Frust über die rigorose Haltung des (Frei-) Staats ist auch die vorherrschende Gemütslage bei den pädagogischen Mitarbeitern in den Wohngruppen. „Eineinhalb Jahre Arbeit umsonst“, höre er oft, sagt der Leiter des Hauses. Und: „Ich kann nicht mehr!“ Der erste Kündigungswunsch liege auf seinem Schreibtisch. Dazu komme die Unsicherheit über die berufliche Zukunft. Immer weniger Flüchtlinge kommen in Deutschland an, dementsprechend rücken auch weniger unbegleitete Jugendliche in den speziell für sie installierten Wohngruppen nach.

Im Haus des Guten Hirten arbeiten und leben Sozial- und Heilpädagogen und Erzieher auf insgesamt 17,5 Stellen mit den Jugendlichen. „Wir werden eine Gruppe schließen müssen“, kündigt Otto Storbeck an. Immerhin hofft er, dass das ohne Kündigungen abgeht. Im September eröffnet das Haus des Guten Hirten eine dritte Heilpädagogische Jugendwohngruppe, dafür wird Personal benötigt. Das nützt aber den jungen Leuten, die in wenigen Wochen aus der Wohngruppe ausziehen und sich irgendwo nach einer Bleibe umsehen müssen, nichts.

Acht der neun jungen Flüchtlinge, die für einen Modellversuch als Lehrlinge bei der Firma Horsch ausersehen wurden (die MZ berichtete), leben derzeit noch im Haus des Guten Hirten. Wenn diese jungen Leute Anfang August auf der Straße stünden, sei das Projekt in Gefahr, befürchtet Otto Storbeck. Deshalb habe er angeboten, eine Art Übergangs-Wohngemeinschaft in seinem Haus einzurichten, in dem die jungen Leute in sechs Monaten auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden. Das Kreisjugendamt habe abgelehnt, sagt Storbeck. Noch mehr Kopfzerbrechen bereiten den Betreuern die Mädchen unter den jungen Flüchtlingen. Für sie, die oft aus Ländern stammen, in denen Frauen wenig oder gar keine Bildung zugestanden wird, ist der Weg zur Integration meistens noch länger als bei den Jungs. Storbeck setzt seine Hoffnungen hier auf ein Sonderprogramm der Bundesagentur für Arbeit. Demnächst ist der Vize der Regionaldirektion Bayern, Klaus Beier, zu Gast im Haus des Guten Hirten, um darüber zu sprechen.

Landratsamt: Wir prüfen jeden Fall

In der Unterkunft für junge Flüchtlinge von Dr. Loew in der Schwandorfer Innenstadt machen sich die Betreuer ebenfalls Sorgen, wie es mit ihrer Einrichtung weitergehen soll. Auch hier verließen Jugendliche nach und nach die Einrichtung – die meisten allerdings, „weil sie keinen weiteren Betreuungsbedarf mehr haben“, sagt Leiterin Ramona Scheunemann. Alle Probleme seien deshalb aber nicht gelöst, etwa die Wohnungssuche. Deshalb überlege ihr Team, eine Art betreutes Wohnen anzubieten, wo sich die Mitarbeiter stundenweise der jungen Leute annehmen. Derzeit leben in der Schwandorfer Einrichtung noch zwölf Jugendliche – mit abnehmender Tendenz. „Wir überlegen, wie wir weitermachen“, sagt Scheunemann.

Das Haus des Guten Hirten ist für die jungen Flüchtlinge zur zweiten Heimat geworden.
Das Haus des Guten Hirten ist für die jungen Flüchtlinge zur zweiten Heimat geworden.

Das fragt sich das Team im Haus des Guten Hirten derzeit auch. Otto Storbeck fühlt sich vom Kreisjugendamt und von der Regierung der Oberpfalz „alleingelassen“. In anderen Bundesländern werde das Problem anders gelöst: „Hier steht der Mensch im Mittelpunkt“, so Storbeck.

Markus Roth, Sprecher der Bezirksregierung, verweist auf die Rechtslage: Den zusätzlichen Bedarf bei der Jugendhilfe stellten alleine die Kreisjugendämter im Auftrag des Bezirks Oberpfalz fest.

Das Kreisjugendamt habe bisher in keinem Fall eine Jugendhilfemaßnahme ohne umfangreiche Prüfung der Kriterien (s. Kasten) pauschal eingestellt, stellt Sprecher Hans Prechtl fest. Jugendliche wollten sogar von sich aus mit Vollendung des 18. Lebensjahres aus einer Einrichtung ausziehen und wünschten keine Jugendhilfemaßnahme mehr.

Die überwiegende Anzahl der Jugendlichen wolle zudem mit Beginn der Ausbildung nicht mehr in einer vollstationären Einrichtung verbleiben, da sie aus ihrem Ausbildungsentgelt 75 Prozent als Kostenbeitrag zu den Jugendhilfekosten zuzahlen müssten.

Zum Teil wollten die jungen Flüchtlinge auch so rasch wie möglich Geld in die Heimat senden, damit ihre vom Familienverbund bezahlten Fluchtkosten beglichen werden können.

Die Rechtslage

  • Prüfung:

    In der Regel werde der Hilfebedarf mit zunehmender Handlungssicherheit des unbegleiteten Minderjährigen geringer, teilt das Kreisjugendamt mit. Gegebenenfalls sei auf einen Wechsel der Hilfeform bzw. Hilfeart hinzuwirken. Mit Erreichen der Volljährigkeit ist im Rahmen des Hilfeplanverfahrens der individuelle Hilfebedarf hinsichtlich der Gewährung von weiteren Hilfen zu prüfen.

  • Entwicklung:

    Einem jungen Volljährigen soll Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung und zur eigenverantwortlichen Lebensführung gewährt werden, solange die Hilfe aufgrund der individuellen Situation des jungen Menschen notwendig ist. Ambulante und stationäre Hilfen stehen zur Verfügung. Bei nicht (mehr) vorhandenem Hilfebedarf oder mangelnder Mitwirkungsbereitschaft werden Jungendhilfemaßnahmen beendet.

Otto Storbeck

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