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Warum Bier viel mehr ist als Gerstensaft

In den „Schwandorfer Biergeschichten“ zeigt Alfred Wolfsteiner, wie stark das flüssige Brot das Alltagsleben geprägt hat.
von Sebastian Heinrich, MZ

Der Autor mit seinem „Schnellschuss“: Alfred Wolfsteiner hat seine „Biergeschichten“ in wenigen Wochen geschrieben.
Der Autor mit seinem „Schnellschuss“: Alfred Wolfsteiner hat seine „Biergeschichten“ in wenigen Wochen geschrieben. Foto: Schönberger

Schwandorf.Es ist ein Brief wie ein Hasskommentar auf Facebook: kreative Rechtschreibung und Grammatik, gewaltverherrlichender Inhalt. Ziel der Wut: die Schwandorfer Bierbrauer und ihre vermeintliche Raffgier. „Wofern das ihr Bürbrauer das bür nicht Büllieger gebet, so wierd Eich in Acht Tagen alles in Trümmern zerschlagen.“ Unterzeichnet: „Das Komando“. Im Jahr 1865 fand die Schwandorfer Polizei den Zettel mit dieser Gewaltandrohung, sechs Zeilen roher Hass in schwungvoller Schreibschrift auf fleckigem Papier.

Die Warnung an die Schwandorfer „Bürbrauer“ aus dem Jahr 1865.
Die Warnung an die Schwandorfer „Bürbrauer“ aus dem Jahr 1865. Foto: Stadtarchiv Schwandorf

Der Zettel ist längst vergilbt. Ein Abbild von ihm ist in Alfred Wolfsteiners „Schwandorfer Biergeschichten“ abgedruckt. Es ist eines der Erinnerungsfetzen, die der Schwandorfer Stadtbibliothekar zusammengetragen hat – für ein Buch, in dem er am Beispiel Schwandorf aufzeigt, warum Bier hierzulande seit Jahrhunderten so viel mehr ist als ein Getränk. Bier ist Grundnahrungsmittel, Exportgut. Es ist meist Kitt für die Gesellschaft, manchmal aber sozialer Sprengstoff.

Kratzen am Mythos Reinheitsgebot

Wolfsteiner beginnt die Geschichte vom Schwandorfer Bier in chronologischer Ordnung zu erzählen. Er schreibt von der Einführung einer Biersteuer im Jahr 1459, mit der die Stadt Schwandorf öffentliche Baumaßnahmen finanzierte. Von einem der wohl ältesten Heferezepte Bayerns, das aus Schwandorf stammt. Die Hefeproduktion war ein Meilenstein für die Qualität der Bierproduktion, zuvor waren die Brauer auf Spontangärungen angewiesen.

Wolfsteiner schreibt von einem Zollstreit der Schwandorfer mit den Burglengenfeldern: Im 16. Jahrhundert wollten Letztere die Schwandorfer zwingen, ihre Biertransporte in Richtung Regensburg durch Burglengenfeld fahren zu lassen, um dort Maut zu kassieren. Schon diese Episode zeigt: Bier war auch in Ostbayern schon vor Jahrhunderten ein Wirtschaftsfaktor. Und ein Streitthema.

139 Seiten lang sind Wolfsteiners Biergeschichten, Anlass für ihre Erscheinung ist das 500. Jubiläum des bayerischen Reinheitsgebotes. Doch ausgerechnet am Mythos vom puren bayerischen Gerstensaft – in dem nur Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sein dürfen – kratzt Wolfsteiner schon auf den ersten Seiten. „Saltz / Crametbeer (Wacholderbeeren)/ und ein wenig Kümel“ toleriere man auch im Bier, steht in der für Schwandorf gültigen Landespolizeiordnung von 1616.

Alfred Wolfsteiner leitet seit 1982 die Schwandorfer Stadtbibliothek. Er war einer der Initiatoren der 2001 erschienenen Schwandorfer Stadtchronik und hat weit über 100 Aufsätze, Bücher, Artikel über die Geschichte seiner Heimat geschrieben. In seinen „Biergeschichten“ bleibt er nahe an den Quellen, zitiert viel. Zu Beginn liest sich das Buch etwas mühsam, trocken – und Schnitzer in Zeichensetzung und Rechtschreibung fallen auf. Aber Wolfsteiner steht dazu. „Das Buch war ein Schnellschuss“, sagt er. Die richtige Arbeit daran habe er erst im Januar begonnen, Ende April wurde es anlässlich einer Ausstellung zur Geschichte des Schwandorfer Biers vorgestellt. Es habe sich angeboten, aus dem Material für die Ausstellung ein Buch zu schreiben.

Trotz der Eile und der damit verbundenen Mängel: Es ist eine lohnende Lektüre für alle, die sich für Oberpfälzer Geschichte interessieren. Wer die „Biergeschichten“ liest, der erkennt an vielen Beispielen, wie der Gerstensaft über Jahrhunderte das Leben der Menschen in Ostbayern bestimmt hat.

Infos zum Buch, der damit verbundenen Ausstellung und den Erlebnis-Bierführungen der Stadt Schwandorf finden Sie hier:

Schwandorfer Biergeschichten

  • Das Buch:

    Das neue Buch von Alfred Wolfsteiner mit dem Titel „Schwandorfer Biergeschichten von Bierbrauern und Bierkiesern, Wirtshäusern, Wirten und ihren Gästen“ ist zum Preis von 17,90 Euro im Tourismusbüro (Kirchgasse 1), im örtlichen Buchhandel und über die Stadtbibliothek Schwandorf erhältlich.

  • Die Ausstellung:

    Die neue Ausstellung des Stadtarchivs rund um das Thema Bier ist noch bis zum 28. Oktober im Schwandorfer Rathaus (Spitalgarten 1) zu sehen. Sie kann zu den üblichen Öffnungszeiten des Rathauses, Montag bis Mittwoch von 08:00 Uhr bis 16:00 Uhr, Donnerstag von 08:00 bis 17:00 Uhr und Freitag von 08:00 bis 12:00 Uhr besichtigt werden.

  • Die Stadtführung

    Zur Geschichte des Biers in Schwandorf bietet die Stadt außerdem Erlebnisführungen durch das Stadtgebiet an. Für August und September sind bisher fünf Termine angesetzt, einer davon am 5. August, dem internationalen Tag des Bieres.

Wolfsteiner dokumentiert, wie in Schwandorf das Bier (aber auch der Wein, der bis ins 16. Jahrhundert in der Stadt angebaut wurden), das Alltagsleben prägten. In der Schwandorfer Ehehaftordnung von 1722 ist das nachzulesen: In ihr wird verboten, das Cufet (Dünnbier) zu strecken und vor hohen kirchlichen Festen nach 20 Uhr zu zechen. Und es wird vorgeschrieben, in Wirtshäusern bei trinkseligen Hochzeiten alle Ecken so auszuleuchten, dass sich Hochzeitsgäste nicht allzu nahe kommen können.

Bier als Medizin und Apokalypse

Bier war Medizin: Der in Schwandorf geborene Benediktinerpater Odilo Schreger, ein Bestsellerautor des ausgehenden 18. Jahrhunderts, empfiehlt in seinem „Nutzlichen Zeitvertreiber“, mit warmem Bier das „Angesicht“ zu waschen – das mache „weiche, zarte Haut“. Als Haarspülung vertreibe warmes Bier die Milben, eine Bier-Fußmassage helfe Kindern, den Husten loszuwerden.

Die Bierseligkeit hatte aber auch ihre Schattenseiten, Odilo beleuchtet sie schonungslos. In seinem Zeitvertreiber gibt Odilo den Kulturpessimisten, mahnt „Friss und sauf ist jetziger Lebenslauf“, fordert, man möge jeden Betrunkenen „wie ein dummes Vieh“ öffentlich vorführen, um Kinder abzuschrecken. Und er schreibt apokalyptisch: „Wo findet der Teutsche den Tod? Im Trinck-Glaß“.

Derlei nüchterne Standpauken konnten freilich den Boom des Schwandorfer Biers nicht verhindern. 1840 beschäftigte die Stadt zwei Braumeister, Bürger duften gegen die Zahlung von „Mulzzins“ und „Kesselgeld“ in den städtischen Braukesseln selbst Bier brauen und es dann verkaufen. Später verkaufte die Stadt ihre Braustätten, die Communbraugesellschaft wurde gegründet, bis schließlich dank der liberaleren Wirtschaftsordnung drei weitere Privatbrauerein gegründet wurden. Es begann eine Blütezeit: Wolfsteiner erzählt die Geschichten der Weißbierbrauerei Mehrl, der Schlossbrauerei Fronberg, von Schmidt-Bräu, Brauerei Hubmann, Brauerei Plank – die später nach und nach eingingen. So wie irgendwann die Wirtshäuser.

Ein Bierwagen der Brauerei Plank. Das Foto wurde um das Jahr 1930 aufgenommen.
Ein Bierwagen der Brauerei Plank. Das Foto wurde um das Jahr 1930 aufgenommen. Foto: Stadtarchiv Schwandorf

Überhaupt, das Wirtshaus: Den Schwandorfer Bierschenken und Biergärten widmet Wolfsteiner einen großen – und den amüsantesten –Teil des Buchs. Er schreibt von den Stammtischen, die sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert dort trafen, von Bockbierfesten, vom Faschingsball um eine „Maskierte Knödelpartie“, von den Kirwa-Festen im Umland Schwandorfs, zu denen die Jugend der Stadt zog.

Ankündigung im Amtsblatt vom 7. Februar 1895
Ankündigung im Amtsblatt vom 7. Februar 1895 Foto:Stadtarchiv Schwandorf

Ein ganzes Kapitel des Buchs dreht sich um das Kartenspiel im Wirtshaus, Eugen Okers Essay über das Watten aus einem Merian-Reiseführer ist vollständig abgedruckt. Es folgen Anekdoten über Raufereien, Viehdiebstähle und die groteske Episode einer Gerichtsverhandlung wegen „Hinlassen eines Furzes in beleidigender Absicht“. Aber auch die Geschichte über den Schwandorfer Gastwirt Michael Baier, der sich während der Nazi-Diktatur immer wieder mit der Obrigkeit anlegte.

Längst verblichen: Die Gaststätte „Zum Fünferl“ an der Schwandorfer Stadtgrenze an der Straße nach Fronberg. Die Aufnahme stammt wohl aus den 1930er Jahren.
Längst verblichen: Die Gaststätte „Zum Fünferl“ an der Schwandorfer Stadtgrenze an der Straße nach Fronberg. Die Aufnahme stammt wohl aus den 1930er Jahren. Foto: Stadtarchiv Schwandorf

Die wehmütigsten Seiten des Buches sind die mit den Nachrufen: auf die „Genickschußbar“ und das Lokal „Zum letzten Fünferl“, auf verblichene Wirtshäuser und Restaurationen, die einst Stadtbild und Alltagsleben der Schwandorfer prägten. Und die irgendwann verschwanden. Noch ein Stück Biergeschichte, dem Alfred Wolfsteiner ein Denkmal setzt.

Ob die „Religion“ Reinheitsgebot, jüdische Brautradition – oder das Porträt einer Bierkönigin: In unserer Bierserie beleuchten wir viele Seiten des Lieblingsgetränks der Bayern.

Alle Teile unserer Bierserie finden Sie hier.

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