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Rückblick

Als in Wackersdorf Bürgerkrieg herrschte

Der Konflikt um die WAA erreichten vor 30 Jahren, an Pfingsten 1986, eine neue Dimension. 400 Menschen wurden verletzt.
Von Elisabeth Hirzinger

Bilder von dem brennenden Polizeifahrzeug wurden am Abend des Pfingstmontag von allen Fernsehsendern ausgestrahlt. Foto: Hirzinger
Bilder von dem brennenden Polizeifahrzeug wurden am Abend des Pfingstmontag von allen Fernsehsendern ausgestrahlt. Foto: Hirzinger

Wackersdorf.Schon an Ostern 1986 sah Polizeipräsident Hermann Friker den „Kulminationspunkt der Auseinandersetzungen“ überschritten. Aber es waren noch Steigerungen möglich. Das zeigte sich ein paar Wochen später. Am Pfingstsonntag und Pfingstmontag verzeichneten Polizei und Bürgerinitiative insgesamt rund 400 Verletzte, wobei die Zahl der „Opfer“ auf beiden Seiten etwa gleich groß war.

Seit Tschernobyl hatte sich der Protest gegen das geplante atomare Großprojekt bei Wackersdorf verschärft. Der Widerstand gegen „eine WAA im Land“ überschritt die Grenzen Bayerns. Aus allen Teilen der Bundesrepublik kamen Wochenende für Wochenende Demonstranten. Rund 20 000 waren es an Pfingsten. Die Atomkraftgegner, friedliche und gewaltbereite, bildeten am Pfingstsonntag und Pfingstmontag eine gemeinsame Front gegen die Staatsmacht und den Polizeistaat.

Aktivisten stoppten Eilzug

5000 bis 7000 der WAA-Gegner verbrachten Pfingsten im Anti-WAA-Camp. Darunter auch gewaltbereite Autonome, die ihre eigenen Aktionen durchzogen, die im Vorfeld versuchten, mit einem Bagger ein Tor im Bauzaun aufzubrechen, einen Hochspannungsmasten umsägten und einen Eilzug stoppten. Aktionen, die zeigen sollten, dass man den aktiven Widerstand nicht darauf beschränken würde, nur am Bauzaun zu sägen.

Ob Oberpfälzer oder Auswärtige, sie alle werden den Pfingstmontag 1986 wohl nicht vergessen. Der Feiertag begann für viele wie ein ganz normaler Ausflugstag: Zahllose Familien pilgerten am 19. Mai 1986 bei herrlichem Sommerwetter mit Kind und Kegel zum WAA-Gelände. Tausende marschierten, vorbei an Wurstbuden und Versorgungsständen, die ehemalige Bandstraße hinunter Richtung Bauzaun. Doch was sie dort unten am Nachmittag erlebten, übertraf die schlimmsten Erwartungen.

Dass die Polizei an der bayerischen Linie festhalten würde, hatte Friker schon im Vorfeld angekündigt, dass die Auseinandersetzung eskalieren könnte, hatten WAA-Gegner wie Polizeistrategen geahnt, aber dass es in Wackersdorf zum Bürgerkrieg kommen würde, hatte wohl keiner geglaubt oder glauben wollen.

Neue Taktik: Angriff aus der Luft

Niemand konnte damit rechnen, dass die Polizei an jenem Pfingstmontag ohne Rücksicht auf Kinder, Sanitäter und alte Leute losschlagen würde. Jeder Stein, den Autonome in Richtung Polizei warfen, wurde massiv mit Reizgas gekontert, zunächst aus Wasserwerfern und später aus der Luft, mit Gasgranaten, die GSG-Einheiten aus Hubschraubern auf alles abwarfen, was sich unter ihnen bewegte. Die Angriffe aus der Luft waren die neue Taktik der Polizei.

Hier finden Sie mehr über die „Pfingstschlacht von Wackersdorf“

Jedes Wochenende demonstrierten die Menschen am Wackersdorfer Bauzaun. An Pfingsten 1986 eskalierte die Lage.
Jedes Wochenende demonstrierten die Menschen am Wackersdorfer Bauzaun. An Pfingsten 1986 eskalierte die Lage. Foto: dpa

Die Wirkung der Gasgranaten, die dicht über den Köpfen der Menschen abgeworfen wurden, war furchtbar. Erwachsene und Kinder schrien, Väter warfen sich über ihre Kinder, weinend suchten alte Menschen auf dem Boden Deckung. Durch den Wald flüchtende WAA-Gegner wurden von Hubschraubern verfolgt, noch in einem Kilometer Entfernung vom Bauzaun fielen Wurstbuden um, flog den Demonstranten das Essen um die Ohren. Und die Polizisten, die zu Fuß die Verfolgung aufnahmen, hatten grünes Licht zum Schlagstockeinsatz.

Panik brach aus. Im Bereich des Rot Kreuz-Platzes herrschte totales Chaos. Zum Teil flogen die Hubschrauber nur noch 20 Meter über dem Boden, so tief, dass der Wind der Rotorblätter die Demonstranten in eine dichte Wolke aus Staub und Gas hüllte. Dem Bombardement von oben entkam niemand.

Wie die Proteste die Oberpfalz verändert haben, lesen Sie hier.

Volkes Zorn brach sich Bahn

Am späten Nachmittag brach sich dann Volkes Zorn Bahn. Die oft unverhältnismäßigen Knüppeleinsätze, die pausenlosen Reizgasattacken provozierten schließlich auch friedliebende WAA-Gegner. „Brave“ Oberpfälzer ließen Vermummte und Autonome nicht nur gewähren, sondern unterstützten sie mit mehr als unverhohlener Sympathie. Worte, Argumente, sie kamen nicht mehr an. Der angestaute Ärger entlud sich auf „die da oben“.

In unserer Bildergalerie zeigen wir Eindrücke des Widerstandes:

25 Jahre Baustopp der WAA

Polizisten wurden verheizt

Chancenlos war in dem Tumult ein kleines Häuflein von rund 80 Bereitschaftspolizisten, die außerhalb des Zaunes inmitten der aufgebrachten Menschenmenge rund 500 Aktivisten gegenüber standen. Sie wurden vor dem Bauzaun und vor den Augen ihrer Kollegen hinter dem Bollwerk regelrecht verheizt. Mehrere Hundertschaften wurden aufgerieben, mussten immer wieder ausgetauscht werden. Während die Polizei Gasgranaten abwarf, flogen aus den Reihen der Autonomen Molotow-Cocktails, Stahlkugeln und Feuerwerkskörper. Bis zwei Polizeifahrzeuge, die von WAA-Gegnern umgeworfen worden waren, brannten. Das Umfeld des WAA-Baugeländes glich an Pfingsten einem Schlachtfeld, von dem immer wieder Verletzte weggetragen wurden. Über 1000 Mal leisteten die Sanitäter Erste Hilfe. Das Rote Kreuz, das am Sonntag und Montag mit 17 Rettungsfahrzeugen und drei Ärzten vor Ort war, blieb von den Angriffen der Polizei nicht verschont. Eine CS-Granate landete direkt auf einem Rettungsfahrzeug. Warum die Polizei, die ihre Hundertschaften hinter dem Zaun zusammengezogen hatte, am Montag einen kleinen Teil ihrer Einsatzkräfte nach draußen zwischen die Demonstranten schickte, blieb den WAA-Gegnern ein Rätsel. Genauso wie sich der Sinn der neuen Polizeitaktik nicht erschloss. Bei der Polizeipressekonferenz, wo die Wirksamkeit der Hubschrauberangriffe hinterfragt wurde, antworteten die Sprecher nur ausweichend, räumten schließlich eine „nur kurzzeitige Wirkung“ ein.

Der Innenminister wehrt ab

Innenminister Karl Hillermeier dagegen ging in die Offensive. Vorwürfe, die Polizei habe ohne Rücksicht auf Verluste auch hunderte unschuldige Demonstranten verfolgt und in Gefahr gebracht, wehrte er ab: „Jeder, der hinkommt, muss damit rechnen, dass er von polizeilichen Maßnahmen in Mitleidenschaft gezogen wird“.

Dieser Text stammt aus unserer Print-Berichterstattung vom 3. Juni 2006. Autorin Elisabeth Hirzinger war als Redakteurin in der Lokalredaktion in Schwandorf Augenzeugin der Proteste in Wackersdorf.

Weitere Geschichten rund um den Kampf gegen die WAA in Wackersdorf finden Sie auf www.mittelbayerische.de/waa

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