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Heimatgeschichte

Streit um den richtigen Gedenkort

Firmen am ehemaligen WAA-Standort sprechen sich gegen die Idee aus, vor Ort an den Kampf gegen die Atomfabrik zu erinnern.
Von Reinhold Willfurth

  • An den Kampf gegen die WAA will man in Wackersdorf durchaus erinnern - die Frage ist nur wo und auf welche Weise.Foto: Archiv
  • Eine der wenigen Stellen, die an den Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf erinnert, ist das Franziskusmarterl.Foto: Archiv

Wackersdorf.Die Pläne für eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) sorgen auch über 25 Jahre nach deren Aus für Aufregung. Der Antrag der SPD, zumindest an drei Stellen an den Kampf gegen die Atomfabrik zu erinnern, fiel bei der Sitzung des Kreisausschusses am Montag durch. Die sechs Vertreter der CSU inklusive Landrat Thomas Ebeling und die beiden Kreisräte der Freien Wähler votierten dagegen, dass die Verwaltung die Idee überhaupt nur prüft. Fünf Räte waren dafür – neben den drei SPD-Vertretern auch ÖDP-Kreisrat Martin Prey und Peter Neumeier (Junge Wähler).

Ein Argument für die Ablehnung waren Stellungnahmen von Unternehmen auf dem ehemaligen WAA-Gelände. Der Wackersdorfer Bürgermeister Thomas Falter hatte auf Bitten von Landrat Ebeling dort nachgefragt – und Antworten erhalten, die es an Deutlichkeit nicht fehlen ließen. BMW-Werksleiter Thomas Dose etwa führt vor allem die Sorge um Parkplätze und Sicherheit rund um das Werksgelände ins Feld. Aber nicht nur das: Die BMW AG habe sich 1989 bereiterklärt, „aus der damaligen speziellen Situation eine Erfolgsgeschichte zu generieren ... Wir sehen daher keine Notwendigkeit, an die Zeit davor zu erinnern.“ Von einem „Erinnerungspfad“ fühle man sich „massiv gestört“, heißt es in einer E-Mail an Bürgermeister Falter. Der findet die Argumente „absolut zutreffend, und ich kann diese nur zusätzlich unterstreichen“, wie es in einer E-Mail an den Landrat vom Freitag heißt.

Grundsätzlich könne er sich mit Formen des Gedenkens an die WAA-Zeiten anfreunden, zum Beispiel durch Wanderausstellungen im Wackersdorfer Museum, sagt Thomas Dose im Gespräch mit der MZ. Auch Gedenkschilder, wie sie SPD-Sprecherin Evi Thanheiser als Kompromiss vorgeschlagen hatte, schließt er nicht aus. Der BMW-Werksleiter könnte sich sogar vorstellen, ein Schild an der ehemaligen Eingangshalle für Brennelemente anzubringen. Grundsätzlich aber wolle man historische Ereignisse, die damals die Gemeinde gespalten hätten, „nicht so in den Vordergrund heben“. Damit bette man sich auch in die „gesamtpolitische Lage“ ein.

Kommentar

Chance vertan

Es hilft kein Zetern und kein Klagen, die Geschichte der WAA ist Teil der Identität des Landkreises Schwandorf und sogar der Republik. Wer in anderen Teilen...

Auch Alexander Scherer, Werksleiter der Firma Sennebogen, spricht sich in einem schriftlichen Statement gegen einen Erinnerungspfad aus. Scherer führt Sicherheitsgründe an: Der sichere Zugang zum Werk und die klare Abgrenzung zwischen Industrie und Wohngebieten beziehungsweise Privatpersonen seien für seine Firma essenziell. Durch den angedachten Erinnerungspfad „sehen wir den aktuell sehr guten Sicherheitsstandard in unserem Industriegebiet als äußerst gefährdet an“, schreibt Scherer. Weniger explizit äußert sich die Firma Gerresheimer. Geschäftsführer Manfred Baumann zweifelt zwar die Sinnhaftigkeit des SPD-Antrags an, gelobt aber Neutralität in der Angelegenheit. Ein Erinnerungspfad müsse aber klar vom Firmengelände abgegrenzt sein, und der Landkreis müsse für Erstellung, Unterhalt und Pflege sorgen.

25 Jahre Baustopp der WAA

SPD-Sprecherin Evi Thanheiser hatte in ihrem Antrag betont, dass die Geschichte des Widerstands gegen die WAA „zur Geschichte dieses Landkreises und seiner Bürgerinnen und Bürger“ gehöre. 25 Jahre nach der Aufgabe der Planungen sei es an der Zeit, „an die Stätten des Widerstands zu erinnern und auf diese aufmerksam zu machen“. Die Erfolgsgeschichte von BMW, auf die man genauso stolz sei wie auf das Bürger-Engagement gegen die WAA, sei ohne den Baustopp gar nicht möglich gewesen. Viele junge Menschen in der Region wüssten aber allenfalls durch Erzählungen ihrer Eltern von den damaligen Geschehnissen.

„WAA – drei Buchstaben, zwei Meinungen“

CSU-Sprecherin Bettina Lohbauer stimmte zu, dass der Kampf gegen die WAA zur Landkreisgeschichte gehöre. Sie sehe aber auch die Bedenken der Firmen vor Ort. Deshalb und weil der Kampf gegen die WAA auch „bayernweite Bedeutung“ habe, sei das Gedenken im künftigen „Haus der Bayerischen Geschichte“ besser aufgehoben. Er sei „sehr skeptisch, ob das vernünftig ist“, sagte Landrat Thomas Ebeling zum Kompromissvorschlag der SPD, wenigstens an drei Stellen – dem Franziskusmarterl sowie dem Standort des Hüttendorfs und des „Chaotenecks“ – Gedenktafeln aufzustellen. Überdies lägen alle möglichen Gedenkorte auf Firmengelände, auf dem Areal der Bayerischen Staatsforsten oder auf dem Grund der VG Wackersdorf. Auf keiner dieser drei Grundstücksflächen werde es leicht, WAA-Denkmäler zu installieren.

So erinnern sich Zeitzeugen:

Max Politzka, einstiger Gemeinderat von Wackersdorf
Max Politzka, einstiger Gemeinderat von Wackersdorf

Max Politzka: Für den einstigen Gemeinderat von Wackersdorf und vehementen Befürworter der WAA hätte ein Erinnerungspfad durchaus Sinn gemacht. Politzka ist heute davon überzeugt, dass die Atomtechnik „nicht beherrschbar ist“. Und er ist „froh, dass es damals Leute gegeben hat, die sich gegen das Projekt gestemmt haben“.

Wolfgang Nowak, BI-Mitglied
Wolfgang Nowak, BI-Mitglied

Wolfgang Nowak: „Unverständlich“ ist Wolfgang Nowak, der von Anfang an in der BI gegen die WAA aktiv war, die ablehnende Haltung der Wirtschaft genauso wie die der CSU-Mitglieder. Er hätte es „total wichtig“ gefunden, die Erinnerung an die WAA-Zeiten zu erhalten, zumal „die Jugend gar nichts mehr weiß“. Für Nowak geht es um Geschichte, die man auch vor Ort dokumentieren müsse.

Gerhard Götz, Fotojournalist, Wackersdorf
Gerhard Götz, Fotojournalist, Wackersdorf

Gerhard Götz: Der Fotograf, der damals beim BGS beschäftigt war, war „jedes Wochenende draußen“, allerdings größtenteils privat, um zu dokumentieren, was dort passierte. Denn „Bilder lügen nicht“, sagt Götz, der es schade findet, dass man „nach so langer Zeit mit diesem Stück Geschichte nicht umgehen kann“. Das Thema, meint er, „sollte jeder neutral sehen“.

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In der Sitzung des Kreisausschusses Schwandorf im März 2015 beantragte die SPD-Fraktion, einen Erinnerungspfad an die Geschichte der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (WAA) zu errichten. Diese Idee kam bei den Firmen im Innovationspark weniger gut an. Was meinen Sie dazu?

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