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WAA: Räumkommando mit Axt und Säge

Vor 30 Jahren ließ die bayerische Staatsregierung das Hüttendorf auf dem WAA-Gelände räumen. Bürger widersetzten sich.
Von Reinhold Willfurth

2000 Bereitschaftspolizisten räumten am 7. Januar 1986 das Hüttendorf „Freies Wackerland“ auf dem geplanten WAA-Gelände.
2000 Bereitschaftspolizisten räumten am 7. Januar 1986 das Hüttendorf „Freies Wackerland“ auf dem geplanten WAA-Gelände.Foto: Archiv

Wackersdorf.Der Weihnachtsfrieden hat nicht lange gehalten. Am frühen Morgen des 7. Januar 1986 rücken 2000 Bereitschaftspolizisten, ausgerüstet mit Äxten, Sägen und Gewehren mit Tränengasaufsatz, im Taxölderner Forst vor, um dem dortigen Hüttendorf den Garaus zu machen. Am Abend haben sie es geschafft. Die Bilder von der Räumung des Protestcamps aber sind als abendliche Top-Meldung in der „Tagesschau“ zu sehen, und der Kampf um die geplante Atomfabrik brennt sich endgültig ins westdeutsche Bewusstsein ein. Auch wenn es noch drei Jahre dauert: Es ist der Anfang vom Ende für die WAA.

„Obwohl wir auf ganzer Linie verloren hatten, war es doch ein Riesenerfolg“, sagt Wolfgang Nowak, Mitglied in der einstigen BI gegen die Atomfabrik. 1989, gut drei Jahre, mehrere Großdemos und erbitterte Auseinandersetzungen später, kam das Aus für die WAA, das umstrittenste Industrieprojekt der deutschen Geschichte. Drei Menschen starben, Hunderte wurden verletzt, Hunderte verurteilt. Der Streit um das Atomprojekt entzweite ganze Familien, die Politik sowieso. Erst 2015, sechsundzwanzig Jahre nach dem Ende der Pläne für die Atomfabrik, rang sich der Kreistag nach teilweise emotionaler Diskussion dazu durch, zwei Gedenktafeln vor Ort aufzustellen.

Pfeifkonzert gegen FJS

Erna Wellnhofer sitzt in ihrem kleinen Bioladen in der Friedrich-Ebert-Straße und kramt in ihren Erinnerungen. Vor kurzem hat sie im Hotel Schwefelquelle ihren 90. Geburtstag gefeiert. „Bis aus München“ waren viele alte Weggefährten im Kampf gegen die WAA gekommen, um eine Frau zu feiern, die sich noch heute diebisch darüber freuen kann, einem Machtmenschen wie Franz-Josef Strauß Paroli geboten zu haben. Der damalige bayerische Ministerpräsident war im WAA-Krisenjahr nach Schwandorf gekommen, um sich im Sepp-Simon-Stadion noch einmal für die Atomfabrik in die Bresche zu werfen. „Wir haben die Pfeiferl in unseren Schuhen versteckt und sie so durch die strengen Kontrollen bekommen“, erinnert sich Wellnhofer. Das Pfeifkonzert der WAA-Gegner muss ohrenbetäubend gewesen sein. „Der Strauß hat hinterher gesagt, sowas habe er noch nicht erlebt“, freut sich die 90-Jährige.

„WAA – drei Buchstaben, zwei Meinungen“

Am frühen Morgen des 7. Januar 1986 bricht Wellnhofer zusammen mit ihrem Sohn Wolfgang in den Taxölderner Forst auf. Sie weiß: An diesem Tag wird ein großes Polizeiaufgebot die „harte bayerische Linie“ durchsetzen und das Hüttendorf auf der geplanten WAA-Baustelle räumen. Anfang Dezember haben im Taxölderner Forst die Rodungsarbeiten für die umstrittene Atomfabrik begonnen. Daraufhin demonstrieren nach Schätzungen der WAA-Gegner bis zu 40 000 Menschen gegen das Projekt. Über die Weihnachtsfeiertage und die Jahreswende 1985/86 entsteht dann die „Freie Republik Wackerland“ mit Blockhütten, Zelten und Baumhäusern. Bis zu 1500 WAA-Gegner campieren bei eisigen Temperaturen in dem Hüttendorf.

„Der Strauß hat hinterher gesagt, sowas habe er noch nicht erlebt.“

Zeitzeugin Erna Wellnhofer

Erna Wellnhofer marschiert mit einem mulmigen Gefühl zum Ort des Geschehens. Die Lehrerin an der Schwandorfer Kreuzbergschule weiß, dass manches BI-Mitglied aus Sorge vor beruflichen Schwierigkeiten daheim geblieben ist. Wolfgang Nowak packt heute noch das schlechte Gewissen, weil er an diesem Tag erst abends nach der Arbeit bei Buchtal in Schwarzenfeld in den Taxöldener Forst hinausgefahren ist, bepackt mit einer Thermoskanne Tee und „Zuckerhörndl“ für die Demonstranten.

25 Jahre Baustopp der WAA

Angst macht Erna Wellnhofer und ihren Mitstreitern die Staatsgewalt mit 2000 Polizisten und den tief über ihren Köpfen kreisenden Hubschraubern. „Wir haben uns untergehakt und uns mit Liedern von der Biermösl-Blosn Mut gemacht“, erinnert sie sich. Die bayerischen Volksmusiker unterstützen das Camp mit ihren Auftritten ebenso wie Bürger aus der Region, die Lebensmitteln bringen und das Dorf mit einer Menschenkette versuchen zu schützen.

In der „Wanne“ kaltgestellt

Es dauert dementsprechend lange, bis die Bulldozer anrollen und das Hüttendorf dem Erdboden gleichmachen können. Die Polizisten hätten gezielt junge Leute aus der Menschenkette herausgenommen und in die „Wannen“, wie die grünen Polizeibusse genannt wurden, geschleppt, sagt Wellnhofer. Dort hätten die WAA-Gegner teilweise stundenlang in der Kälte ausharren müssen, bis sie „erkennungsdienstlich behandelt“ worden waren.

In der Nabburger BGS-Kaserne wurden die meisten dann wieder schnell entlassen – zumindest WAA-Gegner aus der Region, sagt Erna Wellnhofer. Diese Praxis habe dem bayerischen Innenminister Karl Hillermeier (CSU) dessen verzerrte Statistik ermöglicht, nach der vor allem auswärtige Demonstranten im Taxölderner Forst am Werk gewesen seien und nicht auch Bürger aus der Region.

Keine Atomfabrik mit möglicherweise waffenfähigen Endprodukten – stattdessen eine blühende Industrielandschaft mit tausenden von Arbeitsplätzen: Aus Sicht der damaligen WAA-Gegner hat sich der Widerstand doppelt gelohnt. Der einstige Kontrahent, die CSU-Staatsregierung, betreibt die Energiewende, wenn auch nicht in dem Tempo, wie es sich Wolfgang Nowak wünscht. Aber dass die Politik auf den Kurs „Erneuerbare Energien“ eingeschwenkt ist, erfüllt ihn mit Stolz: „Eigentlich sind wir ganz schön gescheit gewesen damals“.

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