MyMz
Anzeige

Archäologie

Dokuzentrum zeigt viele Schätze

Die Grabungsfunde auf den Äckern in der Region werden nun in einem Dokumentationszentrum in Weiding ausgestellt.
Von Christina Röttenbacher

  • Die Schatzsucher sind seit Jahren am Werk und legen ein ums andere wertvolle Stück frei. Foto: Archiv
  • Dr. Hans Losert hielt einen informativen Vortrag. Foto: Röttenbacher
  • Ein Teil des Brunnens wird bei der Grabung freigelegt. Foto: Röttenbacher
  • Ein Nachbau des freigelegten Brunnens. Foto: Röttenbacher
  • Ein Nachbau des freigelegten Brunnens. Foto: Röttenbacher
  • Pfarrer Binu (5. von rechts) segnete das Dokuzentrum. Zu Gast waren der Schwarzacher Bürgermeister Alois Böhm (links), 2. Bürgermeister Franz Grabinger (4. v. r.), die Vorsitzende des Johannivereins, Sabine Stangl (3. v.r.), stv. Landrat Joachim Hanisch (2. v. r.) und MdL Franz Schindler (rechts)

Nabburg.Die Geschichte der Menschheit wird buchstäblich mit Füßen getreten. Wer im Gebiet Nabburg, Pfreimd über eine Wiese oder einen Acker läuft, bewegt sich über historischen Grund, über Gräberfelder und Siedlungsanlagen, über einstige Kampfstätten und rituelle Anlagen. In den 1990er-Jahren ist das von Landwirtschaft geprägte Gebiet in den Fokus von Archäologen geraten.

Bereits Mitte der 1980er-Jahre fielen dem Weidinger Ortsheimatpfleger Heinrich Schwarz bei Spaziergängen über die Felder des Schwarzachtals Keramikscherben auf. Seine erste Vermutung, es könnte sich um Artefakte einer slawischen Besiedlung aus dem Mittelalter handeln, bestätigte sich bei einer Prospektion im Jahr 1990. Trotzdem sollten noch zwölf Jahre bis zur ersten Forschungsgrabung 2002 vergehen. Die damals gemachten Funde durch Grabungsleiter Professor Dr. Erik Zameleit und dem Archäologen, Privatdozent Dr. Hans Losert von der Universität Bamberg rechtfertigten weitere Grabungskampagnen im Weidinger Gebiet Dietstätt.

Fundstücke landen in Johannihütte

Schnell stellte sich die Frage, wohin mit den Fundstücken, die eine mehr als 1250-jährige Besiedlungsgeschichte belegen. Die Antwort: Ein eigenes „Dokumentationszentrum Slawische Siedlung“, untergebracht in einem Anbau an die Johannihütte in Dietstätt, das am Samstag nach unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit, mit Hilfe zahlreicher Sponsoren und Helfern in einer Feierstunde und mit kirchlichem Segen durch Pfarrer Binu eingeweiht wurde. Das Dokumentationszentrum ist klein, aber fein und belegt die Besiedlung der Region durch slawische Stämme um die Zeit um 800.

Grabungsfunde Foto: Röttenbacher
Grabungsfunde Foto: Röttenbacher

Mittelpunkt der Ausstellung ist der originalgetreue Nachbau eines auf dem Grabungsfeld freigelegten, sechs Meter tiefen, mit Kanthölzern eingefassten Brunnens, „in hervorragender Handwerksqualität“, wie sich Grabungsleiter Dr. Hans Losert in seinem Fachvortrag begeisterte. In Vitrinen liegen Pfeil- und Speerspitzen, kostbare Grabbeigaben von Kindern, Frauen und hochgestellten Kriegern, bunte Glasperlen, vollständige und zerbrochene Keramiken, die germanische Einflüsse erkennen lassen und belegen, dass Migration kein Thema der Neuzeit ist.

Jeder, der zur Einweihungsfeier geladenen Gäste war ein „Ehrengast“. Ob die Landtagsabgeordneten Franz Schindler und Joachim Hanisch als stellvertretender Landrat, die Vertreter der Ortsheimtatpflege, des Kulturamtes Schwandorf, der Behörden und Verwaltung, der LAG-Brückenland Bayern-Böhmen oder die ehrenamtlichen Helfer, Gönner und Sponsoren aus der Weidinger Bürgerschaft. Jeder von ihnen hatte seinen Anteil zum Gelingen des kleinen Bauwerkes beigetragen, das nun die Geschichte und damit auch die Identifikation der Menschen mit ihrer Herkunft und Vergangenheit ermöglicht.

Die Ausstellung im Dokuzentrum – in der Mitte der Nachbau des Brunnens. Foto: Röttenbacher.
Die Ausstellung im Dokuzentrum – in der Mitte der Nachbau des Brunnens. Foto: Röttenbacher.

Einen kurzen Einblick über die Anfänge der Grabungskampagnen 2002 bei Dietstätt gab Bürgermeister Alois Böhm. Anschaulich schilderte er den unspektakulären Grabungsauftakt. „Ich sah nur aufgetürmte Humushalden, ein paar dunkle Stellen und freigelegte Steine.“ Erst die anschaulichen Erläuterungen durch den Grabungsleiter Professor Erik Szameleit habe Licht ins Dunkel der Erkenntnisse gebracht. Die dunklen Flecken wurden als Rest verfaulter Pfostenfundamente und Gebäudeteile identifiziert, die Steinfragmente als Öfen oder Darren. In den folgenden Grabungsjahren habe sich abgezeichnet, nahm der Bürgermeister den Fachvortrag durch Dr. Hans Losert vorweg, dass sensationelle Funde zu erwarten seien.

Johanniverein gegründet

Um die archäologische Sammlung zu ordnen, darzustellen, zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde der „Johanniverein zur Förderung der Dokumentation der slawischen Besiedlung im Schwarzachtal“ gegründet und im Zug der Sanierung der Johannihütte der Anbau für das Dokumentationszentrum geschaffen.

„In Bayern lebte der Rest der Heruntergekommenen, der Zurückgebliebenen und Fußkranken.“

Dr. Hans Losert

In seinem Fachvortrag stellte Grabungsleiter Dr. Hans Losert einen weiträumigen Kontext zu slawischen Besiedlungsgebieten wie am „Rauhen Kulm“ im Landkreis Neustadt/Waldnaab her. „In Bayern lebte der Rest der Heruntergekommenen, der Zurückgebliebenen und Fußkranken“, veranschaulichte er die nachgewiesenen Einwanderungsrouten der „Zugereisten“. Er ging auch auf die Schwierigkeiten ein, Funde richtig zu interpretieren, wie die in nur 15 Zentimeter Tiefe gefundenen „Bratpfannen“, die sich als Teil des Bestattungsritus herausstellten. Lange habe man gerätselt, warum die Köpfe der Toten mit schweren Steinen abgedeckt wurden. „Wohl aus Angst vor Untoten und Wiedergängern“. Die „Bratpfannen“ erwiesen sich als Gefäße für den Totenschmaus am Grab.

Bei den Grabungen wurden viele Keramiken gefunden. Foto: Röttenbacher
Bei den Grabungen wurden viele Keramiken gefunden. Foto: Röttenbacher

Spannend und kurzweilig war sein Vortrag zur gefundenen Drehscheibenkeramik „von außerordentlicher Qualität“ und die wachsende Spannung bei der Freilegung des Kastenbrunnens während der Kampagne 2007. „Erst haben wir an ein Grubenhaus gedacht. Wir haben gegraben und gegraben – bis in sechs Meter Tiefe. Das Grubenhaus stellte sich dann als Kastenbrunnen von herausragender Zimmermannsarbeit heraus“. Die frühesten Siedlungsbelege durch Slawen, das bis in die Hohe Tatra nachzuweisen ist, reichen, so Losert, bis in das 3. Jahrhundert zurück, wie am Fund eines Schwitzbades belegt ist. Migrationseinflüsse wie durch die Germanen, wenn auch nur geringfügig, konnte Losert anhand der Keramikfunde belegen. Die diesjährige Grabungskampagne läuft bereits seit einer Woche und alle sind gespannt, was sie diesmal bieten wird.

Aktuelle Nachrichten aus dem Kreis Schwandorf lesen Sie hier.

Das Dokumentationszentrum

  • Zentrales Objekt:

    Das Dokumentationszentrum enthält als zentrales Objekt den von Anton Schinder erstellten, originalgetreuen Nachbau des geborgenen Kastenbrunnens aus dem Jahr 765 n. Chr.

  • Konzept:

    Federführend bei der Konzeption und Gestaltung der Ausstellung waren die beiden Grabungsleiter Professor Dr. Erik Szameleit und Dr. Hans Losert, das Landesamt für Denkmalpflege Regensburg sowie die Landesstelle für nichtstaatliche Museen und die Designerin Stefanie Schecklmann.

  • In den Vitrinen

    sind Lesestücke sowie Fundstücke aus den Grabungen zu sehen.

  • An den Wänden

    wird auf illustrierten Plakaten die Siedlungsgeschichte vom Paläolithikum (Steinzeit) bis zum Mittelalter dargestellt.

  • Gefördert

    wurden der Bau und die Einrichtung aus Mitteln des Europäischen LEADER-Programm.

  • Weiding

    überließ das Grundstück und trug die Kosten für Baumaterialien und Fremdleistungen.

  • Der „Tag der offenen Tür“

    am Sonntag mit einer Führung durch Ortsheimatpfleger Heinrich Schwarz, einer Darstellung vom Leben in früherer Zeit und nachgestellten Schaukämpfen stieß auf große Resonanz. (hcr)

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht