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Justiz

Bankangestellte verliert Job und Ehre

Eine Sparkassenmitarbeiterin wird wegen Untreue zu 16 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zweifel an ihrer Schuld bleiben.
Von Thomas Rieke

Einhundert 500-Euro-Scheine sind im Sommer 2015 in einer Filiale der Sparkasse Schwandorf verschwunden. Verpackt waren sie in einem Safebag. Nun musste sich eine Angestellte wegen Untreue verantworten.
Einhundert 500-Euro-Scheine sind im Sommer 2015 in einer Filiale der Sparkasse Schwandorf verschwunden. Verpackt waren sie in einem Safebag. Nun musste sich eine Angestellte wegen Untreue verantworten.Foto: dpa

Schwandorf.Katharina S. (Name geändert!) ist sichtlich mitgenommen. Seit acht Stunden sitzt die 48-Jährige vor dem Schöffengericht in Schwandorf auf der Anklagebank und versucht, sich eines doch heftigen Vorwurfs zu erwehren. 50000 Euro soll die ehemalige Angestellte einer Sparkassenfiliale veruntreut haben. Ihr droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Ein Geständnis in letzter Minute hätte ihr am Mittwoch eventuell die Aussetzung der Strafe auf Bewährung vor dem Urteilsspruch sichern können. Doch Katharina S. beteuert mehrfach: „Ich kann doch nichts zugeben, was ich nicht getan habe!“ Ihr Anwalt, Heinz Ettl, sieht sich nicht nur als Verteidiger, sondern ist von der Unschuld seiner Mandantin überzeugt.

Bisher ein unbeschriebenes Blatt

Das hilft alles nichts. Amtsgerichtsdirektor Ewald Ebensperger folgt in dem anstrengenden Indizienprozess letztlich der Logik von Staatsanwalt Jan Prokoph und verurteilt die Angeklagte wegen „Untreue in einem besonders schweren Fall“ zu einem Jahr und vier Monaten Haft. Sofern sich Katharina S. in den nächsten drei Jahren nichts zuschulden kommen lässt, muss sie diese Freiheitsstrafe freilich nicht antreten. Das Schöffengericht honoriert, dass sie bisher ein unbeschriebenes Blatt war und stellt eine günstige Sozialprognose. Außerdem: Hatte es nicht auch einen verkappten Wiedergutmachungsversuch gegeben?

Zu den Kuriositäten des Falls zählt nämlich, dass rund eine Woche, nachdem die 50000 Euro verschwunden waren, dieselbe Summe wieder auftaucht. Ein Postboote übergibt in der Bankfiliale ein DIN-A5-Kuvert, in dem sich ein weiterer Umschlag mit Geld befindet. Auf diesem Umschlag steht: „Is’ de Matz endlich draußen?“ Das Gericht geht allerdings von einer Finte der Angeklagten aus. Die beleidigende Botschaft im Brief sollte nur den Verdacht auf eine dritte Person lenken.

Zur Vorgeschichte: Katharina arbeitete seit 1990 für die Sparkasse Schwandorf; zunächst in der Hauptstelle, ab 2013 aber in einer Filiale, die näher an ihrem Wohnort liegt. Das Betriebsklima sei ausgezeichnet gewesen, berichtet die 48-Jährige. Allerdings gab es mehrfach Auffälligkeiten in der Kassenabrechnung. Mal fehlten 7500 Euro, mal 10000 Euro. Keiner konnte sich das erklären.

Letztlich erstattet die Leitung des Geldinstituts Anzeige, die Kriminalpolizei Amberg beginnt ihre Untersuchungen. Dabei stellt sie schnell fest, dass mehrere Videokameras, die in der Bank beispielsweise die Tresore überwachen sollten, verdreht worden waren, so dass sie keine brauchbaren Aufzeichnungen liefern konnten. Die Kripo installiert deshalb versteckte Kameras. Im Juni 2015 spitzte sich die Situation zu. Katharina S. und eine Kollegin bereiten zum Ende eines Arbeitstags den Transport von 115000 Euro vor. Sie stecken das Geld in einen sogenannten Safebag, eine verklebbare Plastiktasche, die am nächsten Morgen von einem Sicherheitsdienst zur Bundesbankfiliale nach Regensburg gebracht werden soll.

Doch als dort nachgezählt wird, fehlen exakt 50000 Euro! Die Ermittler der Kripo Amberg kommen bald zu der Überzeugung, dass das Geld weder vom Sicherheitsdienst noch durch einen Mitarbeiter der Bundesbank unterschlagen werden konnte. Der Safebag wies keinerlei Spuren einer Manipulation auf. Die Tat musste in der Sparkassenfiliale begangen worden sein. Die nachträglich montierten Kameras bringen jedoch nur bedingt nützliche Hinweise. Eine von ihnen hatte kein Funksignal. Trotzdem kristallisieren sich für die Kripo letztlich drei Personen heraus, die allein oder gemeinschaftlich die Tat begangen haben müssen. Die Dienstpläne spielen beim Nachweis eine nicht unerhebliche Rolle. Letztlich erhärtet sich der Verdacht gegen Katharina S. Sie wird suspendiert. Bis zur Anklage dauert es aber rund eineinhalb Jahre, eine Zeit, in der die Angeklagte in eine psychische Krise gerät. Sie begibt sich in fachmännische Behandlung.

Safebag-Nummer als Beweis

In der Beweisaufnahme vor dem Schöffengericht kommt unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Ebensperger noch einmal jedes Detail zur Sprache. Rund ein Dutzend Zeugen wird befragt; eine Bankangestellte wird kurzfristig einberufen.

Letztlich ergibt sich für Staatsanwalt Prokoph ein klares Bild. Anhand der Indizien sei der Tatnachweis „selten gut und ohne Probleme zu führen“. Seine Theorie: Katharina S. habe an dem Tag, als sie mit einer Kollegin das Geld verpackte, in das Protokoll nicht die Nummer dieses Safebags eingetragen, sondern die eines zweiten, den sie sich, ohne dass es aufgefallen wäre, habe sichern können. In einem günstigen Zeitfenster habe sie die erste Tasche geöffnet, 50000 Euro abgezweigt und den Rest in die zweite gesteckt, die dann auf Reise geschickt wurde. Nachdem nur Katharina S. die Seriennummer des Safebags gekannt habe, komme nur sie als Täterin in Betracht. Nicht völlig auszuschließen sei freilich, dass sie und ihre Kollegin gemeinsame Sache gemacht hätten.

Verteidiger Ettl hielt Prokoph vor, er machte es sich doch etwas zu einfach. Aus seiner Sicht saß die falsche Person auf der Anklagebank; die Ermittler hätten viel zu früh den Filialleiter als Verdächtigen ausgeschlossen, obschon auf dessen Konten viel auffälligere Transfers nachzuweisen seien als bei Katharina S. Außerdem habe sich der Filialleiter zum Zeitpunkt, als die 50000 Euro entwendet wurden, eine Viertelstunde länger in der Bank aufgehalten als alle anderen.

AG-Direktor Ebensperger wollte dieser Argumentation nicht folgen. Der Filialleiter hätte nie alleine den Fingerprintsensor überwinden können; damit habe er keine Chance gehabt, den Tresor zu öffnen, in dem der Safebag deponiert war.

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Das Geld ist wieder da

  • Ablenkungsversuch?

    Zu den Kuriositäten des Falles, mit dem sich am Mittwoch das Schöffengericht zu befassen hatte, zählt, dass rund eine Woche, nachdem 50 000 Euro aus einem Safebag entwendet worden waren, diese Summe wieder aufgetaucht ist. Ein Postboote übergab in der Filiale ein DIN-A5-Kuvert, in dem sich ein weiterer Umschlag mit Geld befand. Auf diesem Umschlag stand: „Is de Matz endlich draußen?“ Das Gericht geht von einer Finte der Angeklagten aus. Die beleidigende Botschaft am Brief sollte den Verdacht auf eine dritte Person lenken.

  • Es gibt kein Zurück:

    Katharina S. hat die Möglichkeit, in Berufung zu gehen. Ihre Kündigungsschutzklage hat sie zurückgezogen. Was keinesfalls als indirektes Schuldeingeständnis zu werten sei. Vielmehr sehe sie sich aufgrund des Vertrauensbruchs seitens ihres Arbeitgebers nicht mehr in der Lage, jemals an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren. (ht)

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