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Justiz

Frau ließ 1292 Briefe verschwinden

Die Kurierfahrerin durchsuchte im Raum Regensburg und Schwandorf Sendungen nach Wertsachen – aus finanzieller Not.
Von Marion von Boeselager, MZ

Die 57-Jährige zeigte sich vor Gericht reumütig.
Die 57-Jährige zeigte sich vor Gericht reumütig. Foto: Winter

Regensburg.Eine Kurierfahrerin der Deutschen Post AG mit dem Auftrag, mehrmals wöchentlich Briefkästen in den Landkreisen Regensburg und Schwandorf zu leeren, missbrauchte ihren vertrauensvollen Job, um 1292 Briefe verschwinden zu lassen und nach Wertsachen zu durchforsten. In 105 Fällen wurde die 57-jährige Regensburgerin, die heute im Raum Schwandorf lebt, fündig und entnahm aus den Sendungen Banknoten, Schmuck, Gutscheine und andere Wertgegenstände für insgesamt 4437 Euro. Bei ihrer letzten Tat im Dezember letzten Jahres wurde sie auf dem Volksfestplatz in Regenstauf in flagranti erwischt: In ihrem Auto häuften sich bereits geöffnete Briefe. Die Frau führte die Polizei dann auch reumütig zu ihrem Wohnhaus und in die Garage, wo sich ebenfalls zur Seite geschaffte Sendungen häuften. Jetzt stand sie wegen Verletzung des Postgeheimnisses sowie Diebstahls vor dem Regensburger Amtsgericht.

Unter Tränen räumte die 57-Jährige ihre Taten ein: „Es tut mir alles unendlich leid. Wenn ich’s bloß rückgängig machen könnte!“ Sie sei damals in einer Notlage gewesen: Bei der Abzahlung des Eigenheims der Familie sei ein Betrag offen geblieben, da eine aufgelöste Lebensversicherung weniger abwarf, als erwartet. Die Alleinverdienerin – sowohl ihr Ehemann als auch ihr längst volljähriger Sohn gehen keiner Tätigkeit nach – sah wohl keinen anderen Ausweg, ihr Zuhause zu retten, als sich an fremdem Eigentum zu vergreifen.

Geld für Beerdigungen und Babysöckchen verschwanden

Die Staatsanwältin wusste von den Ermittlungen zu berichten, dass unter anderem Geld für Blumenspenden und Beerdigungen, Beileidsschreiben, Eintrittskarten, Geschenkgutscheine, Arztbriefe, amtliche Schreiben, aber auch liebevolle Kleinigkeiten wie selbst gestrickte Babysöckchen und viel private Post auf der Strecke blieben. Auch Polizeibeamte seien betroffen gewesen. Die bei der Angeklagten aufgefundenen Sendungen wurden dann – mit bis zu zweijähriger Verspätung – doch noch weiterbefördert.

Zu ihrer Lebenssituation gab die Angeklagte an, ihr Mann und ihr Sohn arbeiteten nichts. Sie verdiene allein den Lebensunterhalt für drei Personen, zahle allein das Haus ab und müsse auch noch den Haushalt erledigen. Heute arbeite sie als Reinigungskraft sechs Stunden pro Tag. Richterin Frauke Helm fand deutliche Worte: „Sie sind ein Schaf! Treten sie den Herren in den Hintern! Sie können nicht bis 90 putzen gehen, nur damit der Junior auf der Couch fernsehen kann…“

Der Rest der Familie lässt sie offenbar im Stich

Wie zuvor von der Staatsanwaltschaft und Verteidiger Michael Frank beantragt, wurde die bis dahin völlig unbescholtene Postdiebin zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. Sie erhält einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt, der ihr bei der Lösung der Probleme beistehen soll, wobei sie der Rest der Familie offenbar im Stich ließ. Von Arbeitsauflagen sah das Gericht ab: „Die müssten eigentlich ihrem Mann und ihrem Sohn auferlegt werden“, meinte die Staatsanwältin. Aber das sei nun mal rechtlich nicht möglich.

Das Schlimme an der „Wahnsinnszahl von Fällen“, sagte die Richterin, sei nicht der materielle Schaden. Viel gravierender sei, dass wichtige Post viele Menschen nicht oder nicht rechtzeitig erreichte. Wie viele Briefe nicht mehr gefunden wurden, sei nicht bekannt. „Und was da an Informationen mit Bedeutung drin war, kann man im Nachhinein gar nicht ermessen.“

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