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Waidwerk

Kommt die Pille für die Wildsau?

Das Nittenauer Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“ ist abgeschlossen. Doch zur Problemlösung braucht es einen längeren Atem – und neue Ansätze.
Von Thomas Rieke

  • Otto Storbeck erklimmt einen der Böcke, die in einer konzertierten Aktion speziell für Drückjagden gezimmert wurden. Sie sind relativ leicht zu verlagern, Fotos: Rieke (4)/Archiv
  • Storbeck entdeckt einen frischen Wiesenschaden.
  • Kein seltenes Bild rund um Nittenau: Maisanbau bis in den letzten Winkel

Nittenau. Souverän steuert Otto Storbeck seinen Allrad-Volvo über das unwegsame Gelände. Der 52-jährige Jäger aus Bergham hält, wie so oft in diesen Tagen, Ausschau nach Spuren eines Tieres, das sich in den letzten Jahren zum Feind Numero 1 in der Landwirtschaft entwickelt hat. Tatsächlich lässt der geübte Spürsinn Storbeck nicht im Stich: Auf einer Wiese, die zwischen einer Waldung und einem Maisfeld einen grünen Puffer bildet, entdeckt er Schäden, die nur Wildschweine angerichtet haben können. Auf mehreren Quadratmetern ist die Grasnarbe umgepflügt, überall liegen Erdklumpen verstreut. Die Schweine haben nach Engerlingen und Mäusen gesucht, um ihren Eiweisbedarf zu decken.

Was aus Laiensicht nur eine Lappalie darstellen mag, ist für einen Bauern, der das Grüngut als Futter für seine Milchkühe benötigt, mehr als ein Ärgernis. Die Silage kann verderben und den Kühen üble Bauchschmerzen verursachen; ihre Milchleistung wird eingeschränkt.

Immer höhere Schäden

Für von „jagdbarem Wild verursachte Schäden“ haben die Jagdgenossenschaften geradezustehen. So will es das Gesetz. In der Praxis verpflichten sich Jagdpächter vertraglich zu Ausgleichszahlungen. Früher, als sich die Beeinträchtigungen für die Bauern in Grenzen hielten, gab es darüber kaum Diskussionen. Doch seit sich das Wildschwein geradezu explosionsartig vermehrt hat, haben die Forderungen schmerzhafte Dimensionen angenommen. Laut Storbeck, Vorsitzender der Jägervereinigung Nittenau/Bruck, sind mittlerweile 3000 bis 5000 Euro pro Jahr und Pächter üblich, in Einzelfällen geht es um 10000 Euro.

Es war also überfällig, etwas zu unternehmen. Der Bayerische Bauernverband (BBV) ergriff 2009 die Initiative und regte an, ein spezielles Projekt zu starten. „Brennpunkt Schwarzwild“ heißt dieses vom Freistaat mit 350000 Euro geförderte Programm, das unterschiedlichste Interessengruppen an einen Tisch brachte. Endlich konnte gemeinsam Ursachenforschung für das Problem betrieben werden, endlich wurde bei der Schuldfrage nicht mehr nur übereinander, sondern miteinander geredet. Und endlich konnte auch gemeinsam nach Möglichkeiten gesucht werden, wie „der Wildsau“ beizukommen sei.

„Konstruktive Zusammenarbeit“

Nach über drei Jahren wurde nun mehrfach und auch von überregionalen Medien beachtet Bilanz gezogen. Speziell auf Nittenauer Ebene gibt es nur positive Beurteilungen. „Der Arbeitskreis hat sehr konstruktiv gearbeitet“, lobt Jakob Rester, geschäftsleitender Beamter der Stadt Nittenau, die in strittigen Schadensfällen als Vermittler fungiert. „Das gegenseitige Verständnis ist gewachsen. Es gibt eine gewaltige Annäherung“, demonstriert Otto Storbeck Optimismus. Und doch ist es mit der Benennung von Ursachen, der Klärung von Zuständigkeiten und Verantwortung sowie Respektbezeigungen keineswegs getan. „Das Dilemma hat sich über viele Jahre hinweg entwickelt, es wird auch eine ganze Weile dauern, bis der Wildschweinbestand wieder so weit reguliert ist, dass alle Beteiligten damit gut leben können“, bringt es der Landwirt Heinrich Hofstetter aus Fischbach auf den Punkt.

Dabei waren die Arbeitskreismitglieder auch bei ihrer Suche nach Lösungsansätzen kreativ – und blieben nicht in der Theorie stecken. Vom wissenschaftlichen Testeinsatz einiger Nachtzielgeräte abgesehen, verständigte man sich darauf, dass es zumindest hilfreich wäre, Mais nicht mehr direkt bis an die Waldgrenze anzubauen, sondern einen Streifen als Schussschneise einzurichten; ferner wurden Kirrkonzepte erörtert und die Bedeutung schneller Information betont, um gegebenenfalls umgehend sogenannte Drückjagden organisieren zu können. In einer konzertierten Aktion sind ferner zusammenklappbare Böcke entstanden, die sich leicht versetzen lassen und zum Beispiel bei einer Erntejagd, rund um ein Feld postiert, als nützlich erweisen.

Der Erfolg: 2013/14 wurden in den beiden Nittenauer Hegegemeinschaften deutlich mehr Wildschweine zur Strecke gebracht als im Jagdjahr zuvor, nämlich rund 600 Stück. Doch im Vergleich zur Gesamtpopulation der Schwarzkittel ist dies noch immer viel zu wenig. Jakob Rester bezweifelt, ob der Bestand überhaupt reduziert werden konnte – oder ob der höhere Abschuss nicht nur ein Indiz für die weitere Verbreitung des Wildschweins ist.

Der Ball liegt nun im Landtag. Von dort erwarten sich Bauern, Jäger und auch Förster nach der Sommerpause Signale, wie es weitergehen soll. Otto Storbeck, der erst vor rund zehn Jahren seinen Jagdschein erwarb und zuvor die Jagd recht kritisch betrachtete, wünschte sich die Freigabe von Nachtzieltechnik, wie sie im Rahmen des Projekts versuchsweise im Einsatz war. Doch unter den Waidmännern selbst gibt es Vorbehalte. Manch einer fürchtet, die Geräte könnten auch bei der Jagd auf anderes Wild – man denke nur an einen begehrten Hirschen – Verwendung finden.

Die Debatte bleibt auch nach dem offiziellen Projektabschluss hoch spannend. Spätestens wenn über eine „Pille für die Sau“ nachgedacht wird, dürften die Meinungen weit auseinandergehen. Jäger Storbeck ist kein Freund der Sterilisationsköder, ebenso wenig Landwirt Hofstetter. Sein Gegenargument: „Wer soll kontrollieren, dass die Köder wirklich nur von der Wildsau aufgenommen werden?“

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