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Erst denken, dann handeln!

Ob man Schach nun als Kampf sieht oder sich für die Logik des Spiels begeistert – im Schachklub findet jeder ein Zuhause.
Von Julia schnorrer

Spielleiter Stephan Stöckl (li.) spielt Schach gegen Schriftführer Johannes Paar. Foto: ssj

Schwandorf. Fünfeinhalb Stunden höchster Konzentration liegen bereits hinter Dir und nun stehst Du vor dem vielleicht alles entscheidenden Zug: Der Aufstieg liegt in Deiner Hand und die Mannschaft fiebert mit. Die Zeit wird knapp. Dein Puls ist bei 180. Wenn Du die Figur jetzt berührst, hast Du Deine Entscheidung getroffen.

Spätestens bei „Figur“ hat sich die Sportart wohl verraten: Schach. „Schach ist Sport“, sind sich auch Günter Jehl, 1. Vorsitzender des Schachklubs Schwandorf, und seine Kollegen, der Spielleiter Stephan Stöckl und Schriftführer Johannes Paar, einig. Die hohe körperliche Belastung habe bereits schon zu tödlichen Herzinfarkten bei Spielen geführt. „Schach ist erst einmal nicht so attraktiv, wie einer ledernen Kugel hinterherzujagen“, räumt Jehl ein. Der Sport sei anders ausgerichtet, man sitze längere Zeit an einem Platz ohne Gegnerberührung.

Wie kommt man also zum Schach? „Mein Vater hat es mir beigebracht“, erzählen sowohl Johannes Paar als auch Günter Jehl. Über einen Lehrer (allerdings nicht denselben) blieben sie dabei. Paar suchte gezielt nach einem Verein, Jehl folgte dem Beispiel eines Freundes. Stephan Stöckl hat es sich hingegen selbst durch Bücher beigebracht, ist aber durch die gleiche Schulschachgruppe wie Paar auf den Verein gekommen.

Der Schachklub ist schon viel älter: Seit 1925 existiert er, inzwischen hat er 65 Mitglieder, wovon vier unter den Top-100 der Oberpfalz sind und von 2007 bis 2011 spielte die 1. Mannschaft in der Landesliga Nord. Größen wie der jüngste Internationale Meister Peter Leko hat Schwandorf ebenso bereits besucht wie der damalige Deutsche Meister Matthias Wahls.

„Ich finde es toll, dass man hier solche Leute trifft“, sagt Paar. „Hier macht man Bekanntschaften, die ein Leben lang halten.“ Das ist für Stöckl auch eines der Dinge, die er an Schach so schätzt. Denn in jedem anderen Sport würde ein aktives Mitglied mit Anfang 40 Probleme bekommen, im Schachklub gebe es einige Spieler über 70 oder 80.

„Die Atmosphäre im Verein“ spielt für Günter Jehl eine enorme Rolle. Schach ist ein Mannschaftssport, und um acht Einzelspieler unter eine Flagge zu bekommen, brauche es Zusammenhalt, da reiche es nicht, sich einfach gute Spieler zusammenzukaufen, wie es manchmal der Fall sei, führt Jehl aus. „Außerdem ist es ein sehr logischer Sport!“

Das wiederum findet Johannes Paar gar nicht. „Die Gesamtlogik finde ich meist zu komplex, um sie zu berechnen.“ Für den Lehrer steht etwas anderes im Fokus: „Schach ist Kampf. Ich schätze den sportlichen Aspekt: Mir sitzt ein Gegner gegenüber und ich will ihn schlagen!“ Eine weitere Besonderheit: Hier kann ein Jugendlicher einen Erwachsenen schlagen. „Ich habe in Erlangen gegen ein 13-jähriges Mädchen gespielt“, erzählt Stöckl. „Die hat mich umgehauen!“

Stephan Stöckl ist Spielleiter und gleichzeitig Jugendwart. Leidenschaftlich ist er dabei, rund 20 Kindern, wovon 15 unter zwölf Jahren alt sind, das Schachspielen beizubringen. „Mit Kindern spielt man anders, man erklärt viel mehr“, beschreibt Stöckl die Jugendarbeit. Macht ein Nachwuchsspieler im Training einen schlechten Zug, sagt ihm Stöckl dies und der Schüler soll erkennen, warum die Entscheidung falsch war.

Dadurch, dass man einige Züge im Vornherein durchdenken muss, hilft Schach nicht nur in der Schule bei Mathe, machen die drei Vorstandsmitglieder klar. Schach ist vielmehr – nämlich Persönlichkeitsbildung. Neben der Konzentrationsfähigkeit und dem Zeitgefühl wird die Problemlösungskompetenz geschult. Unter Druck darf man nie hektisch werden, betont Stöckl. „Erst denken, dann handeln.“ Zudem lerne der Schüler, dass jeder Fehler Konsequenzen hat.

Betrug durch Technik

Doch egal, ob es sich um eine Turnierpartie handelt, die bis zu sechs Stunden dauern kann, oder um Blitzschach, wo jeder Spieler nur fünf Minuten Bedenkzeit (gemessen mit einer digitalen Uhr) zur Verfügung hat: Es gilt Rauch- und Handyverbot. Letzteres gilt, um Ruhe zu gewähren sowie vor Betrug zu schützen. „Im Schach wird eben mit Technik betrogen“, erklärt Stöckl. Bluffs, also Spielzüge, die zwar objektiv falsch sind, aber den Gegner aus der Fassung bringen und zu Fehlern verleiten, sind hingegen legitim und Teil der Schachpsychologie. Mit der Zeit erkenne man Spiel-Typen und könne das eigene Spiel darauf ausrichten, führt Stöckl aus.

Dennoch bleibt Schach eine Randsportart, bedauert Günter Jehl, selbst wenn es so viele Menschen gebe, die in ihrer Freizeit spielen. „Was Schach gut tun würde, ist ein richtig guter deutscher Spieler!“ So könnte Schach mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Johannes Paar erinnert an die 70er-Jahre, als ein Amerikaner und ein Russe gegeneinander im Schach antraten, mitten im Kalten Krieg, ungefähr so wie in „Rocky IV“. Damals habe sich jeder für Schach interessiert.

Abschließend bleibt noch zu sagen: Talent ist nicht das Wichtigste – Schach ist etwas für jeden, Hauptsache, die Freude am Spiel ist da. Den Schritt zum Verein wagen dennoch viele nicht. „Respekt ist nicht nötig“, relativiert der Spielleiter und lacht: „Wir spielen regelmäßig schlecht!“

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