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Archäologie

Funde am Fuß des Kreuzbergs

Mit Eduard Süß auf Spurensuche / Teil 5: Was man im Schwandorfer Gleisdreieck so alles entdecken kann
Von Hubert Heinzl

Eine Spinnwirtel, wie sie schon vor Tausenden von Jahren zur Textilherstellung verwendet wurde. Durch die Bohrung im Inneren wurde ein Holzschaft gesteckt, und los ging’s. Foto: Heinzl
Eine Spinnwirtel, wie sie schon vor Tausenden von Jahren zur Textilherstellung verwendet wurde. Durch die Bohrung im Inneren wurde ein Holzschaft gesteckt, und los ging’s. Foto: Heinzl

Schwandorf.Wenn Eduard Süß aus Wackersdorf ein freies Wochenende hat, ist er eigentlich immer unterwegs. Seit Jahr und Tag sucht der 58-Jährige auf den Äckern rund um Schwandorf nach dem, was unsere Vorfahren hinterlassen haben. Weit über 100 000 Fundstücke hat er auf diese Weise schon zusammengetragen. Und dass er einmal leer ausgeht, ist schon fast die Ausnahme. Denn das Naabtal und die umliegenden Erhebungen sind schon seit uralten Zeiten Siedlungs- oder Durchzugsgebiet.

Diese alte Silbermünze stammt aus dem Erzbistum Salzburg. Foto: Süß
Diese alte Silbermünze stammt aus dem Erzbistum Salzburg. Foto: Süß

Nur manchmal beißt sich der Feldforscher die Zähne aus. Der Schwandorfer Kreuzberg ist so ein Gelände, das wegen seiner exponierten Lage und Topographie schon in der Vor- und Frühgeschichte von herausragender Bedeutung gewesen sein müsste. Die Vermutung liegt nahe, dass es hier schon früh eine Kultstätte gegeben hat. „Es war irgendeine Herrschaft oben“, vermutet auch Eduard Süß. Beweisen lässt sich das alles jedoch (noch) nicht – mögliche Spuren hat spätestens der Zweite Weltkrieg vernichtet, bei dem die Kreuzbergkirche und das gesamte Areal bombardiert wurden.

Zufallsfund im Wurzelwerk

Das heutige Kreuzbergmünster wurde in den 50er Jahren neu erbaut. Der Vorläuferbau stammt aus dem 17. Jahrhundert; noch früher stand hier ein sogenannter dreischläfriger Galgen, die Erhebung diente als Richtstätte. Aus der Zeit davor wird von einer Kapelle berichtet, die in der Reformationszeit abgebrochen wurde. Und bis dahin? Fehlanzeige. Aber es muss eine Besiedlung gegeben haben, denn an der bisher einzigen Suchfläche am Kreuzberg selbst wurde Eduard Süß auch schon fündig. Nach einem Baumwurf entdeckte er vor 16 Jahren etliche vorgeschichtliche Keramikfragmente – im Wurzelwerk. Ein Zufallsfund, der ihn aber nicht weiter überraschte.

Sogar ein deutsches Sturmgewehr aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckte Eduard Süß im Erdaushub an der Baustelle im Gleisdreieck. Foto: Süß
Sogar ein deutsches Sturmgewehr aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckte Eduard Süß im Erdaushub an der Baustelle im Gleisdreieck. Foto: Süß

Denn der Kreuzberg, erzählt Eduard Süß, liegt an einer der wichtigsten alten Straßen in der Region. Wo heute zum Teil die Bundesstraße B 85 verläuft, gab es schon vor Tausenden von Jahren offenbar einen uralten Handelsweg – von Amberg über den Ägidiberg und die Naab, vorbei am Kreuzberg Richtung Kronstetten und von dort nach Hofenstetten und Neunburg. Auch weiter südlich wird eine dieser „alten Straßen“ in Ost-West-Richtung vermutet.

Nach den ersten Funden im Jahr 2002 machte sich Eduard Süß noch mehrmals auf Richtung Kreuzberg. Aber er forschte nicht auf der Erhebung selber nach Spuren aus der Vor- und Frühgeschichte, sondern südlich davon, an einer abfallenden Geländestufe, wo gerade die Aushubarbeiten für das Betriebswerk der Länderbahn begannen. Dass das Gelände am heutigen „Gleisdreieck“ schon früh bewohnt war, legt nach den Worten des Wackersdorfers schon der Standort nahe, denn es gab einen Bach für die Wasserversorgung aus einer Quelle am Kreuzberg. Noch weiter südlich erstreckten sich die für das Naabtal früher typischen Sümpfe und Feuchtgebiete. Und in der Tat wurde der 58-Jährige bald fündig, obwohl ihm für eine sorgfältige Absuche damals die Zeit fehlte.

Platte aus dem Frühmittelalter (ca. 900 n. Chr.)Foto: Süß
Platte aus dem Frühmittelalter (ca. 900 n. Chr.)Foto: Süß

Prunkstück aus dem „Gleisdreieck“ ist eine Spinnwirtel, die der 58-Jährige auf die Hallstattzeit datiert, also den Übergang von der ausgehenden Bronze- in die frühe Eisenzeit. Etwa 2800 Jahre alt ist das „sehr sorgfältig“ gearbeitete Stück – wohl das am besten erhaltene derartige Werkzeug, das der Feldforscher bisher entdeckt hat. Ein Stück Kulturgeschichte: „Die Spinnwirtel gehört zu den Gebrauchsgegenständen, die sich am wenigsten verändert haben und am längsten im Einsatz waren. Von 6000 vor Christus bis ins 18. oder 19. Jahrhundert“, schwärmt der Wackersdorfer. Noch älter als die uralte Spindel sind Scherben, die er ebenfalls am Fuße des Kreuzbergs entdeckt hat – zum Beispiel ein großes Gefäßbruchstück oder die Randscheibe eines feinen Tafelgeschirrs, die beide aus der Urnenfelderzeit stammen.

Vor allem von Weide- und Landwirtschaft haben die frühen Bewohner damals gelebt; Schafe und Ziegen spendeten Fleisch, Milch und Wolle, die zu Kleidung verarbeitet werden konnte. Dazu kam natürlich die Jagd.

Alle paar Kilometer umtauschen

Aus der Völkerwanderungszeit sind laut Eduard Süß keine Funde überliefert. Das nächste Prachtstück, das der 58-Jährige aus dem Abraum zog, stammt aus dem frühen Mittelalter.

Diese Randscherbe aus der sogenannten Urnenfelderzeit dürfte rund 3000 Jahre alt sein. Foto: Heinzl
Diese Randscherbe aus der sogenannten Urnenfelderzeit dürfte rund 3000 Jahre alt sein. Foto: Heinzl

Die schön verzierte Ziegelplatte datieren Fachleute auf das Jahr 900 nach Christus, also deutlich vor der ersten urkundlichen Erwähnung Schwandorfs. Noch weiter in die Gegenwart verweist eine stark verwitterte Silbermünze, die aus der Zeit vor 1600 aus dem Erzbistum Salzburg reicht – ein Beleg für die territoriale Zersplitterung des Deutschen Reichs am Vorabend des 30-jährigen Kriegs. „Alle paar Kilometer bist du an eine neue Grenze gekommen und musstest Geld umtauschen“, formuliert es Eduard Süß. Auch einen Flintstein aus dem späten 18. Jahrhundert hat der Wackersdorfer im Gleisdreieck gefunden, mit dem die französischen Truppen offenbar ihre Vorderlader-Gewehre in Gang setzten.

Ein völlig verrostetes Gewehr

Auch das vorerst letzte geschichtliche Zeugnis aus dem „Gleisdreieck“ hat mit einer bewaffneten Auseinandersetzung zu tun. Im Aushub der Großbaustelle fand der 58-Jährige im Jahr 2005 ein völlig korrodiertes Sturmgewehr, das ein Wehrmachtsoldat offenbar gegen Kriegsende verschwinden lassen wollte. Doch vergebliche Liebesmüh. 60 Jahre später tauchte der verrottete Schießprügel mitsamt einem Kochgeschirr wieder auf.

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Alle Teile der Serie „Spurensuche“ finden Sie bei uns im Internet: https://www.mittelbayerische.de/region/schwandorf/spurensuche

Der Feldforscher

  • Der Wackersdorfer Eduard Süß

    (58) ist einer von mehreren ehrenamtlichen Hobby-Archäologen, die im Landkreis Schwandorf nach Spuren aus der Vor- und Frühgeschichte suchen.

  • Weit über 100 000 Fundstücke

    hat der gelernte Grafiker in den vergangenen 35 Jahren in der Region schon zusammengetragen.

  • In loser Folge

    berichtet die Mittelbayerische über aktuelle und besonders spektakuläre Fundstücke und -orte. (hh)

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