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Schwandorf
Dienstag, 17. Juli 2018 27° 3

Ehrenamt

Sterben ist wie eine Reise

Hospizbegleiterin Rita Reiter wird der „Weiße Engel“ verliehen. Vielen hat sie beim Sterben und in Trauer geholfen.
Von Renate Ahrens

Seit Rita Reiter sich mit Sterbenden befasst, schätze sie das Leben mehr und lebe bewusster. Foto: Ahrens
Seit Rita Reiter sich mit Sterbenden befasst, schätze sie das Leben mehr und lebe bewusster. Foto: Ahrens

Nittenau.Zwischen bunten Blumen und dem Birnbaum steht gut erkennbar ein Schild: „Nichts ist wertvoller als der heutige Tag.“ Rita Reiter hat es in ihrem Garten so platziert, dass den Spruch jeder liest, der vorbeigeht oder zu ihr kommt. Denn mehr Menschen solle das bewusstwerden, erklärt die 68-Jährige aus Niedermurach. Sie selbst ist ein fröhlicher Mensch und lacht gerne, aber sie kann auch gut zuhören. Das sind genau die Eigenschaften, die ein Hospizbegleiter braucht.

Für ihr Engagement in der Begleitung Sterbender bei der Hospizinitiative der Caritas für den Landkreis Schwandorf mit Sitz in Nittenau bekommt Rita Reiter am kommenden Donnerstag in Regensburg die Auszeichnung „Weißer Engel“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit verliehen.

Rita Reiter redet und schweigt mit Kranken und ihren Angehörigen. Sie hört zu und ist einfach da. Foto: Ahrens
Rita Reiter redet und schweigt mit Kranken und ihren Angehörigen. Sie hört zu und ist einfach da. Foto: Ahrens

Die kleine, bescheidene Frau schüttelt verwundert den Kopf, wenn sie an diese Ehrung denkt. „Andere tun doch viel mehr. Viele Angehörige pflegen jahrzehntelang“, wehrt sie ab – annehmen würde sie diese Auszeichnung stellvertretend für alle Hospizbegleiterinnen, betont sie.

„Das Leben soll immer schön sein. Es ist aber nicht so.“

Rita Reiter, Hospizbegleiterin

Manuela Singer-Bartos von der Hospizinitiative der Caritas-Sozialstationen lacht. Rita Reiter habe das durchaus verdient, weiß sie. Viele Trauernde und zwölf Sterbende hat die Ehrenamtliche bereits begleitet. Bei jedem wäre es anders, erklärt Reiter, und an jeden kann sie sich genau erinnern.

Tod noch immer ein Tabuthema

Der Tod sei noch immer ein Tabuthema und mit Angst besetzt – auch bei ihr selbst sei es früher so gewesen. Doch dann, vor zwölf Jahren, bat sie eine kinderlose alte Tante, ihr doch in ihren letzten Tagen und Stunden beizustehen, sollte es einmal so weit sein. Und Rita Reiter wurde bange. „Ich hatte Bammel“, sagt sie schlicht und ehrlich. Ablehnen kam natürlich nie in Frage – kein Mensch sollte allein sterben müssen, betont sie. Und wie es der Zufall will, las sie von einem Hospizbegleiterkurs und nahm daran teil. Noch während dieses Kurses starb die Tante – allein.

Aber jeder Mensch, so erklärt auch Manuela Singer-Bartos, würde es sich aussuchen, ob er allein sterben würde, und so wäre es eben auch hier gewesen. Rita Reiter war inzwischen vom Kursinhalt fasziniert: „Ich habe so viel gelernt und mitgenommen“, sagt sie, und natürlich wollte sie weitermachen und anderen Menschen beistehen.

Mit Aktionen wie „Hospiz macht Schule“ hilft Rita Reiter mit, dem Sterben den Schrecken zu nehmen. Foto: Ahrens
Mit Aktionen wie „Hospiz macht Schule“ hilft Rita Reiter mit, dem Sterben den Schrecken zu nehmen. Foto: Ahrens

Viele schöne Erlebnisse hatte sie seitdem, sagt sie – die Dankbarkeit der Angehörigen und der Kranken zum Beispiel, die Erkenntnis, alles Materielle sei nicht so wichtig, denn man könne ohnehin nichts mitnehmen auf diese Reise. Denn für sie, so erklärt die Hospizbegleiterin, wäre Sterben wie eine Reise. Man überlegt sich auch da vorher: Was ist noch zu erledigen? Wem muss ich Bescheid geben? Und: Wer soll mich begleiten?

Weitere Tätigkeiten übt Rita Reiter aus, wie bei der Nachbarschaftshilfe oder als Seniorenbeauftragte. Foto: Reiter
Weitere Tätigkeiten übt Rita Reiter aus, wie bei der Nachbarschaftshilfe oder als Seniorenbeauftragte. Foto: Reiter

Solche Fragen sollte man sich rechtzeitig stellen, raten die beiden Frauen. Die meisten Menschen würden dieses Thema von sich wegschieben oder zu Angehörigen sagen: „Hör doch auf, das ist noch lange hin.“ Das erleben beide immer wieder. Aber wenn es dann passiere, wenn Krankheit oder Tod sehr plötzlich kämen, sei man nicht vorbereitet.

Auch Rita Reiters Sohn starb vor sechs Jahren überraschend, und die intensive Beschäftigung zuvor mit dem Thema hätte auch ihr in dieser schweren Zeit geholfen, sagt sie. Viele Angehörige würden sich außerdem schwertun, den Sterbenden loszulassen. „Sie halten ihn mit allen Fasern fest, und er kann nicht gehen“, weiß Reiter.

Nicht aus Rücksicht lügen

„Auf Rücksicht auf den Anderen wird zudem oft gelogen – die Wahrheit vom nahendem Tod wird beschönigt oder verschwiegen.“ Damit tue man niemanden einen Gefallen. Es sei so wichtig, vieles noch auszusprechen. Aber: „Das ist schwer“, räumt Rita Reiter ein. Sie selbst hat deshalb für ihren Tod und den ihres Mannes alles fein säuberlich vorbereitet, vom Sterbebild bis zur Todesanzeige ist alles griffbereit auf einer CD.

„Man kann nichts mitnehmen auf diese Reise.“

Rita Reiter, Hospizbegleiterin

Ihr fällt es heute leicht, über den Tod zu sprechen. Seit sie sich damit auseinandersetzt, hat er seinen Schrecken verloren. Sogar vor dem eigenen Sterben habe sie keine Angst, nur davor, anderen Menschen zur Last zu fallen. Einmal, so erzählt sie, wäre eine Frau in ihren Armen gestorben und genau in diesem Moment begannen laut die Kirchenglocken zu läuten. Das, so sagt sie versonnen mit einem Lächeln, wäre schön gewesen. Bis es aber bei ihr selbst soweit sei, lebe sie viel bewusster und zufriedener. Vieles, das früher wichtig war, sei es heute nicht mehr. „Man kann nichts mitnehmen auf diese Reise.“

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