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Schule

„Was hat das alles mit lernen zu tun?“

Am Berufsschulzentrum Schwandorf gehört eine Psychologin zum Team. Monika Pleines motiviert JoA-Schüler, unterstützt Flüchtlinge und berät Lehrer.
Von Elisabeth Hirzinger

Schüler für den Lernstoff zu interessieren, ist eine hohe Kunst. Foto: dpa

Schwandorf.Eigentlich hatte Monika Pleines „keinen Bock mehr auf Schule“. Schließlich hatte sie schon lange genug unterrichtet, mit Unterbrechungen 18 Jahre in einem Ausbildungszentrum. Nach dem Studium, das sie mit 47 Jahren begann und mit 51 Jahren erfolgreich abschloss, wollte sie endlich was anderes machen, zum Beispiel im klinischen Bereich arbeiten. Aber dann kam es doch ganz anders, wie so manches in ihrem Leben.

Abitur, Beruf, Zusatzausbildung zur Heilpraktikerin, Studium, Fortbildungen und mit 52 Jahren zurück ins Berufsleben. Mitten rein ins Leben. Die Vita von Monika Pleines klingt spannend, macht neugierig.

Monika Pleines lächelt versonnen und rührt ihren Kaffee um. Die Psychologin, die vor zwei Jahren in Regensburg gemeinsam mit zwei Analytikerinnen eine Praxis für Coaching und Therapie eröffnet hat, findet das alles nicht so ungewöhnlich. Wie sie das geschafft hat, so spät noch mal mit dem Lernen anzufangen? Monika Pleines (56) grinst, beugt sich vor und verrät ihr Geheimnis: „Ich habe das Lernen völlig anders aufgerollt.“ Aha.

Mit viel Intuition habe sie gelernt, sagt sie, und mit Mut zur Lücke. „Natürlich“ habe sie den Lernstoff des Gymnasiums nicht mehr parat gehabt. Aber das hat Monika Pleines nicht geschreckt. Im Gegensatz zu den „Jungen“, die direkt nach dem Abi an die Universität kamen und alles gelernt haben, „wirklich alles“, hat die vierfache Mutter die nötige Gelassenheit mitgebracht, um zu selektieren. Und es scheint ihr heute noch eine diebische Freude zu bereiten, dass es ihr, sie möge den Ausdruck verzeihen, auf ihre alten Tage gelungen ist, die althergebrachten Lernmethoden ad absurdum zu führen. Monika Pleines denkt nicht in festgefahrenen Bahnen. So unkonventionell und intuitiv wie sie Entscheidungen im privaten Leben trifft, ist auch ihre Herangehensweise im Schulalltag.

Zehn Stunden in der Woche ist die Mutter von vier erwachsenen Kindern am Berufsschulzentrum Schwandorf. Monika Pleines erarbeitet für Jugendliche ohne Ausbildung (JoA) und Flüchtlinge Präventionskonzepte gegen Gewalt, Ausgrenzung und Sucht, zur Konfliktbewältigung und zur Verbesserung der Kommunikation. Ihr Job ist es außerdem, Jugendliche, die sich schon aufgegeben haben, wieder zum Lernen zu motivieren.

Außerdem coacht und therapiert Monika Pleines in der Gemeinschaftspraxis in Regensburg „Manager der mittleren und gehobenen Führungsebene“. Und manchmal nimmt sie auch noch Lehraufträge an der Lehrerfortbildungsstätte in Dillingen wahr. Alles in Maßen. Ein Fulltime-Job ist das nicht, „bei weitem nicht“, wie Monika Pleines betont. Sie wirkt kein bisschen gestresst, nimmt sich Zeit für das Gespräch – und schaut kein einziges Mal auf die Uhr.

Wenn Monika Pleines von ihrer Arbeit an der Schule erzählt, ist sie in ihrem Element. „Mich fasziniert das“, sagt sie, und weil das ein bisschen abstrakt klingt, schiebt sie noch einen Satz nach: „Ich mag einfach junge Leute gern.“ Und deshalb wird sie wahrscheinlich „bis ans Ende meines Berufslebens“ am Berufsschulzentrum bleiben. Zu tun gäbe es genug, sagt sie. Andererseits hat sich auch schon einiges getan. Die Psychologin erinnert an den Lernprozess, der sich in den vergangenen Jahren in der JoA-Sparte vollzogen hat. Den Lehrern sei klar geworden, „dass wir Schule nicht mehr so anbieten können wie bisher“, erzählt Monika Pleines.

Beziehung heißt das Zauberwort, mit dem es die Lehrer heute schaffen, Schüler aus ihrer Null-Bock-Haltung zu lösen. Denn, so erklärt es Pleines, „Erziehung ist immer auch Beziehung, und die ist interaktiv“. Im Vordergrund stehen bei Monika Pleines und ihren Kollegen immer die Menschen – und nicht die Noten.

Aber wie bringt sie einen Jugendlichen dazu, Mathe zu lernen, wenn der in dem Fach seit Jahren versagt hat? Auf jeden Fall nicht mit Mathe-Tests. Es ist viel einfacher. Monika Pleines nimmt sich Zeit, baut eine Beziehung zu den Schülern auf – und pfeift auf die üblichen Bewertungskriterien. Bei Monika Pleines zählt schon das Bemühen. „Schön, dass Du da bist“, sagt sie zum notorischen Schulschwänzer, wenn der mal wieder die Schule besucht.

Monika Pleines versucht, jeden Schritt positiv zu bewerten. Kleine Tricks sind hier durchaus erlaubt. So führt der Weg zur Mathematik manchmal über den Cannabiskonsum, in der Theorie, versteht sich. Wenn Monika Pleines will, dass ihre Schüler sich dem Thema Mathematik unverkrampft nähern, spricht sie zum Beispiel erst ausführlich über Suchtprobleme und legt dann eine Statistik zum Drogenkonsum vor. Aus der Kurve sollen die Schüler dann versuchen, etwas herauszulesen. Wer fünf Punkte herausfindet, bekommt eine Zwei, wer zehn Punkte findet, eine Eins; wer aber nur zwei Punkte findet, bekommt keine Fünf. Die Rechnung geht auf, denn die Schüler riskieren nichts, wenn sie sich an die Aufgabe heranwagen. Sie können nur gewinnen. Allein schon das Bemühen wird bewertet. Und damit hat die Psychologin schon einen Teufelskreis durchbrochen: Sie beendet die Serie von Frusterlebnissen und gibt den Schülern positives Feedback.

Monika Pleines hat allerdings einen großen Vorteil gegenüber ihren Lehrerkollegen. Sie muss sich nicht an den Lehrplan halten. Die Psychologin hat die Freiheit, zu schauen, wo der einzelne Schüler Defizite hat und dort anzusetzen. Ein Modell, das Schule machen könnte. Denn Jugendliche, die durch eine Serie von schlechten Noten völlig demotiviert sind, gibt es auch an anderen Schulen. Auch hier könnte vielleicht ein Psychologe helfen. Den Schülern und den Lehrern.

Aber noch ist der Einsatz eines Psychologen an der Schule – nicht zu verwechseln mit den Schulpsychologen – die Ausnahme. Monika Pleines ist so eine Ausnahme. Dass sie Psychologie studiert hat, davon können die Schule, die Schüler und Kollegen profitieren. Monika Pleines wirkt zufrieden. Denn: „Sie lernen doch“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.

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