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Mauerfall

Als Sportnation auf dem Prüfstand

Wie steht es um Deutschland als Sportnation ein 25 Jahre nach dem Mauerfall? Manche sprechen bereits von einer neuen Teilung.
Von Günter Deister, dpa

Blauer Nachthimmel senkt sich in Berlin über das Olympiastadion: Deutschland steht, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, als Sportnation auf dem Prüfstand.
Blauer Nachthimmel senkt sich in Berlin über das Olympiastadion: Deutschland steht, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, als Sportnation auf dem Prüfstand. Foto: dpa

Berlin.Es ist erst vier Wochen her, da sprach Professor Joachim Mester bei der Anhörung vor dem Sportausschuss des Bundestages ein vernichtendes Urteil: „Von einem Leistungssport-Standort Deutschland kann kaum mehr gesprochen werden“, die Förderung auf Bundesebene sei „primär an Zuständigkeiten, nicht an Kompetenzen ausgerichtet und wird von protektionistischen Instrumenten der Mittelverteilung begleitet“. Bisher werde mit den Erfahrungen und Erkenntnissen des Leistungssports mit dem „Phänomen menschliche Leistungen“ ein „gesellschaftlich äußerst werthaltiges Potenzial nicht genutzt“.

Immer weniger Medaillengewinne

Und der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Forschungszentrums für Leistungssport in Köln belegte seine Aussagen mit Zahlen: Ein 66-prozentiger Rückgang der Medaillengewinne beginnend mit der vereinten deutschen Olympiamannschaft 1992 bei Sommerspielen und ein Minus von 43 Prozent bei Winterspielen.

Würde man die Bilanz des vereinten deutschen Sports 25 Jahre nach dem Mauerfall nur auf den Leistungssport beziehen, wäre es schon deshalb eine schiefe Bilanz, weil sie die Früchte des monopolistischen Fußballs außer Acht ließe mit den weltweiten Ausstrahlungen seines Sommermärchens bei der Heim-WM 2006 und dem wunderbaren WM-Triumph in diesem Jahr in Brasilien. Die Bilanz wäre auch deshalb schief, weil der Sport grundsätzlich verbindende Wirkungen erzielt. So bleibt als wesentlicher Erfolg: Die Übernahme des diktatorisch regierten Staatssports der DDR durch den demokratisch-föderal geprägten Sport der Bundesrepublik hat zu mehr Gerechtigkeit geführt – zur Angleichung der Ungleichen.

Eine neue Teilung

25 Jahre nach dem Mauerfall ist jedoch eine neue Teilung festzustellen. Das föderale System begünstigt den Sport in seiner Breitenwirkung, im Leistungssport wirkt es mangels geeigneter Strukturen und fehlender Durchsetzungskraft bisher aber eher als eine zunehmende Schwäche. Der organisierte Sport mit seinen auf über 90 000 angewachsenen Vereinen bietet seinen knapp 28 Millionen Mitgliedern Möglichkeiten wie in kaum einem anderen Land. Der Leistungssport darbt an seinem Überföderalismus.

Christoph Niessen, der Vorstandsvorsitzende des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, hat es vor dem Bundestags-Sportausschuss so formuliert: „Wer Erfolg haben will, muss klare Verantwortung definieren. Diese Zuordnung ist im Sport nicht geklärt, stattdessen befinden wir uns in einem Zuständigkeits-Wirrwarr.“ Es bleibe festzuhalten: „Schnell geht nichts im deutschen Sport.“ Und das, obwohl es 2006 mit dem Zusammenschluss von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eine erste, allerdings schon damals verspätete Bündelung durch eine innere Vereinigung des vereinten Sports gegeben hat.

Die Schwächen des in vielerlei Hinsicht starken deutschen Sports haben mit dazu beigetragen, dass er in seiner Partnerschaft mit der Politik nicht ausreichend Gehör gefunden hat. Belege dafür finden sich in seiner beiläufigen Behandlung im Einigungsvertrag mit der DDR, in der unveränderten Ablehnung, den Sport als Grundrecht in das Grundgesetz mit einzubeziehen und ihn als Mittel der Gesundheitsvorsorge und der Erziehung und körperlichen Ertüchtigung an den Schulen stärker zu nutzen.

Und was soll man von einer Gesellschaft halten, die Siege fordert und feiert, ihre Elite-Athleten jenseits der Fußball-Millionäre aber nur mit 626 Euro durchschnittlich im Monat unterstützt, was bei 57 Prozent Existenzängste hervorruft. So hat es die verdienstvolle Stiftung Deutsche Sporthilfe ermittelt. Es ist ein Ergebnis, dass auch der Wirtschaft kein gutes Zeugnis ausstellt.

Die Frage, wie es um die Sportnation Deutschland ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall und der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR steht, wird durch die Bewerbung von Berlin oder Hamburg um die Olympischen Spiele 2024 und eventuell auch 2028 eine deutliche Antwort finden. Nationaler Kleinmut steht da in einem heftigen Kontrast zum internationalen Ansehen Deutschlands. Vergessen wird dabei oft die Langfrist der deutschen Kandidatur. Favorit scheint für die Spiele 2024 aus heutiger, längst noch nicht klarer Sicht eine US-Metropole sein. Würde sich der amerikanische Kandidat durchsetzen, gingen die Spiele 2028 mit einiger Sicherheit nach Europa.

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