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„Badstuber-Verletzung ist typisch“

Verbandsarzt Werner Krutsch spricht im MZ-Interview über die Misere beim FC Bayern und die Häufigkeit von Folgeblessuren.
von Heinz Gläser, MZ

Die Bayern-Fans stehen hinter ihrem Idol Badstuber: „Niemals aufgeben, Holger.“
Die Bayern-Fans stehen hinter ihrem Idol Badstuber: „Niemals aufgeben, Holger.“ Fotos: afp

Regensburg.Herr Krutsch, Holger Badstuber fällt erneut monatelang aus. Wie bewerten Sie als Verbandsarzt des Bayerischen Fußball-Verbandes die schier unendliche Leidensgeschichte des Bayern-Verteidigers?

Ich bin nicht der behandelnde Arzt und habe nicht alle Hintergrundinfos. Aber dieser Fall deckt sich mit unseren praktischen Erfahrungen und den Erkenntnissen aus den Studien über Kreuzbandverletzungen am Knie, wie Badstuber sie erstmals im Dezember 2012 erlitten hat. Der Aufbau der Muskulatur nach der OP ist langwierig, die Koordination leidet, die gesamte Statik des Körpers ist beeinträchtigt, die Bewegungsabläufe stimmen nicht überein. Und dann kommt der Zeitdruck im Profifußball als Hauptproblem hinzu. Damit steigt die Gefahr von Folgeverletzungen der Muskulatur, der Sehnen oder der Gelenke, wenn der Spieler in den Trainings- und Spielbetrieb zurückkehrt. Badstubers Fall ist insofern typisch für den Profifußball.

Laut Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer war Badstuber im Training „nur ein bisschen im Rasen hängen geblieben“, das Malheur sei Folge einer „unglücklichen Bewegung“.

Diese Schilderung entspricht unseren Erkenntnissen. Es ist „unglücklich“, aber kein Zufall. Es handelte sich nicht um einen sogenannten Kontaktunfall, wie er im Fußball häufig vorkommt, sondern um eine Nicht-Kontakt-Verletzung, indem er ohne Spielereinwirkung wegknickt und sich dabei das Sprunggelenk bricht. Dies ist schwierig zu verhindern, lässt aber ein grundsätzliches Problem vermuten.

Hat sich erneut schwer verletzt: Holger Badstuber Foto: dpa
Hat sich erneut schwer verletzt: Holger Badstuber Foto: dpa

Sie bezeichnen Badstubers Fall als typisch. Können Sie ähnliche Verletzungsgeschichten nennen?

Nehmen wir Daniel Ginczek vom VfB Stuttgart, der sich ebenfalls am Wochenende schwer verletzt hat: Erst der Kreuzbandriss 2014, dann nach sieben Monaten schon zurück auf dem Platz, anschließend Rückenprobleme und sogar eine Operation am Rücken. Und jetzt erleidet er im allerersten Training nach dieser Operation den zweiten Kreuzbandriss. Gleichzeitige Probleme mit der Muskulatur oder dem Rücken finden wir in unserem deutschlandweiten Kreuzbandregister bei einem Drittel aller Spieler mit Kreuzbandverletzung.

Ist der Fall Sami Khedira ähnlich gelagert? Nach seinem Kreuzbandriss im November 2013 stand er sechs Monate später wieder für Real auf dem Platz...

Genau. Und seither hat er mit Muskel- und Sehnenverletzungen zu kämpfen. Das hätte jeder von uns so gemacht und das Risiko auf sich genommen. Khedira hatte ein sehr großes Ziel vor Augen: die WM in Brasilien. Deshalb hat er nachvollziehbar eine schnelle Rückkehr forciert.

Gegen den ärztlichen Rat?

In solchen Fällen hat man sich als Arzt im Profifußball dem Willen und dem Erfolg der Spieler zu beugen, auch wenn man eine längere Rekonvaleszenz dringend empfehlen würde. Dabei kann – wie bei Khedira – der Traum von der WM-Teilnahme eine Rolle spielen.

Oder der Trainer macht Druck, will seinen Spieler so schnell wie möglich zur Verfügung haben...

Auch das kommt vor, nicht nur im Profifußball. Das medizinische Verständnis in den Profiklubs ist generell gewachsen, trotzdem gilt leider Gottes auch heute noch oft: Je höher der Verein spielt, desto weniger hat die medizinische Abteilung zu sagen. Überspitzt formuliert ist der Arzt mit seinen Entscheidungen über die Einsatzfähigkeit eines Spielers die einzige Person in einem großen Profiteam, die dem Trainer den Spieler von der Aufstellung wegholen kann. Und das kann trainerabhängig unweigerlich zu Problemen führen. Wir Ärzte müssen eben nicht nur die kurzfristige Spielfähigkeit im Sinn haben, sondern auch die langfristige Gesundheit des Sportlers. Ein hohes Maß an Vertrauen und Verständnis zwischen Arzt und Coach ist daher unverzichtbar.

Werner Krutsch (rechts)
Werner Krutsch (rechts)

Und daran hapert es?

Nehmen wir nur mal die Ausfallzeit nach Kreuzbandrissen. Die Statistik zeigt: In der Bundesliga 2014/15 fehlte der Profi durchschnittlich neun Monate, in der Champions League geht’s bis zu drei Monate schneller. Ob das lange genug ist? Ich habe da sehr meine Zweifel, und alle Ärzte wissen das auch. Das Risiko und die Folgen trägt der Spieler selbst.

Was leiten Sie aus all dem ab?

Ganz einfach: Solche Verletzungen sind kein Schicksal! Zu sagen, dieser oder jener Profi sei einfach ein Pechvogel, ist verkehrt. Die Spieler müssen vor der Rückkehr auf den Platz intensiv getestet werden, um zu erkennen, ob sie noch Schwächen haben. Das hat der FC Bayern sicherlich gemacht. Uns stehen als Fifa-Klinik in Regensburg für einen sogenannten Knie-TÜV nach einer schweren Verletzung die Messinstrumente zur Verfügung, wozu auch ein Speedcourt in der Gästekabine der Continental-Arena gehört. Auf diesem Feld können wir die individuellen Leistungsdaten des Spielers erheben oder seine Laufwege und Bewegungsmuster analysieren. Und dann können wir ihm sagen: Du denkst vielleicht, du bist wieder bei 100 Prozent. Aber es sind erst 80!

„Solche Verletzungen sind kein Schicksal!“

Werner Krutsch

Nun ist ja Badstubers Verletzung nur die jüngste einer ganzen Serie von Blessuren beim FC Bayern. Haben Sie für diese Häufung eine Erklärung?

Man muss aus fußballmedizinischer Sicht immer das Gesamtgefüge eines Teams, also auch das Mannschaftstraining im Blick haben. Zumindest gibt es einen Verdacht beim FC Bayern, den wir kürzlich bei einer Tagung in Hoffenheim diskutiert haben. Jede Spielweise im Fußball fordert ihren Tribut. Denken Sie an Borussia Dortmund vor Jahren, wo das extreme Pressing irgendwann zu Überlastungsreaktionen geführt hat.

Und bei den Bayern?

Da ist aktuell ihre typische Spielweise ein Faktor, denn Bayern ist mit Abstand Spitzenreiter im Kurzpassspiel. Mit dem Verdrehen der Hüfte geht ein kurzer Kraftschub einher, der Adduktoren belastet und Verletzungen begünstigt. Solche Probleme sind bei dieser Spielweise nicht überraschend, sondern erwartbar.

Also liegt beim FC Bayern diesbezüglich etwas im Argen?

Das will ich nicht sagen. Aber wiederholte Verletzungsmuster gehören analysiert; und dann benötigt man die medizinische und fußballerische Erfahrung zusammen. Der FC Bayern ist in der medizinischen Abteilung perfekt aufgestellt. Aber natürlich kann es nicht schaden, sich unter dem Gesichtspunkt der Verletzungsprävention die fußballerischen Trainingsinhalte genauer anzuschauen.

Betrifft das die Arbeit von Pep Guardiola?

Natürlich. Sofern sich ein Zusammenhang zwischen dem Kurzpassspiel und den Muskelverletzungen nachweisen lässt, ist der Trainer eine Person, die da eingreifen kann.

Nun könnte man einwenden, dass der FC Barcelona unter Guardiola ein ähnliches System gespielt hat, aber ohne Verletzungsmisere.

Das stimmt. Man kann da nur spekulieren. Barcelona kultiviert in seiner Nachwuchsakademie La Masia ein bestimmtes System über Jahre, und es ist ein Riesenvorteil, wenn der Spieler eine bestimmte Spielweise früh verinnerlicht und daran adaptiert ist. Das war bei den Barça-Leistungsträgern wie Lionel Messi, Xavi und Iniesta der Fall.

Die verletzen sich also deshalb nicht so häufig, weil sie gar keine andere Spielweise als Kurzpässe kennen?

So lässt sich das nicht direkt sagen. Aber alle unsere Studien weisen nach, dass das Verletzungsrisiko mit jeder Form von kurzfristiger Änderung oder Steigerung der Belastung ansteigt. Ein neuer Trainer, andere Übungsformen, ein Aufstieg, ein erstes Testspiel nach der Sommerpause: All das sind Einflussfaktoren, die negativ wirken können. Wir arbeiten an unserer Klinik daran, diese Risiken zu analysieren und durch Programme zu minimieren.

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