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Samstagsinterview

Bayerischer Äthiopier läuft zur Weltmeisterschaft

Als Baby kam Jonas Koller nach Velburg. Mit MZ-Redakteur Claus Wotruba spricht er über seine Zeit als Fußballer und wie er zum Läufer wurde.

Jonas Koller trägt in Barcelona das erste Mal das Nationaltrikot im Wettkampf – und das gleich bei einer Weltmeisterschaft. Foto: Wotruba

REGENSBURG. Dieser junge Mann hat sich selbst überholt. In Marburg rannte Jonas Koller Anfang Mai nicht nur als erst 19-Jähriger zur Bronzemedaille über 10.000 Meter in der U 23, er lief in 30:17,47 Minuten auch eine Zeit, die lange kein deutscher Läufer seinen Alters mehr erzielte. Das beeindruckte – und so darf der Youngster von der LG Telis Finanz Regensburg am Dienstag bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Barcelona das erste Mal ins Deutschland-Trikot schlüpfen. Jonas Koller ist zwar in der Stadt Velburg aufgewachsen, geboren aber ist er in Adis Abeba in Äthiopien. „Ich bin ein bayerischer Äthiopier“, sagt Koller.

Klar, dass diese Frage am Anfang stehen muss. Wie oft hast Du den Spruch gehört, dass Du ja sowieso schnell laufen können musst – allein schon aufgrund der Hautfarbe?

Jonas Koller: Ziemlich oft.

Seit wann läufst Du?

Seit zwei Jahren. Da bin ich zu Kurt gekommen (gemeint ist Trainer Kurt Ring, d. Red.).

Und davor?

Davor habe ich Fußball gespielt.

Warum kam es zum Umstieg?

Weil ich daheim bei mir (in Velburg. d. Red.) einen Volkslauf gewonnen und gedacht habe: Aha, laufen macht ja auch Spaß, wenn man gewinnt. Dann habe ich entdeckt, dass es das auch professionell gibt, und so bin ich zu den Regensburgern gekommen.

Warst Du im Fußball denn eher der an der Außenlinie, der immer rauf und runter rennt und dessen Feind der Ball ist?

Genau der war ich. Da bin ich nicht weiter aufgefallen. Mein Papa war der Trainer und hat irgendwann auch erkannt, dass ich beim Laufen weiterkomme als beim Fußballspielen.

Dann ist die Geschichte noch erstaunlicher, dass Du jetzt bei der U-20-WM startest.

Da hat ja auch der Kurt nicht damit gerechnet. Und der hat echt Ahnung. Da habe ich sogar den Trainer überrascht – was nicht oft vorkommt. Ende 2009 habe ich angefangen, und er hat gesagt, dass er zwei Jahre braucht, damit ich geradeaus laufen kann...

...und jetzt geht es geradeaus nach Barcelona. Wie kam es zu den langen Strecken? Kurt Ring sagt, dass seit Ewigkeiten kein deutscher Langstreckler in so jungen Jahren so eine Zeit gelaufen ist.

Das liegt wahrscheinlich an meinen äthiopischen Genen (lacht). Die kommen dann hervor, wenn man sie herauskitzelt. Wir trainieren scheinbar sehr gut. Da funktioniert im Verein zur Zeit einiges gut. Vier Leute waren ja bei der EM (Corinna Harrer, Maren Kock, Philipp Pflieger und Florian Orth, d. Red.).

Auf der Langstrecke wird man erst mit einer Drei vorne beim Alter richtig gut. Bei Dir ist es noch nicht mal eine Zwei.

Ich mag das einfach. Ich bin von Anfang an ein bisserl der langsamere Typ. Die 1500 Meter bin ich nie unter vier Minuten gelaufen. Da war klar, dass es auf lange Strecken gehen muss. Dass es so lange wird, war auch ein Glücksfall, weil ich die 10 000 auch erst zum ersten Mal gelaufen bin.

Du bist im ersten 10 000-Meter-Rennen die Norm gelaufen?

Na ja, im zweiten. Bei der bayerischen Meisterschaft lag ich noch eine Minute hinter der Norm. Innerhalb von drei Monaten habe ich mich also einmal selbst überrundet, so schnell habe ich mich gesteigert.

Wie spürt man eigentlich, ob man schnell auf so langen Distanzen ist?

Tja, wie merke ich das? In Marburg war das schon am Start. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Wenn es eine Medaille wird, ist es super, dachte ich – weil das ein U-23-Rennen war und ich erst 19 bin. Und dann ist das einfach gelaufen. Ich habe einen nach dem anderen geschnappt.

Klingt einfach.

Vielleicht ist es auch so einfach. Wenn ich denke, ich fühle mich gut, mache ich es und habe keine Angst, dass ich die nächste Kurve nicht überlebe. Es hat funktioniert.

Was für einen Bezug zu den afrikanischen Wurzeln gibt es?

So gut wie keinen. Ich bin schon mit sechs Monaten adoptiert worden.

Was weißt Du über Deine Familie? Warst Du schon mal in Äthiopien?

Ich war noch nie da, will aber mal hin. Und ich bin komplett bayerisch erzogen worden. Damals war ja Bürgerkrieg in Äthiopien. Wenn man da zur Adoption freigegeben wird, gibt es wahrscheinlich auch keine Verwandten mehr.

Gab es bisher keine Nachforschungen oder die Neugier: Wo komme ich her?

Bis jetzt nicht. Ich habe hier ja auch noch vier Schwestern – wobei die jüngste der älteren Schwestern neun Jahre älter ist als ich.

Ist Dir selber mal aufgefallen, dass Du jetzt in einem Sport gelandet bist, der sportlich zu deiner Herkunft passt. Nach dem Motto: Irgendwas habe ich in mir.

Das stimmt. Das war ganz am Anfang, noch beim Fußball, als ich keinen Bezug hatte. Da fiel mir bei Olympia auf: Die Schwarzen sind schon gut beim Laufen. Das hat mich beeindruckt. Aber mehr war da auch nicht.

Da sind wir gespannt, wo das hinführt.

Vorteile gibt es wahrscheinlich schon. Kurt sagt auch: Vom Gewicht her bin ich Afrikaner und kein Europäer. Ich habe meine 53 Kilogramm...

...bei welcher Größe?

1,75 Meter. Das kommt mir natürlich schon zugute.

Die Qualifikation für Barcelona kam völlig überraschend. Mit welcher Erwartung fährst Du nach Spanien?

Ich möchte mich und das Land bestmöglich präsentieren.

Da darfst Du Dich ja zum Beispiel mit den Läufern aus dem Land Deiner Herkunft messen. Die laufen ganz schön schnell.

Die sind noch eineinhalb bis zwei Minuten vor mir. Aber die trainieren auch zwei-, dreimal am Tag und ich gehe acht Stunden am Tag in die Arbeit.

Was machst Du?

Eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann bei Richter und Frenzel in Obertraubling.

Da passt es perfekt, dass Du im Athletenhaus der LG lebst.

Das ist super. Mein Alltag schaut so aus, dass ich von halb acht bis halb fünf arbeite. Um Viertel nach fünf fahre ich ins Training, komme um halb neun heim. Essen, vielleicht noch was für die Schule machen, ab ins Bett und das Ganze beginnt von vorne. Das ist schon Stress, aber es hat sich gelohnt.

Wie hoch ist der Trainingsaufwand?

Acht, neun Einheiten die Woche mit 120 Wochenkilometern.

Wenn man es nach nur zwei Jahren schon zur Junioren-WM schafft, muss die Frage erlaubt sein, wo das hinführt?

Die anderen aus dem Verein sind Vorbild. Ein Philipp Pflieger war lange verletzt, trainiert wieder und kann gleich bei Europameisterschaften starten. Bei Corinna Harrer bin ich eigentlich ihr Nachfolger. Sie war ja bei der Junioren-WM in Moncton 2010 und darf jetzt bei Olympia starten. Wenn ich fleißig bleibe und diszipliniert, hat man immer so einen Traum vor Augen. Aber jetzt kommt erst einmal Barcelona und dann wird man sehen.

Langen Distanzen kann man lange laufen.

Auf jeden Fall. Aber ich denke, bei mir wird es eh irgendwann auf den Marathon gehen.

Bahn, Cross, Straße: In Regensburg wird alles gelaufen. Gibt’s einen Lieblingsuntergrund? Eine Corinna Harrer stapft ja gerne mal auch durch den Matsch.

Ich auch. Im Februar bin ich ja auch deutscher Vizemeister im Cross geworden. Das war auch das erste, was Kurt im Dezember geplant hat. Barcelona ist eigentlich dazwischengekommen. Wir waren mittendrin in der Vorbereitung auf die Bahn-DM in Mönchengladbach in der Woche nach Barcelona. Aber das steht jetzt natürlich im Schatten der Junioren-WM.

Gibt’s ein Zeitziel für Barcelona?

Ich möchte meine Zeit schon verbessern. Dass ich die 30:17 gelaufen bin, ist ja jetzt ein paar Monate her. Und wir haben auf 10 000-Meter-Training umgestellt. Ich weiß zwar, dass es in Barcelona heiß ist...

...was Dir ja nichts ausmachen dürfte...

Das ist jetzt wieder ein Klischee (lacht). Ich bin nicht so der Hitzefan. Aber ich werde ich mich durchbeißen.

Dann haben wir das Interview jetzt eher in der Länge eines 5000-Meter-Laufs abgewickelt. Also nicht in 29 oder 30 Minuten, sondern deutlich darunter.

Unter 30? Das wäre natürlich ein Traum. Möglich ist inzwischen alles.

Einfach nochmals selber überholen. Danke für das Gespräch und alles Gute für den Lauf am Dienstag in Barcelona!

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