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Leichtathletik

Benedikt Hubers famoser Lauf zum Titel

Der Regensburger Saisonaufsteiger holt Gold und hat nun auch beste EM-Aussichten. Auch Kock und Orth sind auf dem Treppchen.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ, Ralf Jarkowski und Andreas Schirmer, dpa

Meisterleistung: Benedikt Huber lief über 800 Meter in Kassel allen davon. Foto: Kiefner
Meisterleistung: Benedikt Huber lief über 800 Meter in Kassel allen davon. Foto: Kiefner

Kassel.Vorsicht prägte die Regensburger Vorschau auf die deutsche Leichtathletik-Meisterschaft. „Es hätte auch medaillenlos ausgehen können“, sagte Kurt Ring, der Teamchef der LG Telis Finanz auch in Kassel noch. Ging es aber nicht: Maren Kock und Florian Orth konnten wie erwartet zwar ihre Titel über 1500 Meter nicht verteidigen, landeten aber als Zweite und Dritter auf dem Treppchen. Den Knüller aber lieferte der 27-jährige Benedikt Huber, der in einem eindrucksvollen 800-Meter-Rennen in 1:47,17 Minuten nicht nur den Meistertitel eroberte, sondern sich wohl auch nach Amsterdam zur Europameisterschaft im Juli lief. „Fix ist es noch nicht. Aber ich habe ein paar gute Zeichen bekommen und werde auf alle Fälle vorgeschlagen“, freute sich Huber.

Zweimal hatte der Telis-Aufsteiger der Saison die Norm in diesem Jahr knapp verfehlt, „einmal um 29 Hundertstel und einmal um sieben bei der Sparkassen-Gala in Regensburg“. Huber, der 2011 ebenfalls in Kassel sein DM-Debüt gelaufen war („Damals hätte ich an so etwas wie heute nie geglaubt“), war selbst perplex über den Rennverlauf. „Bei 200 Metern lag ich irgendwie vorn, bei 300 habe ich einfach Vollgas gegeben“, sagt der bisher zweitschnellste Deutsche der Saison und rannte der Konkurrenz wie Sören Ludolph (Braunschweig), Marc Reuther (Wiesbaden) und Dennis Krüger (Berlin) bis ins Ziel sogar klar weg.

„Das sind genau die Momente, für die sich all das lohnt“, freute sich Kurt Ring. „Er hat es einfach umgesetzt und geglaubt. Als Nobody so im Alleingang von der Spitze weg zu laufen, ist beeindruckend. Von ihm werden wir heuer noch mehr hören.“

Auch der Rest des Teams machte Ring und die LG Telis Finanz „happy. Was unser Team seit sechs Jahren leistet, ist phämomenal“, sagt Ring. „Ich bin mit gemischten Gefühlen hergefahren und fahre sehr erleichterten Herzens nach Hause.“ Ring blickte auf mutige Rennen von Florian Orth („Er hat fast einen Tesfaye geschlagen“) und Maren Kock („Sie hat ihren Status hinter einer Konstanze Klosterhalfen, die momentan eine eigene Liga ist, bestätigt“). Huber, Kock und Orth werden am 28. Juni noch zu einem Meeting ins schwedische Sollentuna reisen.

Noch ein paar Bestzeiten mehr

Und dahinter erfreute sich Kurt Ring an den Auftritten einer Julia Kick (Sechste über 1500 Meter), Luise Boschan (Fünfte über 5000 Meter), Carolin Aehling (Zehnte über 5000 Meter) oder eines Tim Ramdane (Achter über 5000 Meter), alle entweder „nahe dran oder in neuer persönlicher Bestzeit“. Nur Corinna Harrer musste ein Jahr nach ihrer schweren Achillessehenverletzung im 1500-Meter-Vorlauf aufgeben: „Mein Körper ist noch nicht so weit, das musste ich einfach einsehen. Aber es geht weiter, immer weiter“, schrieb die 25-jährige Olympia-Teilnehmerin von 2012 auf Facebook.

Mit Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting fiel einem Altmeister in Kassel ein Stein vom Herzen. Er fegte die Konkurrenz wie in alten Zeiten aus dem Ring gefegt und sicherte sich mit seinem neunten Meistertitel das Olympia-Ticket für Rio. In einem wahren Finalkrimi steigerte sich der Berliner auf glänzende 68,04 Meter und fing im letzten Versuch seinen jüngeren Bruder Christoph (66,41 Meter) noch ab. „Hatte ich ein Glück! Mir glühte der Hintern im letzten Versuch“, sagte der 31-Jährige am Sonntag nach dem spannendsten Wettbewerb der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Kassel. Fünf deutsche Diskuswerfer haben die Olympia-Norm erfüllt – Robert Harting ist als deutscher Meister nun als einziger für die Sommerspiele am Zuckerhut gesetzt. Deshalb will der dreimalige Weltmeister auch auf einen EM-Start in Amsterdam (6. bis 10. Juli) verzichten.

Es gab diverse hochklassige Leistungen. Fünf Speerwerfer überboten die 80 Meter, der Jenaer Thomas Röhler sorgte bei seinem Favoritensieg mit 86,81 für eine der Topleistungen. Auch Stabhochsprung-Meisterin Martina Strutz überzeugte mit 5,70 Metern. Mit der Weltjahresbestleistung von 66,41 Metern holte sich Speerwerferin Christin Hussong ihren ersten DM-Titel. Gleich sechs Diskuswerferinnen hatten vor Kassel die Olympia-Norm – die WM-Dritte Nadine Müller holte sich den Titel im ersten Versuch und gewann mit 65,79 Metern. „Ich träume noch nicht von einer Olympia-Medaille, aber ich kann mit dem Titel ruhiger schlafen“, sagte Müller.

Bei ihrer Leistungsschau haben die deutschen Asse erste Signale für Olympia gesetzt, und für die EM in Amsterdam gibt es jetzt schon mehr Kandidaten als Startplätze. „Wir haben ein Luxusproblem bei der Nominierung“, sagte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska angesichts der Tatsache, dass in etwa zehn Disziplinen schon vor den Titelkämpfen mindestens drei Athleten die Olympia-Norm für die Sommerspiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) erfüllt hatten. Allerdings wurden die Nominierungsvorgaben Ende 2015 auch erheblich gelockert.

Größtes Team aller Zeiten

Knapp zwei Monate vor Olympia am Zuckerhut haben die Chefplaner im Deutschen Leichtathletik-Verband nun die Qual der Wahl. Am Mittwoch wird zunächst das Team für Amsterdam nominiert – es könnte die größte deutsche Nationalmannschaft in der EM-Geschichte werden. Von „100 bis 110 Athleten“ geht der Verband derzeit aus, informierte DLV-Teammanager Siegfried Schonert. Priorität haben traditionell die deutschen Meister mit erfüllter Norm. Darunter könnten am Ende sechs Regensburger Starter sein.

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