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Beunruhigungsgrenze liegt bei 410 Watt

Sind die Spitzenfahrer dieser Tour gedopt? Der „Bergradar“ signalisiert: Kann sein, muss aber nicht. Vieles soll noch im menschenmöglichen Bereich liegen.
Von Tom Mustroph, MZ

Frankreichs Thibaut Pinot gilt als der neue Hinault. Beim Port de Balés setzte er sich an die Spitze der Allzeitbestenliste und war schneller als Mentschow, Sanchez und Contador. Foto: afp

PARIS.PARIS. Radsport ist kein Sport nur für einen Tag. Der Formaufbau für eine große Rundfahrt dauert Monate. Wer sie gewinnen will, braucht Jahre, um das notwendige Niveau an Kraft, Ausdauer und auch Widerstandskraft zu entwickeln. Und nicht zuletzt müssen sich die aktuellen Profis immer mit den Gestalten, die vor ihnen Geschichte schrieben, messen lassen. „Das ist wie Hinault“, jubelte ein französischer TV-Kommentator, als Thibaut Pinot am Dienstag am Port de Balés das dort schon geschrumpfte Favoritenfeld attackierte. Mächtigen Tritts jagte der Mann aus den Vogesen davon. Er distanzierte zeitweilig sogar den Zweitplatzierte Alejandro Valverde.

Bernard Hinault, vor 29 Jahren letzter Tour-Sieger der Franzosen und damit Referenzgröße, bescheinigte dem jungen Landsmann „viel Saft“.

Pinot schneller als Contador

„Viel Saft“ hat Pinot auch im Vergleich mit den Radprofis, die in früheren Jahren den Port de Balés hinaufstampften. Er setzte sich gleich an die Spitze der Allzeitbestenliste. Mit 32:50 Minuten war er mehr als eine Minute schneller als das bisherige Rekordtrio Denis Mentschow, Samuel Sanchez und Alberto Contador. Alle Achtung. Bei Mentschow wurden später verdächtige Blutwerte festgestellt. Contador wurde der Sieg wegen einer positiven Clenbuterolprobe aberkannt.

Das Trio war aber auch nicht wie Radtouristen durch die Berglandschaft gefahren. Im ersten Teil des Anstiegs sorgten Andy Schlecks Teamkollegen Jens Voigt und Stuart O’Grady für zügiges Tempo. Als dann drei Kilometer vor dem Gipfel die Kette vom Rad des Luxemburgers sprang, enteilten die Drei und sorgten für die dramatischste Etappe der damaligen Tour.

Pinot & Co. waren in diesem Jahr schneller als ihre Vorgänger. Das ist ein Novum. In den Alpen, bei der Kletterei hinauf nach Chamrousse war Nibali deutliche 2:17 Minuten langsamer als Lance Armstrong beim Bergzeitfahren des Jahres 2001 auf der gleichen Strecke. In den Vogesen, auf der Planche des Belles Filles, blieb Nibali hinter Chris Froome und Bradley Wiggins zurück. Die britischen Tour-Dominatoren brauchten im Jahr 2012 22 und 20 Sekunden weniger als Nibali in diesem Juli. Allerdings lagen ihre Leistungswerte laut Berechnungen des französischen Dopingkritikers Antoine Vayer im tiefen grünen, also „menschlichen“ Bereich.

Armstrongs Wert in Chamrousse beziffert Vayer auf 439 Watt. Das fällt in seine Kategorie „wundersam“. Nibali leistete Kletterarbeit für 405 Watt – in Vayers Skalierung ist das weiterhin „menschenmöglich“. Auch Mentschows, Contadors und Sanchez’ Leistung am Port de Balés lag mit 407 Watt noch knapp unterhalb der Beunruhigungsgrenze von 410 Watt. Pinot und Nibali hingegen haben bei Vayer 415 Watt erreicht. Vayer selbst hält das aber noch nicht für komplett beunruhigend. „Dieser Anstieg hatte einige Besonderheiten. Den Rekord gebrochen und die Zeit weit unterboten hatte schon Team Movistar, das über lange Zeit führte. Pinot und die anderen waren dann ungefähr so schnell unterwegs wie das Trio Contador, Mentschow und Sanchez.“ Mit einer Beurteilung, ob die Leistungen von ungedopten Körpern erbracht wurden oder nicht, will er sich zurückhalten. „Wir müssen abwarten, wie die Fahrer sich erholen und was sie an den anderen Pyrenäentagen leisten“, sagte er.

Fehlerstreuung wie bei Ferrari

Der Franzose hatte auch im letzten Jahr sogenannte „Bergradar“-Daten geliefert. Er wurde dafür gelobt wie kritisiert. Seine Methode erfreut sich mittlerweile gewisser Wertschätzung. Ein Vergleich seines Kalkulationsansatzes mit real gemessenen Wattzahlen ergab eine Fehlerstreuung von 1 bis 3 Prozent. In etwa den gleichen Streufaktor weist laut „sportsscientists.com“ auch der Ansatz von Michele Ferrari auf. Ungeachtet seines schlechten Leumunds als Doping-Guru darf man Ferrari exzellente Kenntnisse in der Leistungsmessung unterstellen.

Seine überraschende Zurückhaltung in der Interpretation der Daten signalisiert aber auch, dass man nicht zu schematisch an den Schwellen festhalten sollte. Allerdings ist die Leistung von Thibaut Pinot jetzt in der Region des Potenzials von Kettenschaden-Profiteur Alberto Contador angesiedelt.

Die Tour 2014 sorgt für Zweifel in beide Richtungen: Es ist gut möglich, dass die Spitzenfahrer weiter gedopt sind. Es gibt aber auch einige Berechtigung, das Vorurteil „die dopen doch alle“ anzuzweifeln. Die Zweifel an diesem Vorurteil mehren sich sogar.

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