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Samstag, 24. Februar 2018 2

Handball

„Das ist eine andere Dimension“

MZ-Autor Robert Torunsky spricht sechs Wochen vor der WM in Deutschland mit Frauenbundestrainer Michael Biegler.

Bundestrainer Michael Biegler Foto: dpa

Herr Biegler, die EM-Qualifikation mit den Spielen gegen Litauen und die Türkei wurden von der schlimmen Knöchelverletzung Anne Hubingers überschattet, die nun nicht für die Heim-Weltmeisterschaft im Dezember zur Verfügung stehen wird. Welchen Stellenwert haben deshalb die Testländerspiele in Magdeburg und Berlin am 28. und 29. Oktober?

Michael Biegler: So kurz vor der Weltmeisterschaft ist natürlich die Zeit der wichtigste Faktor, jedes Spiel zählt. Die Verletzung von Anne ist schlimm, vor allem auch für sie persönlich. Aber ich bin weit weg davon, das im Hinblick auf unsere Ziele zu dramatisieren: Wir müssen uns nun eben taktisch umstellen, andere Auslösehandlungen auswählen und gemeinsam andere Lösungen finden.

Apropos Fokus, die Formkurve zeigte nach dem doch etwas enttäuschenden 26:26-Remis in Oldenburg gegen Litauen in der EM-Qualifikation beim 30:16-Auswärtserfolg in der Türkei ja deutlich nach oben.

Gegen Litauen haben wir nicht das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Ich fühle mich da auch bestätigt, dass die Vorbereitung von Sonntagabend bis Mittwoch für unser System in der Nationalmannschaft zu kurz war. In der Türkei war es nach einigen weiteren Trainingseinheiten dann gleich um Klassen besser und wir haben den Oldenburg-Unfall korrigiert.

Mit den Holländerinnen treffen Sie nun zweimal auf eine Mannschaft, der sie auch in der Vorrundengruppe in Leipzig begegnen. Welche Rolle spielt das in Ihren Planungen?

Wir haben zu diesem Zeitpunkt keine offizielle Frauen-Woche im Kalender der European Handball Federation (EHF), das ist das Problem. Dieses Wochenende steht im Zeichen des hundertjährigen Bestehens des Deutschen-Handballbundes mit zwei Doppelveranstaltungen unter dem Motto „100 Jahre Handball“. Das ist toll für den Frauenbereich, der davon profitieren wird, aber da es eben kein offizielles EHF-Wochenende ist, können sich gar nicht so viele Nationen als Gegner zur Verfügung stellen. Die Männerhaben kein Problem, da es eine offizielle EHF-Woche ist.

Der Trainer und das Turnier

  • Karriere:

    Am 1. Oktober 2012 übernahm Biegler, der von 1993 bis 1996 Co-Trainer der deutschen Männer-Nationalmannschaft war, die polnische Männernationalmannschaft, mit der er bei der WM in Katar 2015 die Bronzemedaille errang. Nach der Heim-EM 2016 erklärte er seinen Rücktritt. Seit April 2016 trainiert er die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Nach der Heim-WM übernimmt er den Männer-Bundesligisten SC DhfK Leipzig.

  • WM:

    Unter dem Motto „Simply wunderbar“ findet von 1. bis 17. Dezember die 23. Handball-WM der Frauen statt. 24 Teams ermitteln in vier Gruppen den Nachfolger von Titelverteidiger Norwegen. Gastgeber Deutschland trifft in der Vorrunde in Leipzig auf Kamerun (1.12.), Südkorea (3.12.), Serbien (5.12.), China (6.12.) und abschließend auf Holland (8.12.). Die Halbfinalpartien und die Spiele um die Medaillen werden in Hamburg ausgetragen.

Stehen deshalb auch die in Frankreich aktiven Xenia Smits und Isabel Klein nicht im Aufgebot?

Ja, wir haben diese Spielerinnen nicht von den Vereinen zur Verfügung gestellt bekommen. Da können wir auch nichts einklagen, das ist so. Bei Isabell hoffen wir zumindest auf eine Trainingsteilnahme.

Wann müssen Sie sich auf den 28er-Kader festlegen, aus dem Sie Spielerinnen für die Weltmeisterschaft nominieren können?

Drei bis vier Wochen vorher, also Anfang November, kurz nach den beiden Länderspielen.

Wie sind Sie mit den Leistungen Ihrer Stammspielerinnen – auch in Bundesliga, Champions League und Europapokal - zufrieden? Sind die Spielerinnen bereits auf dem Niveau, das Sie sich wünschen?

Durchgängig sicherlich noch nicht, aber das bekommen wir hin. Ich habe – und das bestätigt sich auch jetzt – bei der Übernahme des Projekts darauf bestanden, vor Turnierbeginn eine dreiwöchige Vorbereitung zu haben. Die haben wir jetzt nicht ganz: Die Spielerinnen kommen am 12. November in Rothenburg an der Fulda zusammen und dann werden wir in Absprache mit der Liga drei Tage Taktiktraining machen.

Christian Jordache ist für die Regensburger Handball-Damen mehr als nur der Physio: Der 56-Jährige ist Beichtvater des Teams. Erfahren Sie mehr.


Sie müssen in der Phase aber erneut auf einige Spielerinnen verzichten, oder?

Das ist korrekt, ich muss sich nochmal einige Spielerinnen für EHF-Pokal- und Champions-League-Spiele abstellen, der Rest des Teams fährt dann aber nach Leverkusen und fängt dann mit dem Athletiktraining an. Durchgängig habe ich nicht alle beisammen, aber immerhin den Großteil. Und die anderen stoßen nach ihren Spielen wieder zum Team dazu.

Genügt das Ihren Ansprüchen?

Sie werden von mir überhaupt kein Wort der Unzufriedenheit hören. Wir verfolgen von an in dem Projekt einen lösungsorientierten Ansatz.

Wie haben Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit die Frauen als Schützlinge erlebt?

Ich kann mit meiner immer noch ein wenig externen Sichtweise nur sagen, dass es mehr als toll ist, was die Ladies für eine Arbeit verrichten und bin mittlerweile mehr als nur davon überzeugt, dass sich der Frauenbereich als förderungswürdig erweist. Es ist beeindruckend, was die Spielerinnen gerade im Hinblick auf die geradlinige Verfolgung ihrer dualen Karrieren alles investieren. Im Männerbereich machen das die Spieler auch, aber wenn man mal ehrlich ist, können die sich finanziell ganz anders absichern. Ich nehme die Ladies mit einer sehr hohen Fokussierung und der genauso hohen Bereitschaft, dazulernen zu wollen, wahr und kann mich deshalb nur positiv äußern.

Die positive Grundeinstellung war ja gerade im deutschen Frauenhandball nicht immer gegeben.

Ich bin am Anfang des Projekts damit konfrontiert worden, dass der ganze Bereich ein wenig problembeladen war. Es hieß immer: „Ja, wir haben ja nicht die Möglichkeiten der Skandinavier“ oder „Unsere Spielerinnen sind nicht so athletisch wie die Französinnen oder Spanierinnen“ oder „Wir haben keine Profi“ und dies nicht und jenes nicht. Ich finde, dass wir dabei sind dafür Lösungen zu schaffen. Die Spielerinnen tun alles Erdenkliche dafür, sich weiterzuentwickeln und ich finde, dass die Förderung auch über die WM hinaus weiter gehen muss.

Denken Sie, dass das ergebnisabhängig ist?

Natürlich wäre es ganz toll, wenn wir ein gutes Ergebnis erzielen würden, würde das mit Sicherheit helfen. Aber Wolfgang Sommerfeld und meine Wenigkeit haben die 20 Monate des Projekts immer so verstanden, dass wir auch den Weg nutzen wollen. Klar, bin ich auch manchmal unzufrieden, da ich auf der Wegstrecke viele „Geister“ kennengelernt habe, die gesagt haben: „Wenn wir ein gutes Ergebnis erzielen, dann geht was.“. Diesen Fehler haben die Männer schon 2007 gemacht!


Weil der Schwung der Weltmeisterschaft nicht richtig genutzt wurde?

Da ist gar nichts passiert – trotz des bestmöglichen Ergebnisses. Ich kann nur sagen: Die Ladies arbeiten aufgabenorientiert überragend und ich wünsche mir sehr, dass sie auch über das Turnier hinaus tun dürfen und werden. Deswegen ist eine Ergebnisorientiertheit bei einer WM zwar notwendig, aber ausschließlich am Trainer festzumachen. Nach dem Turnier wird es unter neuer Führung weitere wichtige Aufgaben geben – wie die Europameisterschaft 2018 in Frankreich.

Hilft Ihnen Ihre Erfahrung als polnischer Männernationaltrainer auch bei der Vorbereitung auf dieses Turnier? Sie haben dort 2016 ja auch ein Heimturnier bestritten.

Ja, weil ich mich vor dem 16er-Turnier damals schlau gemacht und mich mit Menschen unterhalten habe, die so ein Turnier zu Hause bereits bestritten hatten. Ich habe mich mit Heiner Brand ausgetauscht. Ein Turnier im eigenen Land – das ist nämlich schon noch eine andere Dimension und es gibt deshalb einfach auch Dinge, auf die man achten muss.

Inwiefern?

Dazu gehört die Presselandschaft, die vor der Haustür viel stärker präsent ist als wenn das Event im Ausland stattfindet – das ist ja ganz logisch. Darauf muss man sich einfach vorbereiten.

Wie gehen Sie konkret heran?

So ein Turnier dauert sehr lange, deswegen muss man es dreigeteilt sehen. Das ist zumindest meine Erfahrung aus meinen vier Weltmeisterschaften. Da ist zunächst die Gruppenphase, nach der das Turnier komplett wieder von vorn und wieder bei null beginnt. In Katar 2015 als Trainer der Polen war mir beispielsweise klar, dass wir die Wahnsinns-Gruppe mit den Russen, den Dänen, den Deutschen und dann noch dem besten Team aus Südamerika, Argentinien, nicht fehlerlos spielen. Da hätten wir keine Körner mehr für den weiteren Turnierverlauf gehabt. Deswegen haben wir uns im Achtelfinale drauf fokussiert, einer anderen Mannschaft den in der Vorrunde besser erarbeiteten Weg wegzunehmen. Das haben wir gegen Schweden geschafft, dann Kroatien geschlagen und letztlich die Bronzemedaille gewonnen. Nach den K.o-Spielen geht das Finalwochenende auch wieder bei null los.

Ihr primäres Ziel in der Vorrunde ist es also nicht, den Topmannschaften aus der Parallelgruppe C wie Russland, Brasilien oder Dänemark im Achtelfinale aus dem Weg zu gehen?

Das wäre der zweite vor dem ersten Schritt. Wir haben in unserer Gruppe ein ganz komisches Profil, das jeweils nicht ganz zu Hälfte europäisch und asiatisch ist. Und dann kommt noch unser Auftaktgegner Kamerun dazu. Das sind drei Profile – und da müssen wir erstmal die richtigen Antworten finden.

Gerade die Mannschaften aus Asien und Südkorea können sich häufig viel länger auf so ein Turnier vorbereiten.

Ja, aber das ist nicht der Grund, warum sie so gefährlich sind. Ihre Spielweise wird bei uns in der Liga einfach nicht praktiziert. Die Spielerinnen müssen im Alltag solche Lösungen nicht abrufen, denn wir haben hier einfach keine Mannschaften, die so offensiv decken und die im Angriff mit so hoher Geschwindigkeit kommen. Gerade in Eins-gegen-eins-Situationen. Südkorea ist eine absolute Topmannschaft.

Also geht der Blick nur von Spiel zu Spiel?

Meine Fokussierung – und hoffentlich auch die meiner Spielerinnen – wird zunächst nur auf der Vorrunde liegen. Wir wechseln ja auch: Es fängt afrikanisch an, dann wird es asiatisch, dann europäisch, dann geht es zurück auf asiatisch, bevor es abschließend wieder europäisch wird. Wir haben also einen permanenten Stilwechsel vor der Brust. Hauptziel in der Vorrunde muss deshalb sein, permanent Antworten auf die unterschiedlichsten Anforderungen zu finden.

Dadurch dass die Gegner so verschiedene Spielstile haben, sind sicher auch unterschiedliche Spielertypen im DHB-Trikot gefordert. Macht man sich deshalb besondere Gedanken hinsichtlich der Nominierung des eigenen Kaders?

Ja, natürlich. Man muss sich schon überlegen: Was brauchen wir im ersten Schritt und was wird im Achtel- oder Viertelfinale nötig sein. Wir verfolgen als Gastgeber und große Handballnation schon das Ziel, bis zum Ende dabei sein zu wollen. Das ist aufgrund der Ergebnisse der Vergangenheit nicht selbstverständlich – aber wir gehen es an! Ich habe nie ein Problem damit gehabt, zu sagen: Unser Ziel muss Hamburg sein. Aber Achtel- und Viertelfinale haben auch wieder ein anderes Gegnerprofil – darüber macht man sich schon Gedanken bei der Kaderzusammenstellung.

Welchen Stellenwert in Ihrer langen Trainerkarriere hat für Sie als Deutscher die Heim-WM? Ist die Bewertung ergebnisabhängig?

Über sowas mache ich mir nicht wirklich Gedanken. Ich würde auf jeden Fall nicht sagen, dass es ergebnisabhängig ist. Für mich ist immer das was ansteht, das Wichtigste.

Sie haben vor einiger Zeit gesagt, dass Sie sich eine Frau als Nachfolgerin wünschen würden.

Das ist so, denn ich musste feststellen – vielleicht bin einfach auch nur ein alter Stoffel - dass Wolfgang Sommerfeld und ich in der Zusammenarbeit mit den Ladies auf bestimmte Punkte keinen Zugriff haben. Wir leben ja nicht mit der Mannschaft. Mir persönlich als Coach fehlen so ein paar Berührungspunkte. Ich provoziere gerne im Training etwas und bei Männern setzt man sich danach in die Kabine und überprüft, wie die Spieler darauf reagieren. Das findet hier gar nicht statt. Das ist nicht zum Einklagen und auch nicht negativ gemeint, aber logischerweise eben nicht da. Wir bekommen relativ wenig mit wie sich die Ladies auf ihrer Etage bewegen und wer mit wem gut oder weniger gut zurechtkommt.


Nun gibt es in der Frauen-Bundesliga aber auch nicht sehr viele weibliche Trainerinnen.

Ich bewundere die männlichen Kollegen, die im Frauenbereich über Jahrzehnte erfolgreich arbeiten. Ich kann aber ja nur sagen, wie ich es empfinde. Ich bin keiner der schnell Anleihen beim Fußball holt, weil ich auch sage, dass man sich nicht dauernd vergleichen sollte. Das ist dummes Zeug und bereitet immer nur schlechte Laune. Ich sehe das auch nicht als Quotenfrau-Thema, sondern fände grundsätzlich eine Bundestrainerin mit den gleichen Kompetenzen toll.

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