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WM-Momente

Das Tor, das es heute nicht mehr gäbe

Drin oder nicht? Über das Wembley-Tor 1966 ließ sich streiten. 2010 wiederholte sich die Geschichte – zugunsten Deutschlands.
Von Patrick Reichardt

30. Juli 1966, London: Im Finale der WM 1966 mit England gegen Deutschland knallt der Ball von der Latte auf den Boden. Der deutsche Torhüter Hans Tilkowski (vorn) schaut sich im Hechten um, Abwehrspieler Wolfgang Weber (links) und der jubelnde englische Stürmer Roger Hunt schauen zu. Foto: dpa
30. Juli 1966, London: Im Finale der WM 1966 mit England gegen Deutschland knallt der Ball von der Latte auf den Boden. Der deutsche Torhüter Hans Tilkowski (vorn) schaut sich im Hechten um, Abwehrspieler Wolfgang Weber (links) und der jubelnde englische Stürmer Roger Hunt schauen zu. Foto: dpa

Wembley.Die Technik, die Deutschland schon 1966 zum zweiten Mal zum Weltmeister-Titel hätte verhelfen können, hat ihre Premiere 17487 Tage zu spät gefeiert. Und ohne Karim Benzema, Didier Deschamps oder der honduranischen Fußball-Nationalmannschaft um Eigentor-Schütze Noel Valladares zu nahe treten zu wollen: Beim WM-Finale von Wembley am 30. Juli 1966 zwischen England und der DFB-Elf wäre sie definitiv mehr von Nöten gewesen als bei diesem Spiel der Vorrunde, bei der Frankreich mit 3:0 gegen Honduras gewann. Auch deshalb, weil „GoalControl“ den zweiten Treffer einwandfrei als solchen identifizierte.

Die Fußball-WM hat bei seinen 20 Turnieren viele einmalige Geschichten geschrieben, doch kaum ein Turnier wird so sehr auf eine Szene reduziert wie die WM 1966 – auf diesen einen Schuss von Geoff Hurst in der 101. Minute des Endspiels. Schuss, Unterkante der Latte, Aufprall am Boden, zurück ins Spielfeld: Was sich in wenigen Sekunden abspielte, wurde seither über ein halbes Jahrhundert diskutiert. „Ich schaute über meine linke Schulter nach hinten und sah es genau: Es war kein Tor!“, sagte Torwart Hans Tilkowski. Aus Westhams großartigem Stürmer Hurst, der den 4:2-Finalsieg nach Verlängerung mit seinen drei Toren maßgeblich herbeigeführt hatte, wurde der Schütze des Wembley-Tors. Aus Dortmunds langjährigem Keeper Tilkowski nur noch der Mann, der beim meistdiskutierten Treffer der Fußball-Geschichte zwischen den Pfosten stand.

Trotz eines 4:2-Siegs„Englands dunkelste Stunde“

„Der Ball war nicht drin“ wurde zum häufigst zitierten Satz des Mannes, der inzwischen 82 Jahre alt ist und selbst in Aserbaidschan über die historischen Augenblicke von London referiert hat. Der Linienrichter, Tofik Bachramow aus dem heutigen Aserbaidschan, hatte mit seinem Hinweis maßgeblich dafür gesorgt, dass das Tor zählte. „Behind the line?“, fragte Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz. Hinter der Linie? Er wollte zunächst auf Eckball entscheiden. „Behind the line“, sagte der Assistent. Das Tor zählte. Er gestand später ein, den Treffer selbst nicht zweifelsfrei erkannt zu haben.

In Deutschland ist die Meinung zu der Szene, die final und endgültig wohl nie mehr aufgeklärt werden kann, längst einhellig. Das Tor hätte nicht zählen dürfen. Selbst die Engländer haben im Lauf der Jahre das Zweifeln begonnen. Die Zeitung „The Times“ bezeichnete das 4:2 im Finale 35 Jahre später als „Englands dunkelste Stunde“. Selbst Torschütze Hurst zweifelte in seiner Biografie an, dass der Ball wirklich mit vollem Umfang die Torlinie überquert hatte.


„Das Bloemfontein-Tor“

Getreu dem Motto, dass man sich im Leben immer zweimal sieht und sich im Fußball sowieso alles ausgleicht, bekamen die Deutschen aber doch noch ihre Vergeltung. Zwar mit 44 Jahren Verzögerung sehr spät, in einer nicht vergleichbaren Situation, dafür aber durch eine umso krassere Fehlentscheidung. Als Frank Lampard im WM-Achtelfinale 2010 Maß nahm und der Ball nach seinem Schuss klar ersichtlich hinter der Linie aufsetzte und ins Feld zurücksprang, entschied Referee Jorge Larrionda aus Uruguay beim Stand von 2:1 darauf, das Spiel weiterlaufen zu lassen. Das DFB-Team gewann mit 4:1. Und deutsche Fans, die jahrzehntelang am Wembley-Tor herumkrittelten, erschufen plötzlich lustige Grafiken mit einem Dreieckszacken in der Torlinie und verbreiteten diese in den sozialen Medien. Das „Bloemfontein-Tor“ war geboren.

Die „GoalControl“ hat sich im Gegensatz zum Videobeweis etabliert

Seit der 2014 eingeführten Torlinientechnologie muss man derartige Szenen nicht mehr fürchten. In Sekundenschnelle erhält der Referee ein Signal, ob der Ball drin war oder nicht. Im Gegensatz zum Videobeweis, bei dem über Sinnhaftigkeit und Umsetzung herzhaft gestritten wird, hat sich „GoalControl“ etabliert. Mit Blick auf 1966 wird es den Deutschen nichts mehr bringen – und Hans Tilkowski wird weiter erklären, dass „der Ball nicht drin war“.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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