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Leichtathletik

Dattke trauert, Pflieger jubelt

Vier EM-Normen spätabends auf der RT-Bahn: Jungspund Reh ist wieder da, Altmeisterin Mockenhaupt nimmt Bahn-Abschied.
Von Claus-Dieter Wotruba

Auch Tempomacherin Diana Sujew half mit, dass Alina Reh, Miriam Dattke und Anna Gehring beim hochklassigen Mittsommerlauf der RT-Bahn in Regensburg allesamt die EM-Norm unterboten. Foto: Christian Brüssel
Auch Tempomacherin Diana Sujew half mit, dass Alina Reh, Miriam Dattke und Anna Gehring beim hochklassigen Mittsommerlauf der RT-Bahn in Regensburg allesamt die EM-Norm unterboten. Foto: Christian Brüssel

Regensburg.Miriam Dattke und Sabrina Mockenhaupt fielen sich vor der Kabine der RT-Laufbahn am Oberen Wöhrd in die Arme. Die eine hatte Tränen in den Augen, die andere heulte immer wieder Rotz und Wasser. Für Dattke, das große Lauftalent der nächsten Generation der LG Telis Finanz hatte sich mit einer Leistungsexplosion unverhofft über 10 000 Meter das Tor in ihre Heimatstadt zur Europameisterschaft scheinbar geöffnet. Die 37-jährige Altmeisterin Mockenhaupt, die seit der EM 2002 in München ein Sinnbild des deutschen Laufs war, hatte sich für den Traum von einem Bahn-Abschied noch einmal der großen Normenhatz unterworfen. Am Samstag war spät abends nach 23 Uhr klar: Beide Träume waren auf der Bahn am Oberen Wöhrd in Regensburg geplatzt.

Mitsommerlauf in Zahlen

  • Frauen:

    1. Alina Reh (SSV Ulm) 32:17,17; 2. Anna Gehring (ASV Köln) 32:20,37; 3. Miriam Dattke (LG Telis Finanz Regensburg) 32:44,79; 4. Fabienne Amrhein (MTG Mannheim) 33:46,14; 5. Sabrina Mockenhaupt (Haspa Marathon Hamburg) 34:09,95

  • Männer:

    1. Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg) 28:41,75 Minuten; 2. Karsten Meier (LG Braunschweig) 29:07,78; 3. Tobias Schreindl (LG Passau) 29:44,06; 4. Jonas Koller 30:15,75; 5. Tim Ramdane Cherif 30:19,49; 6. Kevin Key (alle Regensburg) 30:52,07

Rund 50 Zuschauer mögen es gewesen sein, die auf dem RT-Gelände ein Bad der Gefühle erlebten, das jenes der deutschen WM-Fußballer sogar überbot. Zwölf Männer und sechs Frauen kamen in den beiden Rennen über 25 Stadionrunden ins Ziel, geboten waren vier gelaufene EM-Normen für Berlin und viel Überraschendes. Eine dieser Überraschungen: Fast schon im Geheimen hatte mit Philipp Pflieger ein im Marathon schon für Berlin qualifizierter Routinier die Chance gesehen, auch über 10 000 Meter die Norm anzugehen. Was Trainer Kurt Ring erst als „Spinnerei“ abtat, setzte Pflieger eindrucksvoll in die Tat um, rannte die zweite Hälfte (14:15) schneller als die erste (4:26): In 28:41,75 Minuten schrammte Pflieger zwar um eine Sekunde an seiner Bestzeit vorbei, lief aber auf Rang drei der deutschen Bestenliste – und peilt jetzt im August den Doppelstart über 10 000 Meter und im Marathon an.

Schwung holen in St. Moritz

Erst einmal bricht der Olympia-Teilnehmer von Rio 2016 aber heute gemeinsam mit Jonas Koller, der nach Knieproblemen höchstzufrieden mit seinen 30:15 war, zum Höhentrainingslager bis Mitte Juli in St. Moritz auf. Dort versucht ab Mitte der Woche auch die weibliche Telis-Fraktion mit Anja Scherl und der zuletzt virusgeschädigten Franziska Reng für die EM in Schwung zu kommen.

In Regensburg waren da am Samstagabend auch noch Alina Reh und Anna Gehring: Die Ulmerin und die Kölnerin waren das Gegenpärchen zu Dattke/Mockenhaupt, die Abteilung „Jubel“ zum Drama. Reh und Gehring stürmten an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste, hängten zwischen 6000 und 7000 Meter Miriam Dattke ab und überrundeten Sabrina Mockenhaupt. In 32:17,17 bzw. 32:20,37 Minuten lagen sie weit, weit unter der EM-Norm von 32:55, die auch Dattke ein weiteres Mal unterbot (32:44,79).

Ein strahlender Philipp Pflieger am Mikrofon bei Stadionsprecher Norbert Lieske Foto: Brüssel
Ein strahlender Philipp Pflieger am Mikrofon bei Stadionsprecher Norbert Lieske Foto: Brüssel

Für die 21-jährige Alina Reh war es das perfekte Comeback nach einem im April erlittenen Ermüdungsbruch im Wadenbein, der alle Berlin-Träume des 2017er Shooting-Stars der deutschen Laufszene in Frage gestellt hatte. „Es war ein extrem langer Weg zurück für mich. Ich habe viel im Wasser gemacht und die Krücken sind mehrmals geflogen“, sagte Reh. Die mehrfache Nachwuchs-Europameisterin war Kurt Ring und der LG Telis Finanz „extrem dankbar“ für das Rennangebot. „Für mich war das eine letzte Chance, alles oder nichts – und mein allererstes 10 000-Meter-Rennen auf der Bahn.“

Es wurde eine perfekte Premiere. „Ich dachte am Anfang, die Startzeit wäre etwas spät, weil ich um die Uhrzeit sonst immer schon im Bett bin“, hatte Reh die Startzeit von 22.30 Uhr anfangs durchaus kritisch beäugt. „Irgendwie bin ich aber wach geblieben – und die Bedingungen waren am Ende optimal, die Temperaturen perfekt.“

Lesen Sie hier, wie sich die Lage vor dem Mittsommerlauf am Samstagabend dargestellt hatte.

Ausgelassen freuen konnte sich Reh trotzdem nicht. „Ich bin schon froh, dass ich es geschafft habe, aber auf der anderen Seite ist es auch eine ein bisschen komische Stimmung hier, weil ja jetzt Miriam und Mocki rausgeflogen sind“, fasste Reh den kunterbunten Laufabend zusammen, der das Klassement der 10 000-Meter-Frauen in Deutschland noch einmal so richtig durcheinanderwirbelte. „Ich war ja mit beiden in Trainingslagern schon auf einem Zimmer. Da ist es schwierig, sie jetzt so traurig zu sehen und es wäre auch nicht fair, sich zu sehr zu freuen.“

Auch Sabrina Mockenhaupt war hin- und hergerissen. „Nein, Bahnrennen mache ich jetzt keines mehr, nur noch Marathon und Straße. Die Jugend rückt vor“, sagte sie nach der inoffiziellen EM-Ausscheidung. „Vielleicht war das auch jetzt gut so, dass es hier so im Kleinen passiert: Ich hätte mir das zwar sehr gewünscht, in einem großen Stadion in Berlin tschüß zu sagen. Aber es hätte vielleicht auch nicht gepasst, die Runden hinterherzuziehen. Das hat mir heute schon gereicht.“

Kurt Ring hatte all das Drama-Potenzial der 25 Runden in Regensburg schon im Vorfeld vorhergesehen. Auch im Rennen, in dem mit Diana Sujew eine EM-Teilnehmerin über 1500 Meter die ersten 13 Minuten Tempo machte, sah der Dattke-Trainer und LG-Initiator ständig neuer Laufideen, schnell, wohin der Hase laufen könnte. „Langsamer“ brüllte Ring schon nach einer halben Runde – und ahnte, wie sehr das Frauenrennen Fahrt aufnehmen würde. „16:05 über 5000 Meter war zu schnell“, sagte Ring. „Das kann die Kleine noch nicht.“

Letztes Bahnrennen der Karriere in Regensburg: Sabrina Mockenhaupt Foto: Brüssel
Letztes Bahnrennen der Karriere in Regensburg: Sabrina Mockenhaupt Foto: Brüssel

Ring übte auch ein weiteres Mal Kritik an der deutschen Nominierungspraxis, „das habe ich schon im Herbst gesagt“. Ring zitierte die Laufzweite Anna Gehring: „Eigentlich gehören die ersten drei dieses Rennens nach Berlin.“ Jetzt muss Ring aber erst einmal seinen Schützling Miriam Dattke aufbauen, der zumindest über 10 000 Meter aus dem Rennen scheint, weil Dattke in Regensburg knapp neun Sekunden zu den 32:36,15 Minuten fehlten, die die in Amerika lebende Deutsch-Amerikanerin Natalie Tanner bereits am 30. März in Stanford (USA) erzielt hatte. Da hilft es wenig, dass Dattke beim Europacup in London gegenüber Tanner noch die Nase vorn gehabt hatte.

Ein Mitternachts-Ständchen

Und so fiel auch das abschließende Geburtstagsständchen der versammelten Telis-Läufer, das LG-Präsident Norbert Lieske um Mitternacht für Miriam Dattke organisiert hatte, ein klein wenig gedämpft aus: Der letzte Lauf als Teenie hatte trotz Topzeit für Dattke nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. „Du bist noch so jung und kannst noch soviel erreichen“, hatte Sabrina Mockenhaupt die jetzt gerade 20-Jährige getröstet.

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