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Degenkolb und die „Kraft des Willens“

Mit seinem Tour-Etappensieg beendet John Degenkolb eine lange Leidenszeit. Lange blieb ihm ein großer Tour-Sieg verwehrt.
Von Christoph Sicars und Andreas Zellmer, dpa

John Degenkolb entschied die neunte Etappe der Tour de France für sich. Foto: David Stockman/BELGA
John Degenkolb entschied die neunte Etappe der Tour de France für sich. Foto: David Stockman/BELGA

Roubaix.Nach den vielen zermürbenden Monaten hatte sich John Degenkolb genau so einen Ruhetag bei der Tour de France verdient: Als erlöster Etappenchampion, im Kreise seiner kleinen Familie, noch immer überwältigt vom ganz großen Coup von Roubaix.

Als die meisten Freudentränen beim ersten deutschen Tagessieger 2018 getrocknet waren, kam der Radprofi aus dem Grinsen kaum noch heraus. Den Vorschlag von Teamchef Steven de Jongh, Degenkolbs Triumph spontan mit einem Abstecher nach Ibiza zu feiern, beantwortete der 29-Jährige laut lachend: „So könnten wir auf alle Fälle in den Ruhetag gehen.“

Der heiß ersehnte erste Etappensieg bei einer Tour de France nach sechs Jahren Wartezeit mit sechs zweiten Plätzen sorgte bei dem gebürtigen Thüringer für ungekannte Glücksgefühle. Dass die Party ausgerechnet vor dem ersten Ruhetag der 105. Frankreich-Rundfahrt stattfand, war für den Klassikerspezialisten nach der neunten Etappe allerdings nur eine angenehme Randerscheinung. Jeder spürte, wie groß die Last war, die nach dem 156,5 Kilometer langen Ritt durch die nordfranzösische Kohle-Region von den Schultern fiel bei Degenkolb, dessen Karriere nach einem bösen Unfall 2016 am seidenen Faden hing.

Emotionen freien Lauf gelassen

„Dieser Sieg ist für alle jene dummen Leute, die meinten, dass John tot ist und nie wieder sein Niveau finden würde“, sagte Degenkolbs ehemaliger Teamkollege Warren Barguil. „Degenkolb und die Kraft des Willens“, schrieb das Tour-Zentralorgan „L'Équipe“ am Montag.

In großer Manier hatte Degenkolb seine Widersacher Greg Van Avermaet im Gelben Trikot und dessen belgischen Landsmann Yves Lampaert auf der Zielgerade von Roubaix ganz cool in Schach gehalten. Nach seiner Zieldurchfahrt hatte er umringt von Fotografen und Teamkollegen seinen Emotionen freien Lauf gelassen. „Die Leute haben nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch einmal große Rennen gewinnen kann. Es war sehr emotional, die Ziellinie zu überqueren“, sagte Degenkolb.

„Es war sehr emotional, die Ziellinie zu überqueren.“

John Degenkolb

Im Frühjahr 2016 hatte der Rad-Profi hier den Höhepunkt seiner Karriere erlebt. Sieg bei Paris-Roubaix, wenige Wochen zuvor bei Mailand-Sanremo: Das hatte vor ihm noch kein Deutscher geschafft. Nur ein Tour-Etappensieg fehlte dem Familienvater. Doch dann folgte der große Rückschlag.

Ein schwerer Trainingsunfall im Januar 2016 in Spanien beendete beinahe seine Laufbahn, noch heute ist ein Finger fast steif. Außer ein paar Siege bei kleinen Rennen blieben die Erfolge aus. Ein Teamwechsel 2017 zum US-Team Trek-Segafredo sollte „Dege“ wieder zurück in die Spur bringen. Doch Verletzungen und Krankheiten warfen ihn wieder zurück. Im Vorjahr sollte er das deutsche Team bei der Straßen-WM in Bergen als Kapitän anführen - wenige Tag vor dem Start machte ihm aber eine Bronchitis einen Strich durch die Rechnung.

Ein emotionaler John Degenkolb...

„Irgendwann beginnt man natürlich an sich zu zweifeln“, bemerkte Degenkolb. Seine Kritiker konnte er nun endlich widerlegen - und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Tour 2018 aus deutscher Sicht nicht zu Nullnummer wird, nachdem Marcel Kittel und André Greipel an Siegen vorbei sprinteten. Degenkolbs Tageserfolg war der 27. eines deutschen Tour-Starters seit 2013. „Ich bin sehr glücklich und freue mich sehr für John. Er quälte sich etwas in den Massensprints und die fuhr er die ersten Tage ohne Power. Aber die letzten beiden Tage war es dann ein ganz anderer John“, sagte Teamchef de Jongh.

Mit diesem Erfolg ging es für Degenkolb sichtlich entspannter in den Ruhetag. An die bevorstehende Tortur in den Alpen dachte er zunächst nicht, sondern nur an seine Frau und die zwei Kinder, die er in Annecy südlich von Genf in den Arm nehmen kann. „Das ist gerade das Beste, was ich mir auf dieser Welt vorstellen kann“, sagte er.

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