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Fussball

Der wichtigste Transfer war der zu Gott

Ex-Bayern-Profi Michael Sternkopf spricht über das Turnier der Bananenflanker, den Druck in Profi-Tagen und Glaubensfragen.
Von Claus-Dieter Wotruba

Ein Bild aus Offenbacher Tagen: Am Ende kämpfte Michael Sternkopf mit Burnout. Foto: Eibner
Ein Bild aus Offenbacher Tagen: Am Ende kämpfte Michael Sternkopf mit Burnout. Foto: Eibner

Regensburg.Den Budenzauber der Bananenflanker kennen Sie vom vergangenen Jahr. Das Spiel der Kinder und Jugendlichen, die mit geistiger Beeinträchtigung spielen, war der Höhepunkt des Turniers und wird es auch am Samstag wieder sein. Wie erinnern Sie sich daran?

Ich erinnere mich an dieses Spiel sowas von gerne. Das war für mich einer der berührendsten Momente, die ich als Fußballer erleben durfte. Ich habe Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke.

Manche Kollegen schienen fast überrascht von der Leidenschaft und Authentizität, die da auf dem Platz zu sehen ist.

Überrascht in dem Sinne, weil wir gar nicht wissen, wie die sich bewegen und mit welcher Leidenschaft die spielen. Ich kannte das jedenfalls nicht. Die glänzenden Augen zu sehen, die Freude zu fühlen und zu spüren, das fand ich genial. Da steht alles andere im Hintergrund: Ob man ein Spiel gewinnt, Erster oder Letzter wird, darum geht es für mich persönlich heutzutage sowieso nicht mehr. Da steht der Zweck im Vordergrund, Sieg und Niederlage sind zweitrangig.

Die neue Hörsport-Folge zum Bananenflanker-Budenzauber finden Sie hier.

Podcast

Nach den Eisbären kommen die Löwen

Beim Budenzauber verwandelt sich die Donau-Arena innerhalb weniger Stunden von einem Eisstadion zu einer Fußballarena.

Die Kurt-Landauer-Elf, für die Sie spielen, hat auch einen anderen Ansatz und passt deswegen gut.

Stimmt. Eine solche Mannschaft spielt ja in Regensburg zum ersten Mal. Ich kann da nur für mich sprechen. Wenn wir mit Bayern mit der Legendenmannschaft in Liverpool spielen und verloren haben, dann gibt es keine Angst mehr, dass du sagst, da schlage ich die Zeitung besser nicht auf. Das ist heute das Schöne: Der Druck ist nicht mehr da. Man freut sich, die alten Kollegen zu sehen, und spielt für einen guten Zweck. Und dann hat sich’s. Es ist schön, dass wir alte Deppen für viele noch interessant sind und heute noch eine Halle füllen können. Da fährt man gerne mal ein paar Kilometer. Ich war echt berührt, hatte Tränen in den Augen vergangenes Jahr, weil das das Leben ist. Klar waren es früher 50 000, 60 000, 80 000 Zuschauer – aber das ist heutzutage eine unrealistische Welt, wie man da als Star gesehen wird. Da sagt man: Hej, ich kann nur wahnsinnig gut Fußballspielen, das macht mich aber nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen.

Ist es heute noch schwieriger, Schwäche zuzugeben in dem Geschäft Fußball?

Früher wären es nur die Medien gewesen, die reagiert hätten, wenn du gesagt hättest: „Ich habe heute Angst gehabt.“ Da gab es keine sozialen Netzwerke. Die zerreißen dich jetzt alle. Aber spontan mag ich gar nicht sagen, ob es schwieriger ist.

Das ist wie mit der Qualität des Fußballs und der Frage, ob der früher besser oder schlechter war.

Natürlich ist er heute besser. Die Spieler sind alle besser, als wir es waren. Wenn ich an 1990 oder 1995 denke, als ich bei Bayern gespielt habe, dann hab’ ich auch die Weltmeisterschaft 20 Jahre vorher angeschaut, die Klassiker mit Beckenbauer, Breitner, Hoeneß, Netzer. Da haben wir damals gedacht, dass das Standfußball ist. Also denken die heute das Gleiche. Warum laufen die heute drei, vier Kilometer mehr im Spiel? Weil sie fitter sind, besser ausgebildet: Ich würde nie auf die Idee kommen, dass ich besser war als einer von denen heute. Alles ist dynamischer, schneller, athletischer. Deswegen würde ich mir von ehemaligen Kollegen manchmal wünschen, dass sie vor der Kamera sagen, was für einen Riesenjob die Spieler heute machen das Jahr über. Wir haben nämlich auch mal Mist gespielt. Da gibt es ein paar, die sich über die Netzers, Beckenbauers und Breitners aufgeregt haben – und heute machen sie nichts anderes.

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Bananenflanker liefern Gänsehaut-Moment

Am Samstag zeigen die geistig beeinträchtigten Jung-Kicker ihr Können. Das beeindruckt auch Profis wie Michael Sternkopf.

Das erhöht den Druck?

Ich würde mir manchmal wünschen, dass sie sensibilisieren und sagen, dass das mit 18, 20 nicht so einfach ist, mit dem Rummel umzugehen. Dass man mal das überragende Produkt Fußball besser verkauft und nicht nur sagt, der verdient so viel und muss das können. Nein, das sind junge Menschen. Es erhöht den Druck, wenn es die vermeintlichen Experten behaupten, dass er das können muss. Nein, muss er nicht: Wir konnten auch nicht alles.

Sie haben genau damit gekämpft: Weswegen war es in der aktiven Karriere nicht möglich, zu sagen: „Stopp, bis hierher und nicht weiter. Das macht mich kaputt.“

Man sieht ja, was heute noch geschrieben wird, obwohl das mit Robert Enke jetzt zehn Jahre her ist. Vor 25, 30 Jahren konnte man über Druck nicht sprechen. Wenn ich gesagt hätte, dass ich nach einem Jahr Bayern Antidepressiva genommen habe, hätten alle gesagt, dann höre eben auf. Da hieß es damals nur, nimm deine Medikamente und versuche, am Training teilzunehmen, sonst ist die Karriere in Gefahr.

Dabei war die Qualität eines Michael Sternkopf am Anfang der Karriere die Unbeschwertheit.

Die war nur beim KSC vorhanden. Dann kam ich zu Bayern, da war Schluss mit Unbeschwertheit. Deutschland war 1990 Weltmeister geworden, da waren sechs, sieben Bayern dabei. Damit war die Mannschaft grob aufgestellt. Der Rest der ersten Elf waren Nationalspieler aus anderen Ländern. Aber es ist, wie es ist. Ich bin froh, dass es so gelaufen ist. Ich hatte fünf ordentliche Jahre. Die hätten auch anders laufen können, wenn ich mental stärker gewesen wäre. Aber dafür, wie ich war, ist absolut okay, was ich erreicht habe.

Fussball

Bananenflanke: Stars, Stars, Stars

Am Samstag ab 15 Uhr wird in der Donau-Arena gekickt: Bekannte Spieler aus acht Klubs kommen für den guten Zweck.

Es hätte böse ausgehen können.

Millionen träumen davon, da hinzukommen. Deswegen lache ich mich kaputt, wenn einer weggeht von den Bayern nach ein, zwei Jahren und es heißt, der hat es nicht geschafft. Welchen Maßstab haben wir? Wann hat’s ein Fußballer geschafft, wenn nicht dann, wenn er zwei Jahre beim FC Bayern war? Auch da spielen Neid und Missgunst eine Rolle. Man könnte ja genauso gut schreiben, er hat seinen Lebenstraum erfüllt, auch wenn er nur zwölf Spiele gemacht hat. Stattdessen heißt es, der hat kaum gespielt.

Das Profileben ist also nicht für jeden auch empfehlenswert?

Du hast als Kind und Jugendlicher diese Leidenschaft. Wenn es sogar reicht, Profi zu werden, gehört Mut dazu zu sagen, das will ich gar nicht. Da ziehe ich den Hut.

Ihnen hat der Glaube an Gott, an Jesus, aus der Misere geholfen. Sie haben diesen Transfer, der erst 2018 stattfand, den wichtigsten ihres Lebens genannt. Über Glaubensfragen wird im Fußball wenig geredet.

Ich glaube, da hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Zu meiner Zeit waren es die Brasilianer. Denen nahm man das ab. Wenn das ein Deutscher gemacht hat, wurde er schräg angeguckt.. Auch ich wäre damals noch nicht soweit gewesen, wenn Jorginho gesagt hätte, magst du in meinen Bibelkreis kommen. Jetzt fahre ich gut damit und kann das nur jedem ans Herz legen, ohne penetrant zu sein. Ich will mit meinen Vorträgen für eine Sensibilisierung sorgen. In Deutschland kann man ja offen über seinen Glauben sprechen. Da gibt es auch andere Länder, wo man sich nicht bekennen darf.

zur Person

  • Leben:

    Nach seiner Karriere arbeitete der heute 49-Jährige bis 2011 in Offenbach und hörte dann mit Burnout auf.

  • Turnier:

    Am Samstag (15 Uhr) spielt Michael Sternkopf in Regensburg beim Bananenflanken-Budenzauber in der Donau-Arena für die Kurt-Landauer-Elf mit ehemaligen Bayern-Spielern.

Wie war Ihr Weg zum Glauben?

Ich bin vier Wochen tagtäglich inspiriert worden, habe Sachen bekommen, die ans Herz gehen und bei denen man spürt, das tut gut. Ich bin ja auf der Suche nach einer Konstanten, nach jemandem, der dich annimmt und liebt, mit all deinen Fehlern. Denn die hat jeder. Sich nur über Erfolg und Leistung zu definieren wie ich früher, ist problematisch. Kein Mensch kann immer 100 Prozent abliefern. Dann bist du verletzt, hast einen Gipsfuß, bist sechs, acht Wochen raus: Was gibt dir dann den Wert?

Eine andere Maßeinheit.

Die hatte ich nie. Jetzt schon. Jeder Mensch ist wertvoll, nicht nur ich. Ob er Leistung bringt oder nicht. Wir sind alle geliebte Kinder unseres Herrn. Das gibt uns unseren Wert. Darüber hinaus können wir natürlich versuchen, im Leben etwas zu erreichen. Das ist aber nicht die Messlatte, die er hat. Und was ist denn unsere Sehnsucht? Geliebt zu werden und zu lieben, dann sind wir glücklich. Und wenn wir das tun, haben wir viel erreicht.

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