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Deutsche Vorsicht vor Eishockey-WM

Beflügelt oder belastet Olympia-Silber? NHL-Star Leon Draisaitl warnt: „Wir sind immer noch ein kleines Eishockey-Land.“
Von Kristina Puck

Einer von drei NHL-Eckpfeilern im deutschen Nationalteam bei der WM ist Dennis Seidenberg, der wieder Kapitän des Teams ist.. Foto: Marius Becker/dpa
Einer von drei NHL-Eckpfeilern im deutschen Nationalteam bei der WM ist Dennis Seidenberg, der wieder Kapitän des Teams ist.. Foto: Marius Becker/dpa

Herning.Diese WM wird eine schwierige sein. Olympia-Silber schürt große Erwartungen – vielleicht zu große. Eine junge und nach zahlreichen Absagen, Ausfällen und Rücktritten stark veränderte Eishockey-Nationalmannschaft von Bundestrainer Marco Sturm muss in Dänemark den Hype nach der Medaillensensation von Pyeongchang bestätigen. Auch mit NHL-Topstar Leon Draisaitl bleiben vor dem Auftakt an diesem Freitag (20.15 Uhr/Sport 1) in Herning gegen den WM-Gastgeber Zweifel.

„Ich denke, dass man vorsichtig damit umgehen sollte. Wir sind immer noch ein kleines Eishockey-Land“, sagte Draisaitl. „Natürlich wollen wir so weitermachen, wie die Jungs bei Olympia aufgehört haben. Aber die Teams werden uns nicht umsonst einfach ins Viertelfinale oder Halbfinale laufen lassen.“ Verbandschef Franz Reindl warnte ebenfalls eindrücklich: „Es wird eine ganz harte WM“, sagte er. „Man kann nicht sagen, jetzt haben wir Silber, jetzt sind wir mal schön im Viertelfinale. Da ist man weit, weit daneben, wenn man so denkt.“

K.o.-Spiel? „Das können wir“

Dennoch: Der Finaleinzug bei den Winterspielen vor rund zehn Wochen hat bei den Spielern den Glauben gestärkt, dass sie zu allem fähig sind. „Unser Ziel ist es, das Viertelfinale zu erreichen“, sagte Matthias Plachta, einer von nur noch zehn Silbergewinnern im Aufgebot, und fügte lachend hinzu: „Das ist wieder ein K.o.-Spiel, und das können wir.“

„Unser Ziel ist es, das Viertelfinale zu erreichen“

Matthias Plachta, Eishockey-Nationalspieler

Dennis Seidenberg ist wieder Kapitän und sprach davon, dass auch Deutschland gegen Topfavorit Kanada punkten könne. Der 36-jährige Stanley-Cup-Sieger von 2011 ist einer von drei Profis aus der stärksten Liga der Welt im deutschen Team. Ein vierter – Goalie Philipp Grubauer aus Washington oder Stürmer Tom Kühnhackl aus Pittsburgh – könnte noch folgen. Die NHL-Spieler sollen mit vier weiteren jungen Spielern aus den zweitklassigen Nordamerika-Ligen oder vom College die Rücktritte der tragenden Säulen Christian Ehrhoff, Marcel Goc und Patrick Reimer auffangen.

Wie heißt der Gruppenchat?

Bei den Winterspielen im Februar fehlten die NHL-Spieler, weil die nordamerikanische Profiliga ihren Spielbetrieb nicht unterbrach. Sensationell zog die deutsche Auswahl ins Finale ein, unterlag erst in der Verlängerung den klar favorisierten Russen. Motiviert hatte sie auch eine WhatsApp-Gruppe mit dem Titel „Mission Gold“, die sie vor dem Turnier ins Leben gerufen hatten. Wie der Team-Chat diesmal heißt, verriet Verteidiger Moritz Müller nicht. Der Zauber solle nicht kaputtgehen. Wie in Südkorea erinnern die Worte „Glaube, Freude, Leidenschaft“ in der Kabine an ihre Tugenden.

Ein paar hundert Meter in die Umkleide

  • Örtlichkeiten:

    Ein paar hundert Meter müssen die Deutschen in ihrer Eishockey-Montur an ihrem WM-Ort Herning vom Eis in die Umkleide zurücklegen. Die Multifunktionsarena gehört zum Messezentrum, die Kabinen sind provisorisch in einer Messehalle aufgebaut. Schwarze Vorhänge trennen die Umkleiden ab.

  • Transportmittel:

    Torhüter Timo Pielmeier und Verteidiger Moritz Müller ließen sich in die Kabine chauffieren. Nach dem Training nutzten die Eishockey-Nationalspieler die Gelegenheit, dass zufällig ein Golfwagen vorbeikam. „Es ist ein weiter Weg zum Training, aber wir sind ja Sportler“, sagte Pielmeier und schmunzelte.

Olympia hat vieles verändert. Das deutsche Eishockey wird wieder anders wahrgenommen, der Erfolgsdruck ist groß. Die Erinnerungen stärken das Selbstvertrauen. Ob auch jetzt alles möglich sei? „Ich denke schon“, antwortet Sturm. „Jeder hat es gesehen, auch die Jungs, die nicht dabei waren.“ Seit der 39 Jahre alte deutsche NHL-Rekordspieler Bundestrainer wurde, erlebte Eishockey einen Aufschwung und bei Olympia ein nicht für möglich gehaltenes Wunder. Bei beiden bisherigen WM-Turnieren unter Sturm führte er das Team ins Viertelfinale. Gelänge das auch diesmal, wäre der positive Trend bestätigt. Sturm hat sich zum Ziel gesetzt, unter den Top Acht der Weltrangliste zu bleiben. Momentan sind die Deutschen Siebter.

Lesen Sie außerdem: Auf Draisaitl lasten große Erwartungen

Jetzt ist erstmal ein Umbruch zu bewältigen. Zehn Absagen aus dem Olympia-Kader musste Sturm hinnehmen, auf zwei weitere Spieler verzichtete er, drei traten zurück. Auch die NHL-Profis Thomas Greiss (verletzt) und Tobias Rieder (persönliche Gründe) reisten nicht an. Im Olympia-Finale standen elf Spieler, die 30 Jahre oder älter waren.

Jetzt spielen 13 Spieler, die 25 Jahre oder jünger sind. Nach dem kniffligen Auftritt gegen Gastgeber Dänemark folgt am Sonntag gegen Norwegen ein weiterer Gegner, gegen den die Deutschen für das erhoffte Viertelfinale punkten müssen. „Wir können uns nicht ins Turnier reinfühlen. Ich denke, dass das auf dem Niveau dann oft zu spät ist“, warnte Draisaitl.

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