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Leichtathletik

Die Oberpfalz läuft Staffel

Corinna Schwab will mit den 400-Meter-Frauen am Freitag ins EM-Finale. U-20-Weltmeisterin ist sie schon – aber im Sprint.
Von Claus-Dieter Wotruba

In Tampere war Corinna Schwab in zwei U-20-Staffeln am Start: Jetzt wartet die EM in Berlin. Foto: Iris Hensel
In Tampere war Corinna Schwab in zwei U-20-Staffeln am Start: Jetzt wartet die EM in Berlin. Foto: Iris Hensel

Berlin.Früher mal war danach alles vorbei. Bei jeder Meisterschaft setzten die viermal vier Stadionrunden den emotionalen Schlusspunkt. Und international mischten die deutschen Staffeln immer vorne mit. Inzwischen tun sich deutsche Langsprinter aber schwer, an diese Traditionen anzuknüpfen. Und doch ist das Augenmerk auf das Frauenquartett dieser Tage ein ganz besonderes, wenn am Freitag um 13.40 Uhr die Oberpfalz in der 4-x-400-Meter-Staffel der Frauen mit läuft.

Corinna Schwab vom TV Amberg 1861 übernimmt im ersten Lauf um den Einzug ins Finale von der deutschen Meisterin Nadine Gonska den Stab, gibt ihn an Karolina Pahlitzsch aus Berlin weiter und hofft mit Bundestrainer Tobias Kofferschläger, dass ihn mit Hannah Mergenthaler eine weitere Mannheimerin wie Gonska mindestens als Dritte oder wenigstens eine der beiden Zeitschnellsten ins Ziel bringt. Das würde einen Platz im Medaillenkampf am Samstagabend (21.50 Uhr) sichern, wenn die 4 x 400 den Abschluss bilden – dieses Mal am vorletzten Wettkampftag bei der Heim-Europameisterschaft in Berlin. Im Weg steht dabei erst mal Konkurrenz aus Portugal, der Slowakei, Italien, Großbritannien, der Schweiz und Irland.

Plan klappte wie am Schnürchen

Dass für den 19-jährigen Schützling des Trainer-Ehepaars Gundy und Lutz Glaser, wo Corinna Schwab in Amberg vor zwölf Jahren mit der Leichtathletik begann, Berlin ein Thema werden könnte, hätten vor einem Jahr noch die wenigsten gedacht. „Nach der Saison im vergangenen Jahr entstand dieser Plan schon“, erklärt Schwab. „Ich wusste, es ist U-20-WM in Finnland und Heim-EM in Berlin – und ich wollte bei beidem dabei sein.“

Der Plan bedeutete ganz konkret, in Tampere die Spezialdisziplin 400 Meter wegzulassen („Keiner weiß, was in drei Jahren ist: Aber das ist schon die Strecke, auf der ich am meisten Potenzial in mir sehe“) und dafür die Sprintstaffel über 4-x-100 Meter ins Schwab-Programm mit aufzunehmen. So sollte gesichert sein, bei der deutschen Meisterschaft in Nürnberg genügend Kraft zu haben, um sich in die EM-Staffel der Frauen zu laufen.

„Ich bin eher ein kritischer Mensch“

Corinna Schwab

Nicht jeder Plan funktioniert, dieser aber klappte wie am Schnürchen. Schwab lief über die 200 Meter auf WM-Platz sechs. „Das ist gut für die Grundschnelligkeit und war eine neue Erfahrung, die bei den Frauen schwer zu machen ist. Auf einmal stehen Jamaikanerinnen neben dir, die schon ein bisschen mehr Oberschenkel haben als ich.“ Zufrieden war sie mit ihrer Zeit dennoch nicht: „Ich bin eher ein kritischer Mensch. Jetzt sehe ich das anders, zumal ich vor Tampere eine Mandelentzündung hatte und vieles in den Sternen stand.“

Plötzlich sprintet sie auch noch

Vor allem aber sammelte Corinna Schwab üppige Staffelerfahrung. Über die 4-x-400 Meter landete das deutsche Quartett mit Corinna Schwab als Schlussläuferin auf Platz fünf, dafür lief es in der ungewohnten Sprintstaffel umso besser. „Die Idee, auf die ich nicht gekommen wäre, hatte der Bundestrainer im April. Er wusste, dass ich schnell bin und die Staffel verbessern kann. Dass es so kam, da waren mehrere Leute überrascht“, sagt Schwab.

Noch mehr, als das deutsche Quartett sogar Weltmeister wurde. „Ja, wir wollten eine Medaille. Uns war klar, dass Gold möglich wäre, wenn alles zusammenkommt. Und in dem Fall ist alles zusammengekommen. Unser Vorteil war, dass die Amerikanerinnen im Vorlauf rausgeflogen sind. Das hat es um einiges leichter gemacht“, erklärt die 19-Jährige. „Nach dem Vorlauf war klar: Jetzt wollen wir auch Gold, wenn die Tür schon mal für uns offen ist.“

„Mental fiel nach Finnland einiges ab“

Corinna Schwab

Ziel eins für 2018 war also mit Bravour erreicht, doch Teil zwei sollte ja schon ein paar Tage später folgen. „Wir sind Montagnacht aus Tampere zurückgekommen und am Samstag sind wir in Nürnberg gelaufen“, berichtet Corinna Schwab. „Mental fiel nach Finnland einiges ab.“ Körperlich waren die Strapazen auch zu verdauen: „Ich hatte dort immerhin sechs Läufe. Das ist nicht ohne.“ Dazu kam ein Schuss Euphorie: „Du bist nach Gold auf dem Höhenflug und musst dir erst mal sagen: Jetzt kann ich auch noch ein anderes Ziel erreichen. Das war nicht leicht, aber machbar.“

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Corinna Schwab – wohlgemerkt noch im Jugendalter – lief in Nürnberg bei der deutschen Frauen-Meisterschaft einen souveränen Vorlauf und im Endlauf mit Platz drei auf das Treppchen. „Es hat zwar nicht zu einer persönlichen Bestzeit gereicht, aber immerhin habe ich gezeigt, dass ich auch Saisonbestzeit laufen kann. Die letzten Meter ging die Kraft aus und es war doppelt schwer.“

„Jetzt sitzen sie neben dir“

Schwab, die in der vergangenen Woche am Dienstag zum EM-Trainingslager nach Kienbaum anreiste, wusste, dass sie einen DM-Platz zwischen drei und fünf bräuchte. Als das klappte, dauerte es, bis die Erfolgsmeldung ankam: „Realisiert habe ich das erst mal nicht. Ich habe vorher schon viele neue Leute getroffen. Und jetzt waren es noch mehr Leute, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte – plötzlich sitzen sie beim Essen neben dir.“

Für Corinna Schwab naht demnächst der Abschied aus Amberg. „Ich sage nicht viel dazu, weil noch nichts sicher ist und ich keine Gerüchte verbreiten will“, sagt das Talent, „aber ich werde ein Studium machen, vielleicht International Management, ein Fernstudium in Ansbach. Das ist eine Option, aber ich bin noch nirgends angemeldet. Das muss ich nach der EM in Angriff nehmen.“

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Auch Schwabs Noch-Trainer Lutz Glaser, der mit seiner Frau seit 1996 beim TV Amberg Trainer ist, weiß um die optimale Saison, in der nur noch das i-Tüpfelchen EM-Finale fehlt: „Sie hat alles rausgeholt, was ging.“ Ob es noch mehr kleine Schwabs in seiner Trainingsgruppe gibt? „Ein paar gute Jüngere haben wir schon, aber Corinna ist schon ein Ausnahmetalent.“

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