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Debatte

Die Wand aus Hass hat keine Fans

Fußball-Anhänger aus der Region verurteilen Gewalt. Laute Emotion müsse aber erlaubt sein – friedlicher Protest sowieso.
Von Jürgen Scharf, MZ

Die Südtribüne des Dortmunder Stadions war beim Gastspiel von RB Leipzig überdeckt von Transparenten mit hasserfüllten Botschaften.
Die Südtribüne des Dortmunder Stadions war beim Gastspiel von RB Leipzig überdeckt von Transparenten mit hasserfüllten Botschaften. Foto: dpa

Regensburg.Hermann Glaser weiß, wie es ist, wenn aus Fußball-Fans Täter werden. Seit Jahrzehnten ist er Anhänger des FC Bayern München. Bei Spielen gegen den bayerischen Erzrivalen aus Nürnberg habe er schlimme Szenen erlebt, erzählt er. Einmal saß er mit anderen Bayern-Fans in einem Bus, als Nürnberger Anhänger Flaschen auf die Fenster warfen. Die Ausschreitungen in Dortmund am vergangenen Wochenende, als BVB-Anhänger auf Fans von RB Leipzig losgingen, hat er nun aus der Ferne verfolgt: „Das ist schon erschreckend. Das geht natürlich überhaupt nicht.“

Glaser ist Vorsitzender des „Rekordmeister ’87“-Fanklubs aus Cham. Der Verein organisiert Fahrten zu den Spielen des FC Bayern. Gerade als Klubchef ist das Thema Sicherheit bei diesen Touren auch für Glaser wichtig. In Dortmund beispielsweise habe er zuletzt positive Erfahrungen gemacht: „Von einer Wut auf die Gästefans, die es wohl jetzt beim Leipzig-Spiel gab, haben wir damals nichts gespürt. Wir kamen sogar mit Dortmunder Fans ins Gespräch, das war sehr entspannt.“

Überall das Feindbild

Mal ist es offene Ablehnung, mal blanker Hass: RB Leipzig ist das Feindbild. Wo auch immer der Bundesliga-Aufsteiger antritt, begleitet ihn das Image des Plastikklubs, der von einem Investor über Nacht aus der Taufe gehoben wurde und nun dank der Millionen des Getränkedosenherstellers RB an traditionsreichen Bundesliga-Vereinen vorbeizieht. Die grundsätzliche Kritik an RB Leipzig, daraus macht Glaser kein Hehl, könne er durchaus nachvollziehen: „Man muss schon die Frage stellen dürfen, ob das ein gewachsener Verein ist, ob da eine Fankultur dahinter steht.“

Doch gibt es da nicht sogar Parallelen zum FC Bayern? Ist der deutsche Rekordmeister nicht auch eine durch finanzkräftige Sponsoren hochgezüchtete Erfolgsmaschine? „Das kann man vielleicht so sehen“, findet Glaser, „aber beim FC Bayern ist das eben über viele Jahrzehnte gewachsen. Das war harte Arbeit, dass der FC Bayern in diese Position gekommen ist.“ In München sei es eben nicht, wie etwa in Leipzig, so gewesen, „dass ein Investor kommt und von heute auf morgen der Erfolg da ist“. Gewalt dürfe es aber nie geben, egal welche Position man in dieser Debatte einnimmt, betont Glaser.

Was sind Ultras?

  • Die Ultra-Bewegung

    bezeichnet eine besondere Organisationsform für fanatische Sportanhänger, meistens die einer Fußballmannschaft. In der Regel fühlen sie sich als Kern der jeweiligen Fanschar.

  • Die meisten

    Ultra-Vereinigungen haben Vertreter, die im Namen der Gruppe mit dem unterstützten Verein kommunizieren, zum Beispiel um Lagerräume für Fahnen oder Eintrittskarten für Auswärtsspiele zu organisieren.

  • Im Fußball

    sind die Ultras international eine sehr heterogene Bewegung. Die Szenen unterscheiden sich teils hinsichtlich in Altersstruktur, Art der Unterstützung, politischer Überzeugung und der Akzeptanz von Gewalt.

  • Die erste Gruppe

    in Deutschland sollen 1986 die Fortuna Eagles Supporters aus Köln gewesen sein. Schätzungen zufolge gibt es heute etwa 25 000 Ultras in Deutschland, organisiert in mehr als 300 Gruppen.

In Dortmund wurden die Leipziger am vergangenen Wochenende im Stadion mit einem Meer aus Transparenten empfangen. Über die gesamte Südtribüne hinweg hatten BVB-Ultras Banner mit teils radikalen Botschaften verteilt. Wenn „Bullen abschlachten“ oder „Pflastersteine auf Bullen“ zu lesen ist, sei die Grenze des Zulässigen klar überschritten, findet Thomas Breidenbach. Er ist Vorsitzender des Regensburger BVB-Fanklubs „Donau-Pöhler“. Dass seine Borussia, einer der beliebtesten Vereine in Deutschland, nun mit Hass, Wut und Gewalt verbunden wird, macht ihn betroffen. „Ich war schockiert und habe darüber viel nachgedacht.“

„Transparente gibt es überall“

Breidenbach findet es sehr schade, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung missbraucht wurde. „Transparente gibt es ja überall, etwa auch auf politischen Demonstrationen.“ Im Prinzip sei das auch sehr gut, findet Breidenbach, „denn es zeigt, dass ich mich mit etwas beschäftige, über etwas nachdenke und dazu meine Meinung äußern will. Das ist besser als Gewalt“. Natürlich dürften die Inhalte der Botschaften auf den Transparenten aber nicht unter die Gürtellinie gehen. Ähnlich denkt Glaser. Nicht nur in Dortmund, auch beim Auswärtsspiel der Leipziger in München wurde RB mit vielen Bannern, auf denen hasserfüllte Botschaften standen, empfangen. „Manchmal geht es einfach einen Schritt zu weit, da gefällt mir dann auch nicht alles“, sagt der Bayern-Anhänger.

Ex-Nationalspieler Hans Dorfner
Ex-Nationalspieler Hans Dorfner

Fußball ist Emotion. Und es ist ein Balanceakt, die Grenzen des Erlaubten abzustecken. Ex-Nationalspieler Hans Dorfner aus Regensburg spielte beim FC Bayern und beim 1. FC Nürnberg. Er hat viel erlebt und findet, dass es „eigentlich ganz gut ist, wenn der Fan sich im Stadion austobt. Das hat auch Vorteile“. Es dürfe natürlich keine körperliche Gewalt geben, „aber wenn ein Fan Spieler und Schiedsrichter von der Tribüne aus beschimpft, dann kann er was rauslassen. Und wenn er heimgeht, ist alles gut“. Frank Renner denkt ähnlich. Er ist Vorsitzender eines Neumarkter Fanklubs des 1. FC Nürnberg. In einem Fußballstadion gehe es laut und manchmal auch rau zu, sagt er. Es dürfe jetzt nicht alles verdammt werden. „Ich schreie selbst auch mal aufs Spielfeld, da nehme ich mich gar nicht aus.“ Entscheidend sei, dass Grenzen eingehalten werden. Grenzen, die eigentlich jeder Mensch kennen müsste: „Man sollte auch im Stadion die gute Kinderstube, die die meisten genossen haben, nicht ganz vergessen.“ Dass dies immer wieder vorkomme, hänge damit zusammen, dass in der gesamten Gesellschaft Hemmschwellen gesunken seien, findet Renner.

„Eine neue Dimension“

Der Fan-Forscher Gunter A. Pilz spricht mit Blick auf den Gewaltexzess von Dortmund, als BVB-Fans Flaschen und Steine auf Leipziger Anhänger warfen, von einer “„neuen Dimension. Diese Auseinandersetzung habe auch „völlig friedliche normale Fans betroffen. Kinder, Frauen Familien wurden beworfen. Das ist in keiner Weise zu akzeptieren. Da kann man nur hoffen, dass in Zukunft das staatliche Gewaltmonopol konsequent umgesetzt wird“. BVB-Fan Breidenbach würde sich sogar eine noch breitere Front im Kampf gegen Gewalt wünschen: Polizei, Verband und Klubs. Bei der Prävention müssten insbesondere DFB und Vereine stärker zusammenarbeiten: „Die Klubs müssen sich außerdem ganz entschieden von gewalttätigen Fans distanzieren.“ Dabei dürfe auch nicht der Fehler gemacht werden, Ausschreitungen als kurzzeitige Erscheinung zu betrachten. Die habe es schon immer gegeben, sagt Breidenbach: „Das Problem steht mittlerweile aber stärker im Fokus, vielleicht weil einfach mehr darüber berichtet wird. Zum anderen ist auch die Masse der Menschen, die zum Fußball gehen, größer geworden.“

Eine Masse, die zum größten Teil aus friedlichen Menschen besteht, darin sind sich alle einig. Den wenigen, für die Gewalt kein Tabu ist, empfiehlt Club-Fan Renner, „dass sie sich doch zumindest abseits auf einer Wiese zum Schlagen treffen sollen, wenn sie es unbedingt machen müssen“. Dann treffe es zumindest keine unschuldigen Personen.

Geht es nach einigen Leipziger Anhängern, muss mit Gewalt ganz allgemein Schluss sein. Ein RB-Fan-Bündnis gab bekannt, dass es beim Bundesliga-Heimspiel an diesem Samstag gegen den Hamburger SV für eine friedliche Fankultur singen will: „Unsere Antwort auf die echten Hiebe in Dortmund kann nur lauten: Liebe!“

So kommentierte die MZ die Ausschreitungen in Dortmund:

Kommentar

Der Fußball ist frei

Fußball-Fans jubeln. Sie pfeifen. Sie rasten aus vor Glück. Sie schreien aus Zorn. Sie stimmen Freudengesänge an. Sie buhen. Sie feiern. Sie weinen. Sie...

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