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Winterspiele

Doping trübt die Olympia-Freude

In Südkorea beginnen bald die Olympischen Spiele. Tausende Athleten treten an. Nicht jeder kämpft mit fairen Mitteln.
Von Bastian Schmidt

Ein Schild mit der Aufschrift „Doping Control Station“ für die Dopingkontrolle ist neben der Abfahrts-Strecke im Jongseon Alpin-Zentrum angebracht. Die Olympischen Winterspiele Pyeongchang 2018 finden vom 9. bis zum 25. Februar statt. Foto: Michael Kappeler/dpa
Ein Schild mit der Aufschrift „Doping Control Station“ für die Dopingkontrolle ist neben der Abfahrts-Strecke im Jongseon Alpin-Zentrum angebracht. Die Olympischen Winterspiele Pyeongchang 2018 finden vom 9. bis zum 25. Februar statt. Foto: Michael Kappeler/dpa

Erinnern Sie sich noch an all die zweitplatzierten Radfahrer, die fast über ein Jahrzehnt im Schatten des Dominators Lance Armstrong die Ziellinie der Tour de France überfahren haben? Nein. Wahrscheinlich nicht. Wer merkt sich schon den Namen des Zweiten? Sieben Mal hatte der US-Amerikaner Armstrong zwischen 1999 und 2005 die Tour in Folge gewonnen und galt als der beste Radfahrer aller Zeiten, bis ihn die Anti-Doping-Agentur der USA (USADA) im Jahr 2012 des Dopings überführte, ihm alle Titel aberkannte und eine lebenslange Sperre aussprach.

Antrainierte Fähigkeiten und hervorragende körperliche Voraussetzungen reichen nicht aus. Zumindest reichen sie manchen nicht aus: Auch bei den Spielen in Pyeongchang werden Athleten wieder betrügen und zu leistungssteigernden Mitteln greifen, um das maximal positive Ergebnis herauszuholen. Sie werden dopen, um der oder die Beste in ihrer Disziplin zu sein.

Lance Armstrong war kein prominenter Einzelfall. Er ist in illustrer Gesellschaft. Bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul lief der kanadische Sprinter Ben Johnson in Weltrekordzeit zur Goldmedaille über 100 Meter. Nur zwei Tage später wurde ihm die Einnahme anaboler Steroide nachgewiesen, der Titel aberkannt und eine Sperre ausgesprochen. Und das ist nur ein weiteres von mittlerweile unzähligen Beispielen aus allen Bereichen des Sports. Von den zehn schnellsten Männern der Welt wurde seither nur Usain Bolt nicht mit Doping in Zusammenhang gebracht oder sogar gesperrt.

Methoden und Mittel

Wenn man vom Doping spricht, muss man grundsätzlich zwischen verbotenen Substanzen und verbotenen Methoden unterscheiden. So spricht man beispielsweise beim Blutdoping von einer verbotenen Methode, bei der dem Sportler Blut gegeben wird. Bei einer Eigenbluttransfusion wird circa ein Liter Blut abgenommen und konserviert. Hat der Körper den Blutverlust nach vier bis sechs Wochen ausgeglichen, wird das Blut zurück in den Körper transfundiert. Die Folge ist eine Erhöhung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit eine Verbesserung der Sauerstoffaufnahme und -transportfähigkeit des Blutes. Wird das Blut in einem speziellen Verfahren eingefroren, so lässt es sich sogar über Jahre hinweg konservieren. Bei der Überführung des deutschen Tour-de-France-Siegers Jan Ulrich im Jahr 2006 konnten ihm insgesamt neun eingefrorene Blutbeutel zugeordnet werden. Diese Methode funktioniert auch mit Fremdblut und wird vorwiegend in Ausdauersportarten angewandt.

Die gleichen Effekte können durch die gezielte Gabe von Erythropoetin (Epo), einer im Sport verbotenen Substanz, erzielt werden. Erythropoetin ist ein Hormon, das für die Bildung roter Blutkörperchen verantwortlich ist. In der Medizin ist Epo ein wirksames Mittel bei der Behandlung der Blutarmut von Dialysepatienten, im Ausdauersport ist es eines der populärsten Dopingmittel zur Leistungssteigerung. Mittlerweile existieren mehr als 300 ähnlich wirkende Substanzen. Andere Formen des Dopings stellen beispielsweise der Missbrauch von Anabolika und Wachstumshormonen zum Muskelaufbau, das Aufputschen mit Amphetaminen, Kokain, Ecstasy oder Ephedrin zur Unterdrückung von Ermüdungsgefühlen und zur Steigerung der Aggressivität oder die Einnahme von Diuretika zur Verschleierung anderer verbotener Substanzen dar.

„Mit sauberen Sportlern um die Medaillen kämpfen“

Leidtragende dieser unerlaubten Leistungssteigerungen sind in erster Linie diejenigen Athleten, die versuchen, sich im fairen und vor allem sauberen Wettkampf mit anderen Sportlern zu messen. Wie die Regensburgerin Corinna Harrer, die bei den Olympischen Spielen in London 2012 auf der 1500-Meter-Distanz antrat und den Finallauf nur um wenige Hundertstelsekunden verpasste. Nachträglich wurden sechs der vor ihr platzierten Läuferinnen gesperrt. Auch bei anderen Veranstaltungen musste sie sich im Laufe ihrer Karriere nachweislich gedopten Sportlerinnen geschlagen geben und so sagt sie heute: „Ich bin häufiger Zweite geworden. Mittlerweile habe ich richtig Bammel, dass irgendwann mal eine Goldmedaille per Post kommt.“ Deshalb unterstützt Harrer den Kampf gegen das Doping, auch wenn sie die Unannehmlichkeiten, die mit den Tests einhergehen, nur zu gut kennt.

„Doping ist meist keine Tat eines einzelnen Sportlers, sondern eines ganzen Systems, mit dem Geld verdient werden soll. Daher halte ich Recherchen bei Trainern und Ärzten im Umfeld für sinnvoll.“

Corinna Harrer

Denn Dopingproben werden nicht nur bei Wettkämpfen genommen. Auch im Training muss immer mit einem unangekündigten Test gerechnet werden. Daher müssen Topathleten ihre persönlichen Aufenthaltsorte bereits drei Monate im Voraus in die internetbasierte Datenbank ADAMS (Anti-Doping Administration and Management System) der WADA (World Anti Doping Agency) eingeben, damit Kontrolleure jederzeit unangekündigte Kontrollen durchführen können. „Die Athleten sind verpflichtet, ihre Angaben online so genau wie möglich zu machen“, so Harrer. Aber leider ist das System sehr veraltet und es gibt immer wieder Probleme. Wenn man von Athleten eine strikte Abmeldung verlangt, solle man auch ein funktionierendes Programm anbieten. „Im Grunde finde ich das System aber gut und halte es nicht für übertrieben, da nur durch eine detaillierte Angabe der Sportler zu jeder Tageszeit gefunden und getestet werden kann.“ Dennoch sollte eine Kontrolle weitaus mehr als Blut- und Urintests enthalten. „Doping ist meist keine Tat eines einzelnen Sportlers, sondern eines ganzen Systems, mit dem Geld verdient werden soll. Daher halte ich Recherchen bei Trainern und Ärzten im Umfeld für sinnvoll“, so die Regensburgerin.

Ähnlich sieht es auch Monika Karsch, Olympiazweite mit der Sportpistole bei den Spielen 2016 in Rio. „Ich bin im Nationalen Testpool (NTP), was bedeutet, dass ich quartalsweise im Voraus für jeden Tag angeben muss, wo ich mich tagsüber aufhalte und wo ich an diesem Tag übernachte. Zudem welche Tätigkeit es ist, meine Heimadresse und einen Rahmentrainingsplan. Alle Angaben mit genauer Anschrift.“ Prinzipiell wäre dieses System in Ordnung, wenn es denn von allen Ländern so streng durchgeführt werden würde. „Aus sicheren Quellen weiß ich aber, dass andere Nationen ADAMS zwar führen, es dabei aber nicht so genau nehmen. Ich möchte gerne und bin dafür durchaus bereit, meinen Teil beizutragen“, so Karsch.

Unkalkulierbares Risiko

Und Kontrollen sollen nicht nur die Chancengleichheit im Sport gewährleisten, sie dienen auch dem Schutz der Gesundheit der Athleten. Die Nebenwirkungen der regelmäßigen Einnahme anaboler Steroide sind unter anderem Leberschäden, die bis zum Leberkrebs reichen können, psychische Störungen, Akne, Haarausfall, ein erhöhtes Herzinfarktrisiko oder bei Jugendlichen eine Störung des Wachstums. Bei Frauen nehmen die weiblichen Geschlechtshormone ab, es kommt zur Vermännlichung und Unfruchtbarkeit, während bei Männern die Produktion weiblicher Geschlechtshormone zunimmt, sich die Hoden in vielen Fällen verkleinern und es zur Ausbildung von Brüsten kommt.

Ausdauersportler, die sich durch Blut- oder Erythropoetindoping einen Vorteil verschaffen, setzen sich neben den allgemeinen Gefahren, die immer von einer heimlich durchgeführten Bluttransfusion ausgehen, wie Verunreinigungen oder falsche Lagerung des Blutes, auch einem erhöhten Thromboserisiko durch den gewollten Anstieg der roten Blutkörperchen aus. Gerade im Radsport kam es immer wieder zu Fällen, in denen Fahrer mit Blut, zähflüssig wie Ketchup, tot vom Rad fielen. In der Anfangszeit des Erythropoetindopings kam es alleine in Belgien und den Niederlanden innerhalb eines Jahres zu 17 Todesfällen unter Radrennfahrern. Diese gesundheitlichen Schädigungen und Folgen sind es auch, die die Diskussion um eine allgemeine Freigabe der Mittel für alle Athleten dominieren.

Lesen Sie auch ein Interview mit dem Bayreuther Anti-Doping-Forscher Professor Dr. Walter Schmidt.

Betrug in Sotschi – die Konsequenzen für Pyeongchang

Einzug des russischen Teams bei den Olympischen Spielen in Sotschi - Die meisten Olympia-Sperren gegen russische Athleten wurden aufgehoben. Foto: Mark Humphrey/AP/dpa
Einzug des russischen Teams bei den Olympischen Spielen in Sotschi - Die meisten Olympia-Sperren gegen russische Athleten wurden aufgehoben. Foto: Mark Humphrey/AP/dpa

Die aktuell größten Auswirkungen auf die bevorstehenden Winterspiele in Pyeongchang haben aber mit Sicherheit die Erkenntnisse, die aus den Olympischen Spielen in Sotschi vor vier Jahren gezogen wurden. Damals hatten russische Anti-Doping-Forscher und Ärzte duzende belastete Urinproben russischer Wintersportler verschwinden lassen und gegen zuvor genommene, saubere Proben ausgetauscht. Laut dem ehemaligen Direktor des russischen Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, seien die Proben in Nacht-und-Nebel-Aktionen durch ein Loch in der Wand des Labors ausgetauscht worden. Der New York Times erzählte Rodschenkow außerdem, dass er und seine Kollegen auch für die Entwicklung und Verabreichung der leistungssteigernden Substanzen verantwortlich waren.

Bereits vor den Spielen in Sotschi hatte der russische Verband in enger Abstimmung mit dem Dopingkontrolllabor über Jahre hinweg positive Proben seiner Spitzenathleten verschwinden lassen. Seit seiner Aussage lebt Rodschenkow in einem Zeugenschutzprogramm in den USA. Als Konsequenz dieses staatlich gelenkten und geförderten Dopingsystems sperrte das Internationale Olympische Komitee (IOC) das Nationale Olympische Komitee Russlands für die Spiele in Pyeongchang. Eine umstrittene Entscheidung. Zwar wird es in Südkorea keine russische Mannschaft, keine russische Flagge und keine russische Hymne geben, zu einem kompletten Ausschluss Russlands von den Spielen, wie von vielen Anti-Doping-Kämpfern gefordert, konnte sich das IOC aber auch nicht durchringen. Russische Sportler, die nachweisen können, dass sie nicht Teil des Staatsdopings waren oder sind, dürfen unter einer neutralen Flagge als „Olympische Athleten aus Russland“ (OAR) teilnehmen.

Dieser Ausschluss ist ein wichtiges Zeichen, dass die Weltgemeinschaft den Kampf gegen den Betrug noch nicht aufgegeben hat, eine Garantie für dopingfreie Winterspiele ist sie aber leider bei Weitem nicht.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.


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