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Leichtathletik-DM

Florian Orth liefert verrückte Läufe

Norm und Silber in 19 Stunden: Der Telis-Mann liefert eine Topgeschichte. Huber schafft Hattrick. Auch Schwab fährt zur EM.
Von Claus-Dieter Wotruba

Florian Orth (Mitte, blaues Trikot) lieferte in Nürnberg eine Glanzleistung – und nicht nur da. Foto: Kiefner
Florian Orth (Mitte, blaues Trikot) lieferte in Nürnberg eine Glanzleistung – und nicht nur da. Foto: Kiefner

Nürnberg. Er war „nur“ ein Vizemeister. Und doch hatte Florian Orth einer der großen Geschichten der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg geschrieben. Der Läufer, der am Dienstag 29 Jahre alt und seit 2012 bei allen Europameisterschaften in Helsinki, Zürich und Amsterdam vertreten war, war so sehr gefragt wie selten in seiner Karriere.

Zusammen mit seiner Frau Maren und seinem Vater Carsten legte Florian eine Reise hin, die verrückter kaum hätte sein können. Am Samstagabend um 21.20 Uhr stand er im B-Lauf im belgischen Heusden über 5000 Meter an der Startlinie und schob sich in 13:34,03 Minuten auf Platz zwei der deutschen Bestenliste. Vor allem aber: Die EM-Norm war auf den letzten Drücker abgehakt. „In den vergangenen vier Wochen gab es ja sonst keinen vernünftigen 5000er“, begründete Orth hinterher. „In Tübingen hatte ich die Form noch nicht. Ich habe dann zehn Tage Trainingslager in Regensburg absolviert, um mir den Traum von Berlin zu verwirklichen.“

So richtig verrückt wurde es aber nach der Norm von Heusden. „Ich wusste: Mit der Zeit ist der Weg nach Berlin kürzer geworden“, blieb Orth im Bild, musste aber die langen 600 Kilometer nach Nürnberg per Auto zurücklegen. „Wir hatten drei Hotelzimmer: Erst für zwei Tage in Düren, weil das Rennen ja so spät begann. Dann eins in Nürnberg, damit Flo sich vielleicht noch einmal hätte hinlegen können – was wir dann gar nicht brauchten. Und eins für den Zwischenstopp in Frankfurt“, berichtete Maren Orth. „Aber viel Schlaf war es trotzdem nicht“, sagte Florian Orth.

Die 20-Jährige Katrin Fehm vom ESV Amberg gewann in ihrem ersten Frauenjahr ihre Vorläufe über 100 und 200 Meter (11,61 bzw. 23,84 Sekunden). Im 200er-Endlauf stand in 23,54 Sekunden Rang fünf. Im Juni hatte Fehm mit famoser Steigerung sogar die EM-Norm (23,15) erzielt. Foto: Kiefner
Die 20-Jährige Katrin Fehm vom ESV Amberg gewann in ihrem ersten Frauenjahr ihre Vorläufe über 100 und 200 Meter (11,61 bzw. 23,84 Sekunden). Im 200er-Endlauf stand in 23,54 Sekunden Rang fünf. Im Juni hatte Fehm mit famoser Steigerung sogar die EM-Norm (23,15) erzielt. Foto: Kiefner

Und dennoch reichte es in einem Bummelrennen, in dem einzig der am Ende Viertplatzierte Clemens Bleistein Interesse an Tempo hätte haben können, weil er die Norm von 13:40 Minuten noch nicht gelaufen war. Florian Orth hielt sich zurück blieb im Feld der 20 Läufer lange im Mittelfeld und schob sich erst zwei Runden vor Ende in eine aussichtsreiche Position. „Dann habe ich mich verzockt und zu früh angegriffen“, sagte Florian Orth zu seinem verpatzten Angriff auf der Gegengerade. Die Konkurrenz schien zu enteilen – bis der vermeintlich „müde“ Orth anzog und sich auf den letzten Metern auf Platz zwei schob.

„Einige nicht mehr Auserwählte“

Ganz vorne: Noch so eine Geschichte. So überraschend Sebastian Hendel 10 000-Meter-Meister geworden war, so überraschend nutzte er auch hier die Gunst der Stunde. „Das ist das Schöne: Die Leichtathletik schreibt sich ihre Geschichten“, sagte Orth und kritisierte: „Es gibt ja einige nicht mehr Auserwählte vom Verband wie mich, die sich alles selber organisieren und finanzieren.“ Auch Benedikt Huber gehört nicht zu den meist unterstützten Athleten. Der EM-Zehnte von Amsterdam 2016, der erst spät mit der Vorbereitung beginnen konnte, bewies ein weiteres Mal, dass er ein großartiger Meisterschaftsläufer ist. Am Samstag lief er sich souverän ins Finale, dort sprintete er auf der Zielgeraden die vor Wochen bereits fest nominierte EM-Konkurrenz nieder: In 1:47,32 Minuten hielt er Christoph Kessler und Marc Reuther um 28 bzw. Hundertstel nieder, holte sich mit dem dritten Titel in Serie den Hattrick – und natürlich auch das EM-Ticket.

Der Meisterläufer: Benedikt Huber ist ein spätberufener auf Topniveau. 2016 lief er sich überraschend zur Europameisterschaft, jetzt holte er sich in Nürnberg über 800 Meter seinen dritten deutschen Meistertitel hintereinander. Ihn lockt Olympia 2020. Foto: Kiefner
Der Meisterläufer: Benedikt Huber ist ein spätberufener auf Topniveau. 2016 lief er sich überraschend zur Europameisterschaft, jetzt holte er sich in Nürnberg über 800 Meter seinen dritten deutschen Meistertitel hintereinander. Ihn lockt Olympia 2020. Foto: Kiefner

80 Leichtathleten jubelten schon vor Nürnberg: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.“ Insgesamt taxierte DLV-Sportdirektor das Aufgebot auf 130 plus x Teilnehmer, was das größte deutsche EM-Aufgebot aller Zeiten (bisher Helsinki 2012 mit 110) bedeutet. Es wird am Montag im Bundesausschuss Leistungssport beschlossen und am Mittwoch der Öffentlichkeit verkündet.

Die Staffel-Kandidatin: Die 19-Jährige Corinna Schwab vom TV 1861 Amberg machte erst bei der U-20-Weltmeisterschaft mit Staffelgold über 4 x 100 Meter auf sich aufmerksam, jetzt holte sie als Jugendliche über 400 Meter Frauen-Bronze und das EM-Staffelticket. Foto: Kiefner
Die Staffel-Kandidatin: Die 19-Jährige Corinna Schwab vom TV 1861 Amberg machte erst bei der U-20-Weltmeisterschaft mit Staffelgold über 4 x 100 Meter auf sich aufmerksam, jetzt holte sie als Jugendliche über 400 Meter Frauen-Bronze und das EM-Staffelticket. Foto: Kiefner

Ein Name, der dort auch genannt sein wird, wird auch die noch Jugendliche Corinna Schwab vom TV 1861 Amberg sein. Die erst 19-jährige schaffte es trotz dreier Starts bei der U-20-Weltmeisterschaft, wo sie in zwei Staffeln stand und im Einzel die 200 Meter lief, sich sofort auch auf die deutsche Meisterschaft zu konzentrieren und im Vorlauf die drittbeste Zeit ablieferte.

Alle Pläne sind aufgegangen

„Wir haben mit der Medaille nur geliebäugelt“, sagte Lutz Glaser. „Nach dem Vorlauf war es vielleicht dann noch mehr“, ergänzte seine Frau Gundy, die Schwab zusammen mit ihrem Mann seit Jahren betreut. Die Pläne der Saison, in die Glasers vermehr auf Sprint setzten, sind bis hierher perfekt aufgegangen: In Tampere verzichtet man zugunsten der Sprintstaffel, die Gold holte, auf den Einzel-Einsatz über 400 Meter, jetzt hielt ihr Schützling auch im DM-Endlauf Rang drei. Dafür gab es nicht nur die Bronzemedaille, sondern noch ein Bonbon zusätzlich: Die Ambergin Schwab wird als Mitglied der 4-x-400-Meter-Staffel zum deutschen EM-Aufgebot gehören.

Mit Miriam Dattke (LG Telis Finanz) und der Katrin Fehm (ESV Amberg) schafften noch zwei 20-Jährige Topplatzierungen: Die nach ihrem vergeblichen, aber bravourösen EM-Kampf sichtlich müde Dattke wurde über 5000 Meter Sechste. Fehm lief über 200 Meter in ihrem ersten Frauenjahr trotz einer über vierwöchigen Verletzungspause wegen eines Bänderrisses auf Rang fünf über 200 Meter. Über 100 Meter hatte sie sich mit einem Vorlaufsieg am Samstag warmgemacht.

Die Zukunftsläuferin Für Miriam Dattke, die U-20-Europameisterin über 5000 Meter, war die EM in Berlin noch im vergangenen Jahr weit weg. Jetzt schrammte schrammte sie über die 5000 und 10 000 Meter am Ende knapp an der Qualifikation für Berlin vorbei und hatte daran zu knabbern. Foto: Kiefner
Die Zukunftsläuferin Für Miriam Dattke, die U-20-Europameisterin über 5000 Meter, war die EM in Berlin noch im vergangenen Jahr weit weg. Jetzt schrammte schrammte sie über die 5000 und 10 000 Meter am Ende knapp an der Qualifikation für Berlin vorbei und hatte daran zu knabbern. Foto: Kiefner

Allerdings gab es nicht nur positive Nachrichten aus Regensburg: Aus dem für den Marathon bereits nominierten Telis-Quartett wird möglicherweise ein Duo werden. Sicher ist, dass Franziska Reng aufgrund ärztlichen Rats schweren Herzens wegen ihrer Virusinfektion ihre Teilnahme absagen muss. Dazu ist der Start von Anja Scherl höchst ungewiss, sodass nur Philipp Pflieger und Jonas Koller übrigblieben.

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