MyMz

WM

Handballer wollen ins Finale

Nach dem furiosen Spiel gegen Kroatien soll eine Medaille her. Die Zukunft für das ProkopTeam erscheint rosig.
Von Eric Dobias und Nils Bastek

  • Grenzenloser Jubel: Christian Prokop (l.) feiert zusammen mit seinen Spielern den Sprung unter die vier besten Teams der Welt. Foto: Federico Gambarini/dpa
  • Der kroatische Trainer Lino Cervar wittert Betrug. Foto: Marius Becker/dpa

Köln.Zu später Stunde stießen Deutschlands Handballer im noblen Teamhotel am Kölner Rheinufer auf ihren vorzeitigen Einzug ins WM-Halbfinale an – nach wenig Schlaf durften sie ihren Erfolg an einem freien Tag richtig auskosten. Zwölf Jahre nach dem triumphalen WM-Wintermärchen und drei Jahre nach dem sensationellen EM-Triumph hat die DHB-Auswahl mit dem Sprung unter die vier besten Teams der Welt die Euphorie in Deutschland neu entfacht und die Basis für einen Boom über die Endrunde hinaus geschaffen. „Jetzt öffnen sich für uns Türen. Alle interessieren sich für Handball. Wir sind da, wo wir hinwollten“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. „Wir sind wieder in der Weltspitze drin.“

Der 22:21-Sieg am Montag im Nervenkrimi gegen Kroatien vor mehr als zehn Millionen TV-Zuschauern bildete den vorläufigen Höhepunkt der WM-Reise, die nun über Hamburg nach Herning weitergeht. Dort will sich das Team von Bundestrainer Christian Prokop am Sonntag die erste WM-Medaille seit dem Gold von 2007 sichern. „Für uns ist das einfach nur geil, weil wir uns dieses Ziel gesetzt hatten und es jetzt ohne Umweg erreicht haben. Das ist fantastisch“, sagte Prokop über den Einzug in die Vorschlussrunde.

Auch die Spieler waren happy. „Es ist das Größte für mich, dass ich das miterleben kann. Ich genieße diesen Moment“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer. „Es war ein Ziel von uns, dass wir die Leute mit unserer Art und Weise, Handball zu spielen, begeistern. Das ist uns bisher sehr gut gelungen.“ Und Torwart Andreas Wolff jubelte: „Wir stehen im Halbfinale, das ist der Wahnsinn. Darauf können wir stolz sein.“

Strobel schwer verletzt

Mit dem möglichen Gegner beschäftigten sich der Bundestrainer und seine Schützlinge am Dienstag fast genauso wenig wie mit dem bedeutungslosen letzten Hauptrundenspiel gegen Spanien heute (20.30 Uhr/ARD). „Es ist wichtig, dass wir heute wegkommen vom Handball, an andere Dinge denken und ganz ruhig machen“, sagte Prokop. Seinen Spielern verordnete der 40-Jährige individuelle Freizeit, erst am Abend stand ein gemeinsames Videostudium auf dem Programm.

Martin Strobel liegt verletzt am Boden. Foto: Marius Becker/dpa
Martin Strobel liegt verletzt am Boden. Foto: Marius Becker/dpa

Ein Jahr nach der desaströsen Europameisterschaft hat Prokop die DHB-Auswahl international wieder salonfähig gemacht – und endgültig alle Debatten um seine Person beendet. „Es war ja keine Zufallsentscheidung, Christian Prokop zum Bundestrainer zu machen, sondern die feste Überzeugung, dass wir mit ihm etwas erreichen können“, sagte Hanning. „Es freut mich natürlich, dass dies jetzt aufgeht.“

Anders als im Vorjahr bilden Mannschaft und Trainer eine verschworene Gemeinschaft. Das hilft vor allem in kritischen Situationen, von denen es auch gegen Kroatien einige gab. „Es ist die Stärke der deutschen Mannschaft, dass jeder für jeden einsteht, dass jeder fightet und wir mit vielen Wechseln die Gegner vor unterschiedliche Aufgaben stellen. Wir haben nicht den Weltstar, aber wir haben starke Jungs“, lobte Prokop. „Ich bin glücklich, wie sich dieses Team zusammenschweißt und ungeschlagen durch das Turnier geht. Das macht mich stolz.“

Mit diesem Spirit soll auch der schmerzhafte Ausfall von Spielmacher Martin Strobel kompensiert werden. Der 32-Jährige zog sich einen Kreuzband- und Innenbandriss im linken Knie zu und reiste gestern aus Köln ab. „Er hat sich noch einmal vor die Gruppe gestellt und sich bedankt“, berichtete Prokop von Strobels emotionalem Abschied, der Hanning laut eigener Aussage „Tränen in die Augen“ trieb. Prokop versprach, dass die Mannschaft in den ausstehenden drei WM-Partien auch für Strobel siegen wolle. Wobei der Partie gegen Spanien die geringste Bedeutung beikommt. „Wir wollen natürlich eine gute Verabschiedung aus Köln und das Spiel gewinnen“, sagte der Bundestrainer. „Ob wir das bis zum bitteren Ende durchziehen, lasse ich aber mal dahingestellt. Das Entscheidende ist für uns das Halbfinale.“ Im Klartext heißt das: Die Spieler sollen Kräfte sparen, um am Freitag das Maximum herauszuholen. „Da wollen wir noch einen draufsetzen“, kündigte Prokop an. Und Hanning bekräftigte: „Keiner von uns geht in ein Halbfinale, um es zu verlieren. Wir sind jetzt ganz nah dran an einer Medaille.“

Tim Suton ersetzt Martin Strobel

  • Nachnominierung:

    Die deutschen Handballer haben auf den verletzungsbedingten Ausfall von Spielmacher Martin Strobel mit der Nachnominierung von Tim Suton reagiert. Der 22 Jahre alte Rückraumstratege vom Bundesligisten TBV Lemgo sollte gestern zum WM-Team stoßen, wie Bundestrainer Christian Prokop sagte.

  • WM-Aus:

    Strobel hatte sich beim 22:21-Erfolg gegen Kroatien am Montagabend einen Innen- und Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen. Für den 32-Jährigen ist die Weltmeisterschaft damit gelaufen. „Er hat die Nacht im Hotel verbracht und ist jetzt auf dem Weg zur Operationsstätte“, sagte Prokop. Suton spielt auf derselben Position wie Strobel. (dpa)

Großer Frust in Kroatien

Um auch den nächsten Schritt zu gehen, bedarf es insbesondere in der Offensive einer Steigerung. Verkörperte die Abwehr gegen Kroatien einmal mehr Weltklasse, war der Angriff mit Ausnahme von Topwerfer Fabian Wiede manchmal Kreisklasse. Vor allem die Außen Gensheimer, der zumindest für das entscheidende Tor sorgte, und Patrick Groetzki erwischten einen ganz schwachen Tag. Eine Nachnominierung von Rechtsaußen Tobias Reichmann als Back up für Groetzki ist für Prokop dennoch kein Thema: „Patrick wird an mehr als nur der Effektivität gemessen.“

In der Schlussphase kam der eine oder andere umstrittene Schiedsrichterpfiff zugunsten der DHB-Auswahl hinzu, was die Kroaten wütend machte. „In 45 Jahren Trainertätigkeit habe ich so etwas noch nicht erlebt“, echauffierte sich Coach Lino Cervar. „Der olympische Gedanke wurde beschmutzt.“ Sein Team habe nicht die gleichen Rechte wie die deutsche Mannschaft gehabt. Der Frust bezog sich vor allem auf ein strittiges Offensivfoul der Kroaten, welches die dänischen Schiedsrichter kurz vor Spielende in Köln geahndet hatten. Die Tageszeitung „Jutarnji“ giftete in einem Kommentar: „Dänen und Deutsche organisieren das Turnier, Dänen pfeifen ein Spiel der Deutschen, das gibt es nicht mal in Disneyland.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht