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Leichtathletik

Huber fährt im Urlaub zur EM

Der Regensburger 800-Meter-Mann ist am Vormittag im Vorlauf in Berlin am Start. Der große Traum ist der Endlauf.
Von Claus-Dieter Wotruba

Vor zwei Jahren in Amsterdam fehlten Benedikt Huber 16 Hundertstel. Geht in Berlin der Traum vom 800-Meter-Finale bei der Europameisterschaft in Erfüllung? Foto: Michael Kappeler/dpa
Vor zwei Jahren in Amsterdam fehlten Benedikt Huber 16 Hundertstel. Geht in Berlin der Traum vom 800-Meter-Finale bei der Europameisterschaft in Erfüllung? Foto: Michael Kappeler/dpa

Regensburg.Irgendwo in Palling wird die nächsten drei Tage schon wieder ein Zelt stehen, in dem die Fans von Benedikt Huber mitfiebern. „Ich kriege das ja immer erst hinterher mit. Letztes Jahr waren es 300 oder 400 und ich habe es später als Video gesehen. Heuer werden’s wohl noch mehr. Das ist schon cool“, sagt der 800-Meter-Läufer über seinen 3300-Einwohner-Heimatort. Benedikt Huber ist zwar Oberbayer, startet aber für die LG Telis Finanz Regensburg und ist am Donnerstag als erster von insgesamt fünf Oberpfälzern in den kommenden vier Tagen der Leichtathletik-Europameisterschaften von Berlin an der Reihe.

Der ganz große Huber-Traum

Im dritten von vier Vorläufen um 11.44 Uhr steht der Name Huber mit der Startnummer 805 in der Liste: Die besten Drei jedes Laufs und die vier Zeitschnellsten erreichen das Halbfinale am Freitagabend – und Huber würde seine Aufgabe am liebsten ohne Zittern mit einer direkten Qualifikation erledigen. „Die Vorfreude ist riesengroß“, sagte der 28-jährige Spätberufene, der vor zwei Jahren in Amsterdam überraschend zur Europameisterschaft gestürmt war und dort das Finale nur um lausige 16 Hundertstel verpasste. Ein Endlauf am Samstagabend in einem randvollen Berliner Olympiastadion – das wäre jetzt der ganz große Huber-Traum.

„Ich habe null Förderung. Dabei arbeite ich ja sowieso schon Teilzeit und verzichte auf viel“

Benedikt Huber

Wie so mancher Athlet der LG Telis Finanz aus Regensburg, geht auch Ingenieur Benedikt Huber einen schweren, wenig unterstützten Weg. Für die Europameisterschaft hat er unbezahlten Urlaub genommen. „Ich habe null Förderung. Dabei arbeite ich ja sowieso schon Teilzeit und verzichte auf viel.“

Sein Ding macht er trotzdem unbeirrt weiter, immer im Hinterkopf, es vielleicht sogar 2020 in Tokio einmal zu Olympischen Spielen zu schaffen. Als seine deutschen EM-Mitstreiter Marc Reuther und Christoph Kessler weit vor der deutschen Meisterschaft nominiert wurden („Christoph lag nur knapp vor mir. Das hätte man nicht machen müssen“) machte der Dritte der deutschen Jahresbestenliste aus dieser Entscheidung Zusatzmotivation. In Nürnberg lief er „mit ein bissl Wut im Bauch“ und war „ein bisschen angepisst“. Auf der Zielgeraden ließ er Kessler und Reuther stehen und holte sich seinen dritten deutschen Meistertitel in Serie ab. Nicht schlecht für einen Kaderlosen, dem selten jemand große Taten zutraut.

Zweifel in den Trainingslagern

Dass es in dieser Saison so läuft, wie es lief, hätte er sich im Winter selbst nicht zugetraut. Selbst in den Frühjahrstrainingslagern war Benedikt Huber noch nicht auf dem Damm. Zweimal reiste er vorzeitig ab. Er dachte ans Aufgeben, tat es nicht und wurde belohnt. Plötzlich lief es „wie am Schnürchen“. In Polen sicherte er sich im Juni schon frühzeitig die EM-Norm und dennoch: „Ich war mir nie hundertprozentig sicher“, sagt Huber. Erst als einer seiner potenziellen Konkurrenten bei der deutschen Meisterschaft krank passen musste, „war es mir klar“.

Unser Redakteur Claus-Dieter Wotruba hat Benedikt Huber in Berlin zum Video-Interview getroffen:

EM: 800-Meter-Läufer Huber im Interview

Schon eine Woche vor Nürnberg hatte Benedikt Huber beim in Deutschland weitgehend ignorierten World Cup seinen zweiten Auftritt im Nationaltrikot – und lief sichtlich beeindruckt von Atmosphäre und Konkurrenz. „Da war der Olympiadritte dabei, ein Vizeweltmeister und ich habe schon geschluckt“, berichtet Huber, der zu London auch durch die vorzeitigen Nominierungen der Konkurrenten Reuther und Kessler gekommen ist. „Ich hatte schon beim Einmarschieren Gänsehaut – und im Lauf nochmal.“

„Die europäische Spitze ist total eng beieinander, sogar so eng wie lange nicht“

Benedikt Huber

Immerhin schaffte es Huber auf Platz fünf im Achterfeld. „Taktisch war das Rennen nicht optimal, aber es war sauwichtig für Berlin, in so einem gewaltigen Stadion zu laufen. Im Halbfinale oder Finale in Berlin wird es da nicht recht viel anders sein. Nur, dass die Fans dann nicht hinter dem Briten stehen, sondern hinter mir.“ Mit der blauen Bahn hat Benedikt Huber noch keine Erfahrung, aber – ein gutes Omen – „meine Bestzeit (jene 1:46,31 bei der EM-Norm, d. Red.) bin ich auch auf einer blauen Bahn gelaufen“.

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Der oberbayerische Regensburger ist ein Meisterschaftsläufer, wie er auf deutscher Ebene drei Jahre in Folge eindrucksvoll bewies: eine Qualität, die helfen kann in Berlin, auch wenn Huber höchst demütig und superrealistisch an die Sache herangeht. „Der Traum vom Finale ist sehr schwierig. Die europäische Spitze ist total eng beieinander, sogar so eng wie lange nicht.“

Der Weltmeister von 2017 ist auch am Start

Bei allen Qualitäten: Benedikt Huber ist keiner für eine Medaille und keiner mit hochtrabenden Plänen: „Ich stehe auf Rang 16, 17 der europäischen Jahresliste. Da sind auch acht Mann mit 1:44er-Zeiten darunter. Und solche Läufer zu schlagen, das wäre schon brutal.“ Den Vorlauf zu überstehen, in dem mit dem Franzosen Pierre-Ambroise Bosse der Weltmeister von 2017 der namhafteste der Gegner ist, aber ist das Ziel, das sein muss: „Wenn ich das nicht erreiche, wäre ich auch enttäuscht“, sagt Huber.

Andererseits: Die 800 Meter sind eine jener Laufstrecken, auf denen immer wieder alles passieren kann. Und bisweilen auch schon passiert ist.

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