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Samstagsinterview

„Immer mehr Mädchen spielen Eishockey“

Die Eishockey-Frauen sind bei Olympia dabei, anders als die Männer. Claus Wotruba sprach mit Manuela Anwander und Julia Zorn.

  • Schweden ist neben Gastgeber Russland und Japan in Sotschi einer von drei Olympia-Gegnern für die deutsche Eishockey-Frauen-Nationalmannschaft um Nina Kamenik, Torhüterin Viona Harrer und Monika Bittner (von links). Foto: Eibner
  • Die beiden Nationalspielerinnen der deutschen Eishockeymannschaft Manuela Anwander (l) und Julia Zorn präsentieren) das offizielle Trikot für die olympischen Spiele 2014. Foto: dpa

Regensburg.Eishockey ist männlich: Das hören Eishockeyspielerinnen wie Sie sicher öfter. Was entgegnen Sie?

Julia Zorn: Das kommt schon öfter vor, ja. Aber wenn es ein Sport nur für Männer wäre, wäre das für Frauen ja kein Thema. Ich denke, in der heutigen Zeit gibt es keinen Sport mehr, den nur Männer oder nur Frauen ausüben.

Melanie Anwander: Da kann ich nur zustimmen. Aber man wird schon öfter angesprochen: Gibt es das überhaupt, Frauen-Eishockey. Da kann man nur so drauf antworten.

Wie sind Sie denn zu dieser aber immer noch eher ungewöhnlichen Sportart für Frauen gekommen?

Julia Zorn: Bei mir war mein Bruder Fußballtrainer und in meinem Bekanntenkreis wurde Eishockey gespielt. Da habe ich mit sechs Jahren meine Mama gefragt: Eishockey oder Fußball? Sie hat gesagt: Wir schicken dich mal zum Eishockey und sie hat gehofft, dass ich es vergesse, weil es im Sommer war. War aber nicht so und ich bin dabei geblieben.

Anwander: Mein Onkel hat einen Eishockeyladen, meine Mutter hat einen Kiosk in der Eishalle, da war ich öfter dabei. Angefangen habe ich aber erst mit sieben, da hat’s mich gepackt und dabei bin ich geblieben.

Nie abgebogen zwischendurch zu einer anderen Sportart?

Zorn: Ja, doch. Wir haben sogar eine Zeitlang zusammen in derselben Fußballmannschaft gespielt. Aber irgendwann wird die zeitliche Belastung zu groß und man muss sich entscheiden.

Anwander: Da kam das auch mit dem BFV dazu, dass man zu Sichtungen musste und dann passte es gar nicht mehr, beides zu machen. Am Anfang war die Überlegung noch, im Sommer Fußball zu spielen, aber sobald du in den Leistungssport reinkommst, geht auch das nicht mehr.

Wenn wir schon beim Fußball sind, nehmen wir doch gleich die Umstiegsgeschichte der Julia Zorn – vom Torwart zum Stürmer. Das ist, als würde Manuel Neuer beschließen, im Feld zu spielen. Das ist auf Nationalmannschaftsniveau schon sehr ungewöhnlich.

Zorn: Das mag sein. Ich habe ja auch nicht überlegt und gesagt: Ooh, das wäre lustig. Mir hat es einfach im Tor keinen Spaß mehr gemacht. Ich habe gemerkt, dass mich das Spiel im Feld mit mehr Freude erfüllt und wollte das unbedingt machen. Also habe ich das probiert und es hat funktioniert.

Wobei der Torwart ja oft der Held ist – aber auch der Stürmer, der das Tor schießt. Manchmal ist man als Torwart aber auch der Depp.

Zorn: Das ist sowohl so als auch so. Gerade bei uns in der Nationalmannschaft ist der Torwart die wichtigste Position, weil unsere Torfrauen extrem stark sind. Ich wollte aber nicht ins Feld, damit jedes Mal mein Name in der Torschützenliste steht. Ich bin auch das Risiko eingegangen, dass es nicht funktioniert.

Olympia in Russland, in Sotschi ist momentan in der Diskussion mit Dingen, die über den Sport hinausgehen, mit all den Sicherheitsbedenken nach den Anschlägen.

Anwander: Ja, es wird viel berichtet. Aber man versucht, so gut wie möglich wegzuhören. Man versucht einfach, keine Gedanken daran zu verschwenden.

Zorn: Ich denke, dass bei jedem Großereignis Gefahr besteht, sei das bei Olympia, Fußball-WM oder Robbie-Williams-Konzert. Klar ist es schwierig, wenn es da Anschläge gab. Aber der DOSB hat auf seinem Nachrichtenaccount schon verkündet, dass er durch deutsche Sicherheitsbehörden unterstützt wurde. Also sollte nichts passieren.

Ihr habt in der Oberpfalz, in Weiden, die Qualifikation geschafft, ziemlich genau vor einem Jahr. War sofort klar: Super, jetzt sind wir bei Olympia?

Anwander: Man hat sich gefreut, ja. Aber mir ging es so, dass ich es ziemlich lange nicht realisieren konnte – auch, was für eine Bedeutung das hat. Das kam erst jetzt bei der Einkleidung. Und wahrscheinlich wird der Wow-Effekt endgültig erst vor Ort eintreten. In Weiden war es noch viel zu weit weg.

Wie würdet ihr die Entwicklung des Frauen-Eishockeys der vergangenen fünf Jahre charakterisieren? Und was wäre schön, wenn es in den nächsten fünf Jahren geschieht?

Zorn: Es ist auffallend, dass mehr Mädchen anfangen Eishockey zu spielen. Wir waren immer die Einzigen, jetzt sind es bis zu sechs Mädchen in einer Mannschaft. Aber es gibt halt keine Nachwuchsligen für Mädchen. Die braucht es auch gar nicht, finde ich, aber das Fundament sollte größer sein. Es gibt ja nur eine Frauen-Bundesliga, aber keine zweite und dritte Liga.

Es sollte einfach früher losgehen auf höherem Niveau?

Zorn: Genau.

Anwander: Die Breite wird schon größer. Früher haben nur die besten zwei, drei Reihen gespielt. Jetzt wird mit vier Reihen gespielt, weil wir auch vier gleichstarke Reihen haben. Die Youngster dürfen auch öfter in der A-Nationalmannschaft mittrainieren.

Und das Problem Toreschießen haben ja die Männer genauso.

Zorn: Das ist wohl ein allgemein deutsches Eishockey-Problem.

Wenn wir schon dabei sind: Das Powerplay der Männer ist auch so eine Problemsache? Wie sieht Eures denn aus?

Zorn: Bei der Olympia-Qualifikation und der letzten WM waren wir ganz erfolgreich.

Wollt ihr über die Karriere hinaus Frauen-Eishockey mitentwickeln. Auch wenn die Frage an eine 21- Jährige und eine 23-Jährige vielleicht ein bisschen blöd klingen mag.

Anwander: Bei den ganz Kleinen würde ich schon was machen, weil mir die Arbeit mit Kindern sowieso Spaß macht. Ich werde mich auf jeden Fall dafür einsetzen.

Zorn: Es ist schwierig im großen Ganzen was zu bewirken. Im Vereinskreis aber würde ich das gerne unterstützen.

Im Fußball gibt es inzwischen eine Bundestrainerin Sylvia Neid, eine Sportdirektorin Steffi Jones. Die Fußballerinnen sind da viel weiter, oder?

Das bestimmen ja wir nicht. Aber ich denke, da kommen bei uns auch mit einer Tina Evers oder Maritta Becker Kandidatinnen nach, die dafür geeignet wären.

In dieser Beziehung ist Frauen-Eishockey noch zu jung, oder?

Zorn: Frauenfußball hat allgemein inzwischen einen anderen Stellenwert. Klar war das nicht immer so, aber da gehört viel dazu. Es gibt soviele Randsportarten in Deutschland – und bei Frauenfußball geht es eben immer noch um Fußball.

Und Titel machen ja auch manches leichter. Weltmeister zu werden, ist aber bei Männern wie Frauen im Eishockey eher unwahrscheinlich. Immerhin: Dadurch, dass die Männer bei Olympia gar nicht dabei sind, schauen die Fans diesmal mehr auf Euch.

Zorn: Das kann Chance und Bürde zugleich sein. Wenn wir nicht so gut abschneiden, sagen alle wieder: Ja, siehst du, was haben wir gesagt.

Dann alles Gute für Olympia – und auf ein Abschneiden, wie Sie es sich wünschen.

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