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Litauer gewinnt 19. Etappe im Alleingang

Radprofi Ramunas Navardauskas fährt bei der 19. Etappe der 101. Tour de France den Tagessieg ein – nur wenige Sekunden vor John Degenkolb.
Von Stefan Tabeling und Andreas Zellmer, dpa

Ramunas Navardauskas aus Litauen setzt sich bei strömenden Regen auf der 19. Etappe der Tour de France durch. Foto: dpa

Bergerac.Völlig durchnässt und frustriert stand John Degenkolb im Zielbereich von Bergerac und musste seinen Ärger erst einmal im Wagen der Dopingkontrolleure verarbeiten. Der langersehnte Sprung auf die große Siegerbühne der 101. Tour de France blieb ihm dagegen wieder verwehrt. „Es war ein völlig verrücktes Wetter und ein verrückter Tag. Ich bin um den Massensturz kurz vor dem Ziel herumgekommen, aber im Finale war ich alleine“, sagte der Thüringer, nachdem er sich gefasst hatte. Zuvor hatte er bei Donnergrollen und sintflutartigen Regenfällen ein bitteres Déjà-vu erlebt und seinen ersten Etappensieg erneut knapp verpasst.

Wie schon auf der elften Etappe musste sich Degenkolb auch auf dem drittletzten Teilstück mit dem undankbaren zweiten Platz begnügen. Und wie in Oyonnax hatte ihm erneut ein Ausreißer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ramunas Navardauskas rettete nach 208,5 Kilometern unter schwierigsten Witterungsverhältnissen seinen Vorsprung vor dem heransprinteten Degenkolb und Alexander Kristoff (Norwegen) ins Ziel und sorgte für den ersten litauischen Etappensieg der Tour-Geschichte. Auf der elften Etappe hatte noch der Franzose Tony Gallopin die Rolle des Spielverderbers eingenommen. „Es ist schon enttäuschend für John, dass es wieder nicht geklappt hat“, sagte Degenkolbs Kollege Marcel Kittel.

Jagd auf Etappensieg

Für Degenkolb ist es damit endgültig eine Rundfahrt zum Vergessen. Zwei schmerzvolle Stürze mit einer Einblutung in den Gesäßmuskel hatten ihn in der ersten Woche außer Gefecht gesetzt. Neben seinen zwei zweiten Plätzen wurde er zudem in St. Etienne von Matteo Trentin unfair ausgebremst und um den möglichen Erfolg gebracht.

Das Gelbe Trikot des designierten Toursiegers Vincenzo Nibali, der nach seiner Klettershow im Gebirge in der Heimat euphorisch gefeiert wurde, war auf der Flachetappe durch die Weinberge der Dordogne nicht mehr in Gefahr, wurde aber bei den teils heftigen Regenschauern gehörig durchnässt. Nur noch 191,5 Kilometer trennen den 29-jährigen Sizilianer vom größten Erfolg seiner Karriere und dem ersten italienischen Toursieg seit Marco Pantani 1998. Nibali liegt in der Gesamtwertung komfortable 7:10 Minuten vor dem Franzosen Thibaut Pinot.

Auch wenn es diesmal noch nicht klappte, wollen Degenkolb, Marcel Kittel und Co. ihre „Tour d’Allemagne“ mit weiteren Etappensiegen noch krönen und für ein „superdeutsches Wochenende“ sorgen, wie Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin betonte. Für den 29-Jährigen mit dem Hochgeschwindigkeitsmotor ist der Sieg im einzigen Zeitfahren am Samstag von Bergerac nach Périgueux mangels Konkurrenz fest eingeplant. Am Sonntag wollen dann Kittel oder André Greipel auf den Champs Élysées in Paris zuschlagen.

Nibali in Heimat bereits gefeiert

Am Freitag schlug die Stunde von Navardauskas, der kurz nach dem Cote de Monbazillac ausgerissen war. „Es war Teamtaktik von uns. Wir wussten, dass wir in einem Massensprint keine Chance gehabt hätten. Das ist ein großer Tag für mich, als erster Litauer zu gewinnen“, sagte Navardauskas, dem das Wetter in die Karten spielte.

Die Bedingungen am Freitag waren alles andere als angenehm. Den ganzen Tag über hatte es immer wieder zum Teil heftig geregnet, auf der Strecke hatten sich zeitweise kleine Sturzbäche gebildet. Im Zielbereich waren die Absperrgitter umgeweht worden. So kam es zu keiner geordneten Sprintvorbereitung, was dem Ausreißer in die Karten spielte.

Ein Massensturz gut zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel hatte das Feld geteilt. In den Crash war auch der fünftplatzierte Franzose Romain Bardet verwickelt, konnte aber weiterfahren. Der Gesamterste Nibali war dagegen wachsam. Nur noch ein Sturz kann ihn vom Tour-Sieg abhalten. In seiner Heimat war er nach dem vierten Etappensieg am Donnerstag in Hautacam schon überschwänglich gefeiert worden.

1,1 Millionen TV-Zuschauer

Am Samstag steht zunächst das Zeitfahren über 54 Kilometer auf dem Programm. Für alle Experten stellt sich weniger die Frage ob, sondern vielmehr mit welchem Vorsprung Tony Martin den Kampf gegen die Uhr für sich entscheiden wird. „Dass ich der Topfavorit bin, macht die Sache nicht einfacher. Ein Zeitfahren am vorletzten Tag bei der Tour ist etwas anderes als bei einer WM. Da fühlen sich 54 Kilometer wie 70 oder 80 an.“ Und Dauerregen wie am Freitag kann ganz schnell die Karten neu mischen. Bis zu 1,1 Millionen Zuschauer haben bisher in der Spitze bei Eurosport die TV-Live-Übertragungen der 101. Tour de France verfolgt. Nach dem Rückzug der Öffentlich-Rechtlichen vor fünf Jahren überträgt nur der Spartensender in Deutschland live aus Frankreich. Der Topwert sei bei der Zielankunft in Risoul in den Alpen erreicht worden, teilte der Sender am Freitag mit. Im Schnitt verfolgten täglich 340 000 Zuschauer die Tour. Eurosport ist nach Auskunft des Senders bis mindestens 2019 im Besitz der Tour-Rechte.

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