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Olympische Spiele

Monika Karsch ist in Rio-Stimmung

Die Top-Schützin war der Verzweiflung nahe. Ein komplizierter Tausch half. Jetzt feiert die Regensburgerin ihr Olympia-Debüt.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Bei den Militär-Weltspielen in Korea hat die Sportsoldatin Monika Karsch 2015 schon mal geübt, wie man mit einer Deutschland-Fahne umgeht.
Bei den Militär-Weltspielen in Korea hat die Sportsoldatin Monika Karsch 2015 schon mal geübt, wie man mit einer Deutschland-Fahne umgeht. Foto: Karsch

Regensburg. Monika Karsch geht zum Briefkasten. Sie holt spektakuläre Post heraus, von oberster sportlicher Stelle. In diesem Moment hat es die 33-jährige Pistolenschützin schriftlich. Die Regensburgerin ist dabei bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ab 5. August und schießt am 7. und 9. August in den Disziplinen Sport- und Luftpistole um Medaillen.

Jeder malt sich aus, wie Monika Karsch nach einem Jubelschrei mit dem Brief wedelnd ins Haus zurückläuft, eine Flasche Sekt köpft und lange vor Freude wie ein Gummiball durch die Gegend hüpft. Schließlich jagte sie jahrelang dieser frohen Botschaft hinterher. Nichts von alledem: Monika Karsch bleibt nüchtern, blickt zurück und sagt: „Es war ein komisches Gefühl, als ich diesen Brief in der Hand hielt. Einerseits freust du dich riesig, andererseits ist da dieses Gefühl, dass du schnell umschaltest und an den Wettkampf denkst. Man will ja nicht nur dabei sein.“ Es lag auch daran, dass Olympia nicht auf einen Schlag kam. „Bei mir war das eher ein schleichender Prozess.“

Immer wieder knapp vorbei

Monika Karschs erste Olympia-Teilnahme war wahrlich eine schwere Geburt: 2004 noch zu jung, 2008 nach einem Handbruch flott aus dem Rennen, 2012 vorbeigeschrammt. Und 2016 wieder? Es schien so. „Im September 2014 ging bei der Weltmeisterschaft in Granada der Kampf um die Quotenplätze los.“ Karsch wurde Sechste. Richtig gut, doch: „Erst Platz fünf hätte gereicht.“ Es geht in diesem Stil weiter: In den USA fehlt beim Weltcup ein Ring zum Finale, beim Heim-Weltcup in München ein Platz, bei den erstmals ausgetragenen Europaspielen 2015 in Baku gewinnt sie Einzel-Bronze und es reicht nicht, und ein sechster Platz bei der Europameisterschaft ist auch nicht gut genug.

So kam der Moment der Verzweiflung ganz automatisch. Denn beim kurzfristig in den Karsch-Plan wahrgenommenen Weltcup-Start in Gabala in Aserbaidschan Ende 2015 lief es schiefer als schief. „Ich hatte einen Waffendefekt. Mir fehlte ein Schuss und damit zehn Ringe“, sagt Monika Karsch. Der Gedanke war naheliegend: „Vielleicht soll es ja nicht sein. Ich hatte alles gemacht, was ich machen konnte – und nichts bekommen.“

Sehen Sie hier ein Video mit Monika Karsch nach dem Weltcup-Start in München:

Wieder schien eine Olympiade von vier Jahren zwischen den Spielen nicht die Krönung zu erfahren, die sich die zweifache Mutter wünschte. Doch Monika Karsch gab nicht auf. Selbst als nach den Luftdruck-Europameisterschaften im Februar mit Platz 16 die letzte Chance zerstört schien (Karsch schoss 378 Ringe, 379 hätten gereicht), gab die Regensburgerin die Hoffnung nicht auf. „Als wir im Interview gefragt wurden, wie das denn nun ist, dass Olympia ohne eine deutsche Pistolenschützin stattfindet, hätte ich eigentlich in Tränen ausbrechen müssen. Ich habe aber einfach nicht geglaubt, dass die Tür zu ist.“

„Seit zwei Jahren bin ich in der Weltrangliste in den Top Ten und trotzdem musste ich bibbern“

Monika Karsch, Olympia-Teilnehmerin

Monika Karsch hatte sich zwar nicht mit den Möglichkeiten im Falle des Falles befasst, doch sie hoffte, ja glaubte weiter. „Es war das pure Chaos. Was Monika erzählen kann, ist nur die Spitze des Eisberges. Wir haben das von ihr ferngehalten so gut es ging. Es gab Anträge, viele Anträge und es war eine harte Phase, weil natürlich jeder es versuchte“, sagt Ehemann Thomas.

Ein sogenannter Quotenplatztausch war die Lösung, die Monika Karsch den Olympiaplatz einbrachte. Weil für Deutschland mit dem Luftgewehr in den zwei Disziplinen zwei Personen statt möglicher vier starten, blieb diese Möglichkeit. Der Deutsche Verband beantragte, der internationale Verband stimmte zu. „Jedes Land kann das nur mit einem Platz so machen“, erklärt Thomas Karsch.

In Rio ist die Konkurrenz kleiner

Nachdem Ende Mai nach dem Weltcup in München der Weg sportlich bereitet war, klappte es. „An meinem Beispiel sieht man, wie schwierig es ist, sich zu qualifizieren. Seit zwei Jahren bin ich in der Weltrangliste in den Top Ten und trotzdem musste ich bibbern“, sagt Monika Karsch, die aktuell mit der Sportpistole Rang zehn belegt und mit der Luftpistole gerade von Rang 37 auf 23 geklettert ist. Es klingt seltsam, aber bei Olympia erfolgreich zu sein, ist fast einfach: „Dort sind 30 Schützen am Start, beim Weltcup 100.“ Missgunst hat sie nirgends gespürt: „Das nicht, nur Trauer vielleicht, dass es nicht gereicht hat. Viele sehen, dass ich den Platz durch meine Leistung verdient habe.“

Lesen Sie hier ein Interview mit Monika Karsch über das Jahr 2015!

Nächste Woche steht mit dem Weltcup in Baku am 23./24. Juni noch eine Generalprobe an, „wo ich unter harten Bedingungen meine Wettkampfform überprüfen kann“, sagt Karsch. „Wenn es ganz, ganz super läuft, könnte ich mich da auch für das Weltcup-Finale qualifizieren. Dazu bräuchte ich aber ein hohes Ergebnis weit vorne oder müsste gewinnen.“ Dann folgen ein paar nationale Wettkämpfe „und dann geht es ja auch schon los in Rio“.

Jetzt ist auch träumen erlaubt

An einem Ort, der für Monika Karsch fast so positiv besetzt ist wie Maribor, wo ihr 2014 der erste Weltcup-Sieg gelang. In Rio belegte sie im April mitten im Schwebezustand Platz vier im Weltcup. „Natürlich schwingt da jetzt Positives mit.“

Geplant ist, dass Karsch, die Anfang, Mitte Juli eingekleidet und auch endgültig nominiert wird, bei der Eröffnungsfeier mit für Deutschland einmarschiert. „Ich kann mir nicht vorstellen, vor Ort zu sein und es dann im Fernsehen anzuschauen.“ Auch träumen von mehr ist erlaubt: „Freilich darf man das. Nur darf man das Handeln nicht vergessen.“

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