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Freitag, 23. Februar 2018 2

Ski alpin

Nach Kitzbühel-Coup: Dreßen nun „Favorit“ bei Olympia

Ein Schnaps nach der Pressekonferenz, eine Lokalrunde im bekannten Pub „Londoner“ - die Gepflogenheiten nach einem Sieg auf der Streif bekam Dreßen schnell beigebracht. Spannend ist, wie rasch er sich an die Folgen gewöhnt - schon vor Olympia wird er „Legende“ genannt.
Von Maximilian Haupt und Manuel Schwarz, dpa

Thomas Dreßen feiert während der Siegerehrung seinen Sieg bei der Abfahrt in Kitzbühel. Foto: Johann Groder

Kitzbühel.Ein Kitzbühel-Sieg ist ein Triumph für die Ewigkeit - Zeit zum Feiern und Genießen hat Deutschlands neuer Ski-Star Thomas Dreßen nach dem historischen Coup auf der Streif aber kaum.

In drei Wochen schon steigt die Abfahrt bei Olympia und dank des 24-Jährigen werden die Erwartungen an das DSV-Team immer extremer. Tiefstapeln geht nach der Sensation in Tirol und vor dem anstehenden Heim-Rennen in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr! „Das lässt sich jetzt nicht wegdiskutieren, wenn du Kitzbühel gewinnst unmittelbar vor Olympia, dass du dann einer der Favoriten bist, ja klar“, sagte Bundestrainer Mathias Berthold. „Es ist ihm eigentlich vieles zuzutrauen.“

Noch deutlicher formulierte es der Renndirektor des Skiweltverbands FIS vor der Siegerehrung vor etwa 20 000 Zuschauern mit großem Feuerwerk. „Wenn er hier gewinnt, dann kann man ihm alles zutrauen. Hier gewinnen nur die Superstars. Er ist jetzt schon eine Legende“, sagte Markus Waldner der Deutschen Presse-Agentur. „Hier hat noch nie ein Außenseiter gewonnen.“ Auf der schwersten Strecke der Welt siegen nur die ganz Großen wie Didier Cuche, Hermann Maier, Franz Klammer oder Marc Girardelli. Aber gehört Dreßen zu denen schon dazu?

Er hat zwar noch wenig Erfahrung - aber wegen eines Schicksalsschlags doch ein gutes Gespür für die wichtigen Dinge im Leben. Als Dreßen elf Jahre alt war, verlor er seinen Vater bei einem Seilbahnunglück in Sölden. „Wer weiß, vielleicht hat von oben jemand zugeschaut und die Sonne ein bisschen mehr scheinen lassen bei mir“, sagte er zu den guten Sichtbedingungen bei seiner Siegesfahrt auf der Streif. „Der Dank geht nicht nur nach oben, sondern auch zu meiner Mama.“

Nun hat der Deutsche Skiverband (DSV) in Südkorea neben Viktoria Rebensburg einen Gold-Kandidaten, und das trotz der Kreuzbandrisse von Stefan Luitz und Felix Neureuther, der den Sieg Dreßens live miterlebte und „selten so eine Gänsehaut“ hatte bei einem Rennen. „Das ist ein denkwürdiger Tag für den deutschen Skisport“, sagte er und ergänzte tags darauf in der ARD: „Ich könnte zum Flennen anfangen, weil es so schön war.“

Ohne Neureuther gibt es im Slalom meist wenig zu holen, Fritz Dopfer war am Sonntag auf Rang 18 der einzige Deutsche im Ziel. „Jetzt reißen uns die Speedjungs raus, weil wir im Technikbereich schon hinten nach hinken“, sagte Dopfer. Alpinchef Wolfgang Maier, der von einer tollen Feier berichtete („Dreimal Weihnachten und Ostern“) sagte über Dreßen: „Jetzt ist er schon eine kleine Legende.“

Der Abfahrer, der für den SC Mittenwald antritt, wollte von seiner neuen Rolle nichts wissen. „Ich bezeichne mich immer noch als Außenseiter. Ich bin noch relativ jung und habe noch nicht die Erfahrung. Bei Olympia war ich noch nie“, erklärte der Formel-1-Fan vor der langen Party-Nacht inklusive angeregtem Austausch mit Ferrari-Pilot Sebastian Vettel im VIP-Zelt des Hauptsponsors.

Im Weltcup war es erst der siebte DSV-Abfahrtssieg bei den Herren, der erste seit Max Rauffers Erfolg in Gröden vor 13 Jahren und der erste auf der legendären Streif seit 39 Jahren. „Krass, krass, krass. Ein Rennen gewinnen und dann noch Kitzbühel, das ist ein bisschen kitschig“, sagte Teamkollege Andreas Sander. „Vielleicht gewinnt er dieses Jahr zwei Rennen: Das sind dann Olympia und Kitzbühel.“

Die fehlende Erfahrung kompensiert Dreßen und wird von den Trainern und Kollegen gar mit dem zweimaligen Gesamtweltcupsieger Aksel Lund Svindal verglichen. Die Abfahrt in Kitzbühel hat der Norweger im Gegensatz zu Dreßen übrigens noch nie gewonnen. In der Abfahrts-Wertung im Weltcup liegt er hinter Svindal und dem Schweizer Beat Feuz, der in Kitzbühel Zweiter wurde, auf Rang drei.

Dreßen hat die Fähigkeit, sich im Training beständig an die für ihn noch immer relativ unbekannten Strecken heranzutasten. Am Samstag fuhr er in Kitzbühel inklusive aller Übungsfahrten aus dem vorigen Jahr erst das sechste Mal über die schwerste Strecke der Welt.

In Beaver Creek gelang dem Fan des FC Bayern München so das erste Podest-Resultat seiner Karriere, in Kitzbühel der erste Sieg - dabei lassen ihn seine Trainer noch nicht mal an die Grenzen gehen. „Wir wollen nicht, dass Thomas an die hundert Prozent rangeht, sondern dass er in einem Bereich ist, in dem er sich sicher fühlt, eine gute Körpersprache hat und gute Attacke fährt“, sagte Berthold. „Es bringts nichts, sich am absoluten Limit zu bewegen.“

So hat Berthold seine Schützlinge in weniger als vier Jahren zu Fahrern mit Podestpotenzial geformt. Josef Ferstl raste in Gröden zum Sieg im Super-G, Sander war in Kitzbühel bis zur Traverse ebenfalls auf Top-Drei-Kurs und beendetet das Rennen nach einem kleinen Fehler auf Rang sechs und dem besten Abfahrts-Resultat seiner Karriere.

Vom DSV-Toptrio hat Dreßen die steilste Lernkurve und in den kommenden Wochen auch den größten Druck. „Das geht ja jetzt erst richtig los für ihn“, sagte Sepp Ferstl eine Woche vor Garmisch. Der Kitzbühel-Sieger der Jahre 1978 und 1979 machte sich etwas Sorgen um seinen deutschen Nachfolger. „Die Erwartungen sind jetzt groß. Hoffentlich lässt er sich nicht nervös machen.“

Maier versuchte die Erwartungen vor der Südkorea-Reise zu dämpfen, betonte aber auch die enorme Bedeutung. „An das wird man sich einfach ewig erinnern“, sagte er. „Olympia-Sieger sind bei weitem nicht so bekannt wie Kitzbühel-Sieger.“ Zu denen gehört Dreßen jetzt. Ebenso wie zu den Favoriten für Olympia.

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