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Meinung

Platzverweis für Rassisten

Der Fußball ist tatsächlich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Fremdenfeindlichkeit tobt sich ungehemmt aus.
Von Heinz Gläser

Regensburg.Die magische Nacht von Rio de Janeiro nährte eine Illusion. Als die Fußball-Nationalmannschaft am 13. Juli 2014 das WM-Finale gegen Argentinien für sich entschieden hatte, wurde der sportliche Triumph sogleich gesellschaftlich überhöht. Dem Erfolg wurde ähnlich wie 1954 („Wir sind wieder wer“) ein Etikett angeheftet. Die Staatsbürger in kurzen Hosen standen stellvertretend für ein sympathisches, weltoffenes Land. Das Team von Joachim Löw paarte spielerische Eleganz und Leichtigkeit mit deutschen Tugenden wie Ernsthaftigkeit und Effizienz. Kaiser Franz Beckenbauer adelte seine Nachfolger als „beste Botschafter für Deutschland“.

Der schöne Schein zerstob. Vor der EM 2016 äußerte der damalige AfD-Vize Alexander Gauland über einen der Helden von Rio: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen (Jérôme) Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Zwei Jahre später geriet Mesut Özil durch seine Nähe zum türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ins Abseits. Der Weltmeister garnierte seinen Abschied aus der Nationalmannschaft mit schweren Vorwürfen: „Leider ist Rassismus nicht mehr nur ein rechtsgerichtetes Thema im Land. Es hat sich in die Mitte der Gesellschaft verlagert.“ Nun mag man zu Mesut Özil stehen, wie man will. Seiner Aussage ist nicht zu widersprechen. Der Sport ist in diesem Fall tatsächlich ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Auf den Fußballplätzen der Republik verschafft sich ein rassistischer Mob lautstark und ungehemmt Gehör. Die jüngsten Ausfälle gegen den Berliner Profi Jordan Torunarigha und den Würzburger Leroy Kwadwo lösten einen Aufschrei im Land aus, aber das widerliche Phänomen manifestiert sich seit Jahrzehnten und weit weniger prominent allwöchentlich bis hinunter in die Amateurligen, ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Notiz nimmt.

Natürlich sind hier primär die Politik, Staatsanwaltschaften und die Polizei gefordert. Aber auf den Fußball trifft leider zu, was auch politisch zu beklagen ist. Er hat das Problem lange ignoriert, es als Folklore auf den Rängen verniedlicht und – als das nicht mehr ging – das Thema in die Sphäre gesamtgesellschaftlicher Verantwortung weggeschoben.

Gewiss: Fußballklubs leisten hierzulande viel für die Integration, dieses ehrenamtliche Engagement ist aller Ehren wert. Aber die geheiligte Autonomie des Sports stößt bisweilen an Grenzen. Jugendleiter und -trainer auch in staatsbürgerlicher Verantwortung zu schulen, wäre ein Ansatz. Zudem sollten die Vereine genau hinschauen, wem sie ihre fußballbegeisterten Kinder und Jugendlichen anvertrauen.

Im Profibereich, bei den großen Stars und Vorbildern, führt derweil kein Weg an knallharten Konsequenzen vorbei. Rassismus ist keine ärgerliche Begleiterscheinung, sondern er bedroht den Kern des Sports. Sofortige Spielabbrüche bei fremdenfeindlichen Eklats sollten die Regel sein.

Überdies wissen die Verbände und Funktionäre sehr wohl um bestimmte Klubs, die Rassismustendenzen auf den Rängen und in ihrer Fanszene partout nicht in den Griff bekommen. Auf internationaler Ebene sei Lazio Rom genannt, auf nationaler Ebene gilt beispielsweise der Drittligist Chemnitzer FC als Problemfall. Drastische Sanktionen wie die komplette Verbannung aus dem Spielbetrieb dürfen kein Tabu sein, selbst wenn sich die Vereine selbst als macht- und hilflose Opfer irregeleiteter Gestalten inszenieren.

Wenn es in dieser Debatte ein hoffnungsvolles Signal gibt, dann ging es aktuell von Münster aus. Dort zeigte die breite Masse der Zuschauer dem Rassismus die Rote Karte, solidarisierte sich mit dem Würzburger Leroy Kwadwo, half mit, den rassistischen Schreihals dingfest zu machen und skandierte „Nazis raus!“

Lediglich drei Jahre Stadionverbot für den Täter von Münster sind indes – mit Verlaub – ein Witz. Man kann seine persönliche Dummheit auch bequem daheim im Fernsehsessel kultivieren und muss sie nicht in einer Fußballarena ausleben.

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