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Sportpolitik

Prokop attackiert IOC-Chef Bach

Der deutsche Leichtathletik-Chef fordert den Ausschluss aller russischen Athleten von internationalen Wettbewerben.

Ein Klassiker der Leistungsmanipulation im Sport: Anabole Steroide werden zum Kraftaufbau, aber auch zur schnellen Regeneration eingesetzt.
Ein Klassiker der Leistungsmanipulation im Sport: Anabole Steroide werden zum Kraftaufbau, aber auch zur schnellen Regeneration eingesetzt. Foto: dpa

Herr Prokop, der Sport steckt nach dem Skandaljahr 2016 weltweit in einer Glaubwürdigkeitskrise. Salopp gefragt: Steht der Sport am Abgrund oder ist er schon einen Schritt weiter?

Unbestritten: Ein solches Glaubwürdigkeitsproblem wie jetzt hatte der Sport noch nie. Der Leistungssport steht am Scheideweg. Ich will aber anmerken, dass die Vorkommnisse, die wir jetzt abarbeiten, in der Vergangenheit liegen. Der Sport blickt auf Jahre zurück, in denen sich viele zumindest dubiose Praktiken im Verborgenen abspielten. Insofern ist es mir lieber, wenn jetzt die Fakten auf den Tisch kommen und wir echte Reformen anstreben können – statt weiterhin nur den schönen Schein aufrechtzuerhalten.

Zum Jahreswechsel sorgte ein vermeintliches Eingeständnis der russischen Anti-Doping-Agentur, im Land sei systematisch gedopt worden, für Wirbel. Später wurden die Aussagen dementiert. Ist es angesichts der Beweislast des McLaren-Reports nicht unerheblich, ob ein solches Geständnis vorliegt?

Es hätte schon eine andere Qualität gehabt, wenn sich das Land zu den Doping-Praktiken bekennt, statt den systematischen Betrug trotz einer aus meiner Sicht erdrückenden Beweislage weiter zu leugnen und jedweden Reformprozess im Keim zu ersticken. So disqualifiziert sich ein ganzes Sportland auf unbestimmte Zeit. Wo sollen denn die nachhaltigen Veränderungen herkommen, wenn nicht primär aus Russland selbst?

Es gibt ja erste internationale Konsequenzen. Weltmeisterschaften und Weltcups werden abgesagt oder den russischen Veranstaltern entzogen.

Es sind tatsächlich Ansätze da, weil erkannt wurde, dass ein sportartenübergeifendes Problem des russischen Sports vorliegt. Das macht Mut, weil dieses Problem jetzt ernsthafter angegangen wird als in der Vergangenheit. Das macht auch darüber hinaus Hoffnung, weil jetzt generell die Frage auf den Tisch kommt: Wie halte ich es mit Doping, Korruption und Manipulation im Sport – nicht nur in Russland? Der Sport fängt an, die Fehlentwicklungen zu bekämpfen.

Wird 2017 also doch das Jahr der beginnenden Reinigung und Läuterung?

Es gibt Pflänzchen der Hoffnung. Aber insgesamt passiert noch zu wenig. Man muss die Probleme viel konsequenter angehen.

IOC-Chef Thomas Bach hat in seiner Neujahrsbotschaft durchaus Konsequenzen angekündigt. Zwei IOC-Kommissionen sollen Licht ins Dunkel des russischen Dopingsystems bringen. Reicht das aus?

DLV-Präsident Clemens Prokop Foto: Sven Hoppe/dpa
DLV-Präsident Clemens Prokop Foto: Sven Hoppe/dpa

Thomas Bach hat in der Vergangenheit oft härteste Konsequenzen und Sanktionen angekündigt, aber in der Realität erwiesen sich die Konsequenzen dieser Ankündigungen als zu wenig belastbar. Ich erinnere an die Zeit nach dem ersten McLaren-Bericht unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Rio, als sich Bach für härteste Konsequenzen ausgesprochen hatte. Letztlich waren aber außer den Gewichthebern und Leichtathleten die meisten russischen Sportler startberechtigt. Und das, obwohl sich bereits nach dem ersten McLaren-Bericht abgezeichnet hat, dass in Russland systematisches Doping flächendeckend und sportartenübergreifend betrieben wird.

Sie fordern einen kompletten Ausschluss russischer Sportler von internationalen Wettbewerben, bis glaubwürdige Reformen greifen?

Ja, denn ich befürchte, dass allein die Schaffung von IOC-Kommissionen das Problem nicht lösen wird. In Regel 59 der IOC-Charta ist ausdrücklich vorgesehen, dass Nationale Olympische Komitees und damit faktisch ganze Länder von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden können, namentlich sind als Voraussetzung insbesondere Verstöße gegen den Welt-Anti-Doping-Code aufgeführt. Wenn das IOC im Fall Russland diese Konsequenzen scheut, dann frage ich mich: Wann sollen denn dann jemals die Voraussetzungen zur Anwendung dieser Regel vorliegen? Im McLaren-Bericht ist die Rede von mehr als 1000 russischen Sportler, die systematisch gedopt haben sollen.

Bach argumentiert mit der Individualität des Schuldnachweises, um die unschuldigen russischen Sportler zu schützen.

Warum sieht die IOC-Charta dann überhaupt solche Kollektivstrafen vor? Wenn ich Bach wörtlich nehme, würde es bedeuten, dass er in diesem Punkt die IOC-Charta schlicht für nicht anwendbar erklärt.

Was erwarten Sie vom IOC?

Ich vermisse, dass es sich kompromisslos auf die Seite derjenigen Sportler stellt, die korrekt kontrolliert werden und sauber in ihre Wettkämpfe gehen. Ihr Schutz sollte absolut in den Vordergrund gestellt werden.

Thomas Bach steht an der Spitze der größten Organisation des Weltsports und muss Rücksicht auf diverse Interessen nehmen. Russland ist ja nicht nur sportlich eine Großmacht. Geht der deutsche Sport mit dem IOC-Präsidenten aus dem eigenen Land zu hart ins Gericht?

Dass der IOC-Präsident politischen Einflussnahmen ausgesetzt ist, steht für mich fest und ist in dieser Position auch unvermeidbar. Aber es geht hier um die Kernfrage: Wie hoch hänge ich die Werte des Sports? Tue ich alles Mögliche zum Schutz des Fairplay und der Chancengleichheit? Man braucht nur einen Blick in die Charta zu werfen, um zu verstehen, dass sich das IOC als eine Art heiliger Gral des internationalen Sports versteht, als eine Institution, die die Werte des Sports repräsentiert und verteidigt. Und wenn ich den Anspruch habe, muss ich diesem auch gerecht werden und politische Gesichtspunkte im Konfliktfall hinten anstellen, um den Sport in seinem Kern zu verteidigen – bei allem Verständnis für die schwierige Lage des IOC und seines Präsidenten.

Wie lautet Ihre Prognose für 2017, was den Fall Russland angeht?

So lange die Vorwürfe nur als böse westliche Propaganda eingestuft werden und keine Änderungen eintreten, bin ich skeptisch. Sicherlich ist Russland ein wichtiger Bestandteil des internationalen Sports. Aber eben nur zu den Bedingungen der internationalen Chancengleichheit. Deshalb plädiere ich jetzt für den kollektiven Ausschluss. Russland sollte erst wieder teilnehmen, wenn die Einhaltung der Grundsätze des fairen Wettbewerbs gewährleistet ist.

Ist es denn mit dem Ausschluss Russlands getan?

Nein. Ich würde mir wünschen, dass der Sport seinen Fokus auch auf all die anderen Länder richtet, an denen die Welt-Anti-Dpoing-Agentur Wada harsche Kritik äußert, weil an deren Dopingbekämpfung berechtigte Zweifel bestehen.

Sie denken an Kenia?

Ja, aber nicht nur. Länder, in denen die Dopingbekämpfung an systematischen Problemen leidet oder Doping sogar von Staats wegen direkt oder indirekt gefördert wird, müssen mit Konsequenzen belegt werden.

Bringen große Sportorganisation, deren Markenzeichen oft die Unbeweglichkeit ist, überhaupt die Kraft zur inneren Reinigung auf?

In der Tat weisen große internationale Institutionen ein großes Beharrungsvermögen auf. Das hat natürlich damit zu tun hat, dass sie sehr abgehoben sind, weil die handelnden Personen in der Regel nur begrenzt Kontrollinstrumentarien unterliegen.

Zielscheibe harscher Kritik im eigenen Land: IOC-Präsident Thomas Bach. Foto: dpa
Zielscheibe harscher Kritik im eigenen Land: IOC-Präsident Thomas Bach. Foto: dpa

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat sich in der Vergangenheit auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In die Ära des senegalesischen Präsidenten Lamine Diack fallen das Vertuschen positiver Dopingtests, Durchstechereien und Korruption.

Das ist richtig. Aber die IAAF hat unter dem neuen Präsidenten Sebastian Coe aus meiner Sicht die richtigen Konsequenzen aus den Verfehlungen gezogen. Coe hat seit dem Reformkongress in Monte Carlo Anfang Dezember nur noch einen Bruchteil dessen zu bestimmen, was Diack in der IAAF bestimmen konnte. Er zieht sich auf eigenes Betreiben hin inhaltlich fast komplett aus der Verwaltung des Leichtathletik-Weltverbandes zurück und überlässt dieses Feld hauptamtlichen Kräften.

Was bedeutet das konkret?

Die IAAF trennt strikt den sportfachlichen und wirtschaftlichen Bereich. Sie bedient sich nun externer Kontrollinstanzen und hat eine „Integrity Unit“ geschaffen, in der unabhängige Persönlichkeiten überwachen, ob sich der Verband in den Bereichen Korruption oder Doping korrekt verhält. Diese „Integrity Unit“ löst die Ethikkommission ab, die sich faktisch als völlig unfähig erwiesen hat. Die Leichtathletik hat transparente Strukturen geschaffen. Diese Maßnahmen sind für den internationalen Sport beispielhaft. Sie würden auch dem IOC oder der Fifa gut zu Gesicht stehen.

Interview: Heinz Gläser, MZ

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