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Rothammer ist für die 50plus1-Regel

Der Vorstandsvorsitzende des SSV Jahn spricht mit der MZ über seine Haltung zu Investoren und zu Protesten der Fans.
Von Jürgen Scharf

Hans Rothammer ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des SSV Jahn Foto: Scharf
Hans Rothammer ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des SSV Jahn Foto: Scharf

Regensburg.Herr Rothammer, ist es möglich, die 50plus1-Regel in einem Satz zu erklären?

Bei der 50plus1-Regel geht es darum, den Einfluss der Kapitalgeber so zu beschränken, dass der Verein nicht überstimmt werden kann, um die Grundausrichtung des Vereins auch in den Händen des Vereins zu belassen.

Wie finden Sie diese Regel?

Ich halte sie für ganz wichtig, weil sie meines Erachtens der Garant dafür ist, dass sich der Profifußball nicht von seiner Basis entfernt. All das, was den Fußball ausmacht, etwa die emotionale Bindung der Bevölkerung und der Fans an den Verein, hat etwas damit zu tun, dass es nicht nur Kapitalanlagegesellschaften gibt und der Fußball nicht von Großaktionären dominiert wird.

Hat die Regel auch Nachteile?

Ich kann da keine erkennen. Jedenfalls nicht aus unserer Interessenlage als Verein heraus, hier ist die Regel ideal. Für den Kapitalanleger hat es natürlich schon Nachteile. Er darf aufgrund der Regel nur zahlen, aber nicht anschaffen, was aber auch in der freien Wirtschaft nichts vollkommen Ungewöhnliches ist. Wer im deutschen Fußball investiert, hat gewusst, auf was er sich einlässt. Wenn er Anteile an einem Profi-Klub kauft, dann weiß er, dass er sich auf die 50plus-1-Regel einlässt. Die Bedingungen sind klar formuliert. Da darf ich mich nicht später beschweren, dass es die gibt.

Reicht die 50plus1-Regel zum Schutz der Eigenverantwortlichkeit von Fußball-Klubs aus?

Wir haben in unserer Satzung zuletzt selbst weitere Sicherungsmaßnahmen aufgenommen, etwa dass Anteile nur mit Zustimmung des Vereins veräußert werden dürfen. Gleiches gilt für Gewinnausschüttungen. Das sind zusätzliche Maßnahmen, die die Position des Vereins stärken. Ob es bei anderen Klubs auch den Bedarf gibt, die Position des Vereins über die 50plus1-Regel hinaus zu stärken, kann ich nicht beurteilen.

Glauben Sie, dass die 50plus1-Regel fällt, wenn jemand vor einem Gericht dagegen klagt?

Ich bin überzeugt davon, dass sie einer Klage standhalten würde.

Zur Person

  • Hans Rothammer

    ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Jahn. 2017 wurde der 64-jährige Steuerberater für weitere drei Jahre in seinem Amt bestätigt.

  • Die 50plus1-Regel

    ist eine Vorschrift in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga. Sie bezieht sich auf Kapitalgesellschaften, in die deutsche Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Sie schreibt vor, dass der „Mutterverein“ bei der Versammlung der Anteilseigner der Kapitalgesellschaft mindestens „50 Prozent zuzüglich eines weiteren Stimmanteils“ inne hat.

Glauben Sie, dass es zu einer Überprüfung kommen wird?

Das weiß ich nicht. Ich würde es aber grundsätzlich für eine fatale Entwicklung halten, wenn die Regel fällt. Dann könnte es nämlich auch in den deutschen Ligen Verhältnisse wie in England geben, wo sich der Normalbürger aufgrund der hohen Preise keine Eintrittskarten mehr leisten kann. Dann könnte es eben auch bei uns zu dieser Entfremdung von Vereinen und ihrer Basis kommen. Die kollektiven Proteste der Fan-Szenen sind ein deutlicher Hinweis, welche Risiken es bei der Debatte um 50plus1 gibt. Die aktiven Fans sind ja nicht irgendwer. Der Fußball kann nicht mehr funktionieren, wenn im Stadion keiner ist und es dort keine Stimmung gibt.

Sind Investoren denn grundsätzlich böse?

(lacht) Nein, überhaupt nicht. Investoren haben teilweise legitime wirtschaftliche Ziele. Das Wort „böse“ ist im Geschäftsleben für mich sowieso völlig unangemessen, solange die Interessen ehrlich benannt werden.

Wie kann ein Kapitalanleger im Fußball eigentlich konkret Gewinn machen?

Zum einen dadurch, dass er eine Rendite für sein eingesetztes Kapital bekommt. Wenn der Klub Gewinn erwirtschaftet, gibt es sogar einen Rechtsanspruch auf diese Rendite, wenn im Gesellschaftsvertrag nichts anderes vereinbart ist. Zum anderen, wenn er erworbene Anteile mit Gewinn weiterveräußert.

„Wir haben immer die 50plus1-Regel gelebt. Wir haben nie gegen sie verstoßen. Herr Tretzel hat keine Entscheidungen getroffen.“

Sie warnen vor zu großer Macht von Investoren. Aber hat der Jahn nicht selbst lange Zeit die 50plus1-Regel ad absurdum geführt: über den Geldgeber Volker Tretzel, der am Ende 90 Prozent der Anteile an der KGaA hatte und auch bei vielen wichtigen Entscheidungen großen Einfluss gehabt haben soll?

Das ist nicht richtig.

Hat Volker Tretzel, der dem Vernehmen nach an die zwölf Millionen Euro in den Klub gesteckt hat, also keinen großen Einfluss bei Entscheidungen gehabt?

Nein, wir haben immer die 50plus1-Regel gelebt. Wir haben nie gegen sie verstoßen. Herr Tretzel hat keine Entscheidungen getroffen. Dass jemand, der so viel Geld in einen Klub steckt, zu manchen Dingen eine Meinung hat, ist legitim. Das ist innerhalb der 50plus1-Regel auch erlaubt. Das Bauteam Tretzel war ja über lange Zeit im Aufsichtsrat der KG vertreten. Als Hauptanteilseigner wurde Herr Tretzel natürlich ohnehin über die wichtigsten Entwicklungen informiert. Die Entscheidungen muss aber der Klub treffen. Ich nenne jetzt mal das Beispiel Christian Keller. Der wurde 2013 zum Geschäftsführer bestellt. Da war ich noch nicht im Amt, aber wenn ich richtig informiert bin, war das damals eine einvernehmliche und gemeinsame Entscheidung von Vorstand, Aufsichtsräten und dem Herrn Tretzel. Da hat es keinen Konflikt gegeben.

Also hatte Herr Tretzel doch ein Mitspracherecht?

Nicht über den absolut legitimen Rahmen hinaus. Solange ein Klub kein Geld braucht, ist er völlig autark. Wenn er aber Geld braucht, wird ein Geldgeber seine Zuwendung möglicherweise an gewisse Bedingungen knüpfen. Das ist eben so, darüber wird dann diskutiert. Auch wenn ich nur fünf Prozent der Aktien habe, kann ich in der Debatte sagen, was ich für richtig halten würde. Nehmen wir 1860 München. Da hat der Geldgeber finanziellen Druck ausgeübt. Er hat gesagt: Ich gebe euch Geld, aber nur, wenn ihr das tut, was ich will. Beim SSV Jahn ist das bei den wesentlichen Entscheidungen meiner Kenntnis nach in den vergangenen Jahren aber nicht erfolgt.

Die Jahn-Fans protestierten mit Transparenten gegen den Investor Phillip Schober. Foto: Nickl
Die Jahn-Fans protestierten mit Transparenten gegen den Investor Phillip Schober. Foto: Nickl

Warum gab es dann immer wieder diese Kapitalerhöhungen von Herrn Tretzel?

Es gab zu Beginn einerseits Auflagen von der DFL mit klaren Bedingungen. Hätte der Jahn diese nicht erfüllt, hätte er Insolvenz anmelden müssen und Herr Tretzel hätte sein gesamtes eingesetztes Kapital verloren. Ich glaube also, dass er mit den Investitionen, für die sich sonst kein anderer gefunden hat, auch sein Kapital erhalten wollte, um es möglicherweise irgendwann verkaufen zu können, wie es am Ende ja auch geschehen ist.

Zunächst hat er sie an den Investor Philipp Schober verkauft. Das hat dem Jahn überhaupt nicht gefallen.

Es war von Anfang an klar, dass wir keinen gemeinsamen Nenner mit Herrn Schober finden würden. Wäre er dennoch geblieben, hätten die anhaltenden Diskussionen zu einer Entfremdung – auf allen Ebenen übrigens – führen können, die schädlich für den Jahn und das, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, gewesen wäre.

Beim Jahn haben Fans und Verein gemeinsam gegen die Übernahme protestiert. Da gab es auch wütende Sprechchöre aus der Fankurve. Fanden Sie, dass alles noch in einem vertretbaren Rahmen abgelaufen ist?

Die „Schober raus!“-Rufe habe ich gehört, auch die meisten Transparente habe ich gelesen. Das, was ich gesehen und gehört habe, fand ich legitim. Es gibt sicher eine Grenze, etwa wenn Menschen persönlich beleidigt werden, das ist dann eine Frage, welches Vokabular benutzt wird. Und wenn zu Straftaten aufgerufen wird, das ist nicht akzeptabel. So etwas ist mir in diesem Fall aber nicht bekannt. Und nur noch eins: Ich habe in den schwierigen Zeiten mit dem Regionalliga-Abstieg den Unmut der Fans auch sehr deutlich zu spüren bekommen. Emotionen gehören bis zu einem gewissen Maß zum Fußball. Das muss man dann eben aushalten.

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