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Fussball

Russland ist stolz auf die WM

Ausgerechnet beim Endspiel stürmen Flitzer den Platz – mit einer politischen Botschaft, die Fragen aufwirft.
Von Thomas Körbel

Wladimir Putin bei der Siegerehrung mit Fifa-Präsident Gianni Infantino und dem WM-Pokal Foto: Owen Humphreys/PA Wire/dpa
Wladimir Putin bei der Siegerehrung mit Fifa-Präsident Gianni Infantino und dem WM-Pokal Foto: Owen Humphreys/PA Wire/dpa

Moskau.So hat sich WM-Gastgeber Wladimir Putin die finale Krönung seiner Fußball-Weltmeisterschaft wohl kaum gewünscht: mit einem Protest vor laufenden Kameras für politische Freiheit. Die vier Aktivisten, die beim Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien in Polizeiuniformen auf den Platz flitzten, gehörten zur kremlkritischen Punk-Gruppe Pussy Riot.

Sie wollten aufmerksam machen auf Missstände, die der Straßenkarneval der Fans bei der WM nach Einschätzung vieler überstrahlt hat. Der Auftritt war eine bezeichnende Randnotiz, während die Fifa die „beste WM aller Zeiten“ feiert und Russland um den Umgang mit dem Erbe des Turniers ringt. Pussy Riot beanspruchte die Flitzer-Aktion bei Facebook für sich. 2012 war die Gruppe mit den schrillen Masken bekannt geworden, weil sie in Moskaus wichtigster Kirche ein kritisches „Punk-Gebet“ aufgeführt hatte. Der Fall sorgte international für Wirbel. Drei Frauen mussten in Lagerhaft, wurden aber später begnadigt.

Nun also kein schriller Punk, sondern winkende Polizisten mitten auf dem Spielfeld des WM-Finales. In ihrer Mitteilung erklärten die Aktivisten, mit dem Auftritt wollten sie den „himmlischen (guten) Polizisten“ die „irdischen (bösen) Polizisten“ gegenüberstellen. Der „himmlische Polizist“ freue sich über die Siege der Sbornaja und sei ein Vorbild für die Nation; der „irdische“ gehe gegen Proteste vor und schere sich nicht um Regeln.

Konkrete Forderungen

Damit prangerte Pussy Riot an, was die russischen Behörden und WM-Organisatoren als großen Erfolg feierten. Sie spielten an auf den lockeren Umgang der Polizei mit feiernden Fans, während bei politischen Protesten in Russland immer wieder Menschen festgenommen werden. So nutze Pussy Riot Putins Jubel-WM für konkrete Forderungen: Freilassung politischer Gefangener, ein Ende von Festnahmen bei Demonstrationen, mehr politischer Wettbewerb. Die Staatsmedien hielten sich mit der Berichterstattung über den Fall zurück. Kaum ein Politiker kommentierte ihn. Die Polizei beantragte für die vier Flitzer – drei Frauen und ein Mann –- Geldstrafen oder gemeinnützige Arbeit. Beobachter schätzen, würde man dem Fall mehr Aufmerksamkeit schenken und Haftstrafen anstreben, könnte dies ein Kratzer auf dem Erbe der WM werden, über den lange gesprochen würde.

Stärker aber als die Flitzer zeigt ein Video, dass sich trotz aller Beschwörung der WM-Freude wenig geändert hat an der Einstellung so mancher Polizisten. Der Clip wurde angeblich beim Verhör der Aktivisten aufgenommen. Dem Portal meduza.io zufolge fragte darin ein Mann, der nicht zu sehen war, wo die Aktivisten die Uniformen her hätten. „Gemietet“, antwortete einer. Der Frager sagte verärgert: „Gemietet? Manchmal bedauere ich es, dass wir nicht das Jahr 37 haben.“ Das Video war nicht unabhängig zu verifizieren.

1937 war die Zeit des sogenannten Großen Terrors unter Josef Stalin, Massenfestnahmen, Deportationen und Hinrichtungen prägten diese Phase. Doch auch dieser Aspekt des Flitzer-Vorfalls dürfte rasch vergessen werden, denn er spiegelt nicht den russischen Grundtenor der WM. Was überwiegt, ist das Bild eines straff organisierten Turniers ohne größere Zwischenfälle.

Ein erstes Zeichen

„Die WM ist schon Geschichte. Aber wir werden uns das ganze Leben an sie erinnern“, schrieb der „Sport-Express“. „Wir können stolz sein, wie wir diese WM organisiert haben“, sagte Putin nach dem Finale. Er wollte der Welt zeigen, wie gastfreundlich und liebenswert Russland ist. „Und es ist uns gelungen in allen Aspekten dieses großartigen Ereignisses“, sagte er. Wie lange der Eindruck vom weltoffenen Russland bestehen bleibt, hängt von der Führung selbst ab. Ein Zeichen setzte Putin noch am Abend: Fan-ID-Inhaber sollen bis Jahresende ohne Visum nach Russland reisen dürfen.

Auch für Russland selbst stellt sich die Frage, wie es das sportliche WM-Erbe nutzt. Was aus den modernen Stadien wird, während die meisten Klubs an den Spielorten kaum 10 000 Zuschauer mobilisieren, ist eines der Probleme. Am Freitag will Putin darüber mit Sportfunktionären beraten.

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