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Interview

Scherl: Plötzlich ist Olympia ein Thema

Ist Anja Scherl in Hamburg sechs Minuten schneller als bisher, hat sie eine Rio-Chance. Mit uns sprach sie über den Aufstieg.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

So war es vor einem Jahr: Anja Scherl (links) freute sich mit Julia Galuschka und ihrem Mann Marco über Topzeiten in Hamburg.
So war es vor einem Jahr: Anja Scherl (links) freute sich mit Julia Galuschka und ihrem Mann Marco über Topzeiten in Hamburg. Foto: Archiv

Regensburg.Sie haben 2014 auf dem Laufband trainiert, als der EM-Marathon von Zürich im Fernsehen lief. Hätte Ihnen da jemand prophezeit, Sie hätten 2016 eine Olympia-Chance, wie hätten sie reagiert?

Als ich da zugeschaut habe, dachte ich, selber mal bei Europameisterschaften oder in der Nationalmannschaft zu starten, wäre ein Traum. Als das Thema Olympia nach meinem Halbmarathon im Februar in Barcelona aufkam, bin ich kopfschüttelnd zum Rathaus, um den Reisepass zu beantragen. Ich konnte es nicht fassen, dass ich mich damit befassen musste. Die EM in Amsterdam war das große Ziel. Das Olympia ein Thema werden könnte, darüber habe ich überhaupt nicht nachgedacht.

Wie realistisch ist es, wenn es am Sonntag um 9 Uhr in Hamburg losgeht?

Nach Barcelona war es so, dass ich erstmal krank war und nicht so loslegen konnte, wie ich wollte. Die letzten Wochen aber lief es gut. Wir waren ja zusammen im Trainingslager mit der LG Telis Finanz. Das tut gut, wenn man sich fokussieren kann. Wenn ich gesund an der Startlinie stehe, schauen wir mal, was rauskommt.

Sie müssten ungefähr sechs Minuten schneller laufen.

Stimmt. Wobei man auch noch schauen muss, wie es mit der Konkurrenz ausschaut. Ich würde sagen, wir sind mit den Hahner-Zwillingen, Katharina Heinig und Fate Tola, die aber noch nicht eingebürgert ist, fünf Kandidatinnen – und es gibt ja nur drei Plätze.

Also erstmal die Bestzeit von 2:36:31 auf die geforderten 2:30:30 Stunden senken und dann schauen, ob man damit unter den Top drei Deutschlands ist?

Genau.

Ist inzwischen schon gesickert, welchen Türen sich in Barcelona mit dem drittschnellsten Halbmarathon einer Deutschen seit zehn Jahren aufgetan haben.

So richtig begreifen kann ich es immer noch nicht. Das Training läuft zwar darauf hinaus, aber es ist immer noch nicht zu greifen.

Ist Hamburg Anja Scherls Spezialpflaster? Sie absolvieren ihren dritter Marathonstart und sind zum dritten Mal in Hamburg dabei.

Mein erster Marathon dort war ein ganz tolles Erlebnis und es ging mir richtig gut. Auch an den zweiten voriges Jahr habe ich positive Erinnerungen. Ich würde mich freuen, wenn das heuer auch wieder so wäre.

Der Laie sagt: Die Anja Scherl läuft in Barcelona 71:17 Minuten im Halbmarathon, das nehmen wir mal zwei und schon haben die Marathonleistung. Das ist Blödsinn – obwohl: vor einem Jahr waren Sie in Hamburg auf der zweiten Hälfte sogar schneller als auf der ersten.

Meine Vorleistung im Halbmarathon lag damals knapp unter 1:15. Da war die Vorbereitung anders und es war klar, dass wir Marathon laufen. Heuer kam das doch kurzfristiger.

Der Hamburg-Marathon ist erst aus der Leistung in Barcelona entstanden?

Richtig. Bis dahin haben wir uns auf die Europameisterschaften konzentriert. Aber so eine Chance muss man nutzen und deswegen haben wir umdisponiert.

Man nennt sie in Fachkreisen die „schnellste Freizeitläuferin Deutschlands“. Das klingt nach Hobbyläuferin, stört Sie aber scheinbar gar nicht.

Na ja, ich mache das ja auch nebenbei. Neben meiner Arbeit ist das mein Hobby.

Wie ist das in Einklang zu bringen mit ihrem 40-Stunden-Job als Softwareentwicklerin in Nürnberg?

Ich mache das ja jetzt schon ein paar Jahre so. Mein Mann Marco schreibt mir die Trainingspläne und er überlegt sich immer, wie man das in meinen Alltag einbauen kann. Das ist der beste Weg. Anders wäre es gar nicht möglich.

Trotzdem muss man ja jeden Tag was tun. Ich bin froh, dass wir uns nicht im Laufen unterhalten müssen.

Heute war ich mal eine Stunde unterwegs. Weniger ist selten. Ich weiß gar nicht so genau, wie viel ich laufe. Ich schaue gar nicht auf die Kilometer: So viele es sind, so viele sind’s eben auch. Ist auch ganz gut, dass ich mich nicht damit beschäftige, was für eine Tempoeinheit ich in drei Tagen habe. Ich denke einfach von Tag zu Tag.

Ihr Mann ist ja überhaupt „schuld“, dass Sie laufen.

Über ihn bin ich zum Leistungssport gekommen, ja. Als ich angefangen habe, habe ich gesagt, dass ich mal Marathon laufen will. Marcos Trainer hat damals gesagt, dass ich erstmal auf die Bahn muss und die kurzen Sachen machen. Also bin ich ein paar Jahre auf der Bahn gelaufen, damals bei der DJK Weiden.

Sie sind ja ungewöhnlich spät, jetzt mit 30, in der Spitze aufgetaucht. Sind Sie einfach nicht eher entdeckt worden?

Wir haben die Strecken immer ausgebaut. Anfangs 800 und 1500 Meter, später sind wir die 3000 angegangen. Dann lief ich ein paar Jahre zehn Kilometer, und jetzt auch mal Marathon.

Trotzdem: Der Leistungssport ging spät los, oder?

Bei deutschen Meisterschaften war ich schon öfter in den Top acht, aber das hatte ich mit 21 auch schon geschafft. Ich hatte einfach immer neue Ziele. Am Anfang ging es um eine bayerische Medaille, dann um eine deutsche Medaille mit der Mannschaft, dann im Einzel. So habe ich mich von einem zum nächsten Ziel gehandelt.

Jetzt war das die Europameisterschaft.

Der Start für die Nationalmannschaft, ja.

Die Leichtathletik ist im Gerede. Erst durch die Dopingvorfälle sind die Normen gesunken und manche Konkurrentin fällt sogar weg. Ist das eine gute Zeit für Sie?

Als die Norm auf 2:28:30 war, haten wir uns ja entschieden, dass wir uns voll auf den Halbmarathon konzentrieren. Als sie reduziert wurde, waren wir voll im Plan, haben gesagt, wir ziehen das durch und fangen nicht an zu überlegen. Erst durch die Reduzierung wurde es ein Thema. Aber die Konkurrenz ist trotzdem stark. Ob 2:30:29 reichen würde, lässt sich jetzt nicht sagen.

Deswegen in Halbmarathon auch die Taktik, so weit wie möglich unter der EM-Norm im Halbmarathon zu bleiben, oder? Wobei: Von der EM-Teilnahme kann man jetzt fast ausgehen.

Der Nominierungszeitpunkt war noch nicht, aber die Chancen stehen gut. Im Moment bin ich in der deutschen Bestenliste hinter Fate Tola auf Platz zwei. Die müsste noch eingebürgert werden und es müssten noch vier Läuferinnen schneller sein.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht klappt, sinkt also von Tag zu Tag?

Wir haben viele starke Läuferinnen auf der Strecke. Von daher bin ich froh, dass ich mich auf den Marathon vorbereiten konnte und nicht groß zittern musste.

Wie nehmen Sie die Dopingproblematik generell wahr?

Für einen sauberen Sportler ist das auf internationaler Ebene ein Riesenimageschaden für den Sport. Ich frage mich, wie man sich darüber freuen kann. Ich hoffe, dass noch mehr ans Tageslicht kommt, so wie es in Russland schon war.

Was nehmen Sie sich eigentlich vor, wenn beides klappt: EM und Olympia? Ein höheres Ziel gibt es ja nicht mehr.

Eigentlich geht der Plan sowieso erstmal bis Hamburg. Wir gucken einfach von Mal zu Mal.

Meistens sagen die Sportler, ich mache solange weiter, wie ich glaube, dass noch nicht alles draußen ist, was in mir drin ist. Wie ist das bei Anja Scherl?

Mich hat die EM angetrieben. was danach ist, muss ich wirklich erst schauen.

Diese totale Fokussierung eines Profis wäre nie ein Thema gewesen. Jetzt mitten im Berufsleben macht man das sowieso nicht.

Ist bei mir auch so. Das Trainingslager in Portugal zum Beispiel war ganz schön, aber dann habe ich mich wieder auf zuhause, auf die Arbeit gefreut. Nur Sport zu machen, wäre für mich kein Thema.

Was hat der Sport für einen Stellenwert?

Mir macht es Spaß, auch die Weiterentwicklung zu sehen und die Fortschritte. Die haben mich immer motiviert, weiterzumachen.

Sie schreiben also nicht nur als Softwareentwicklerin Programme, sondern auch für sich selbst.

Nein, das macht mein Mann (lacht).

Man hört nicht viel Euphorie oder Begeisterung heraus, sondern viel Vorsicht.

Ich habe einfach Respekt vor dem Marathon.

Nach 30, 35 Kilometer kommt ja der mann mit der Keule, sagt man.

Ich bin da verwöhnt. Bisher ging es mir immer gut. Diesmal wird es vielleicht ein bisschen schwieriger. Aber darauf muss man sich einfach nur einstellen.

Die Bestzeit nicht zu schaffen wäre eine Enttäuschung? Es ging nur aufwärts.

Wenn ich nicht unter 2:36 bleiben würde, wäre ich enttäuscht. Vom Training habe ich sicher Fortschritte gemacht. Da müsste man hinterher schauen, woran es lag.

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