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Porträt

Schlussspurt auf dem Weg nach Rio

Läufer Philipp Pflieger hat es geschafft: Er darf zu den Olympischen Spielen reisen. Jetzt setzt er alles auf eine Karte.
Von Armin Wolf

  • Philipp Pflieger startet im Sommer in Rio. Foto: xtl
  • Auch der Start will früh gelernt sein: Philipp Pflieger (auf dem Bild mit der Startnummer 33) nimmt das Ziel ins Visier. Foto: privat

Regensburg.Er will nicht zu spät kommen. Nicht im Ziel, nicht beim Interviewtermin. Philipp Pflieger kommt zehn Minuten vor der ausgemachten Zeit. Er hat lange nach einem Parkplatz gesucht. Ein Grund zum Ärgern? Nein, denn es ist nicht zu ändern. Wie so vieles in seinem Leben und seiner Karriere. Verletzungen, Rückschläge, nicht einmal Sport-Funktionäre sollen den 28-Jährigen aufhalten, auf seinem Weg nach Rio zu den Olympischen Spielen 2016.

Wie alles begann: Natürlich hat Philipp Fußball gespielt, als kleiner Junge, aber schnell war ihm klar: „ Da ist mein Talent überschaubar“. Mit seinem Vater hat er stattdessen ein leichtes Lauftraining absolviert, das gefiel dem Knirps wesentlich besser. Die ersten Starts bei Bambini- und Kinderläufen folgten. Als der VfL Sindelfingen nach Talenten sucht, fällt Philipp am Sichtungstag durch. Sein Freund wird genommen, doch der will ohne Philipp nicht und deshalb wechseln schließlich beide Jungs zum VfL. Philipp ist damals zehn Jahre alt und wird bis zu seinem 20. Lebensjahr für den VfL laufen.

Schon als junges Lauftalent rannte Philipp Pflieger (rechts) der Konkurrenz mit Riesenschritten davon.
Schon als junges Lauftalent rannte Philipp Pflieger (rechts) der Konkurrenz mit Riesenschritten davon. Foto: privat

Seine Disziplin sind die 1000 Meter. Schon damals macht dem Jungen sein Körper zu schaffen. Er muss verletzungsbedingt immer wieder lange Pausen einlegen, ist aber für seinen Verein bei den Crossmeisterschaften in der Staffel unverzichtbar. Pflieger und seine Teamkollegen werden fast immer Meister. Nach überstandenen Problemen mit der Wachstumsfuge spürt Pflieger urplötzlich: „Da geht was! Ich kann noch mehr“. Statt Aqua- Jogging steht richtiges Training auf dem Programm.

Bei der deutschen Meisterschaft

wird sein Talent erkannt

2006 startet Pflieger in Wattenscheid bei der Deutschen Meisterschaft (U 20) über die 3000 Meter. Dort ist der Sportler ein „no name“, keiner kennt ihn. Die Überraschung gelingt: Philipp Pflieger holt auf Anhieb Platz drei. Ein Wettkampf, an den sich er sich gerne zurückerinnert: „Die Trainer haben sich alle gewundert und sich gefragt: Wer ist denn das?“. Kurz danach wird das Lauftalent in den Bundeskader aufgenommen, wo er sich seit zehn Jahren behauptet.

Der Wechsel nach Regensburg: 2007 ist auch das Abitur geschafft. Pflieger schmiedet Pläne, die sofort durchkreuzt werden: Der passionierte Läufer wird bei der Bundeswehr überraschend ausgemustert, der geplante Zivildienst fällt ins Wasser. „Angeblich stimmte mit der Wirbelsäule etwas nicht. Ich musste mich total neu orientieren“, erinnert sich Pflieger. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe: Die Familie Pflieger entdeckt im Internet, dass es in Regensburg ein Athletenhaus der LG Telis gibt. Hier können junge Sportler miteinander wohnen, studieren und trainieren. Philipp packt seine Koffer. Mit Kurt Ring als Trainer hat Pflieger in Regensburg einen Experten und hochkarätigen Trainer an seiner Seite. Seine Leistungen werden in der Folge immer besser. Das Gefühl „etwas zu können“, gar ein Talent zu sein, wächst. Die Laufzeiten entwickeln sich vielversprechend. 2008 steht bei ihm eine 14:05,54 über 5000 Meter, 2012 eine 13:31,24 auf der Anzeige. „Aber zwischen diesen Jahren lag auch der tiefste Tiefpunkt meiner Karriere“, sagt Pflieger. Das Verletzungspech holt ihn ein: 2010 eine schwere Operation am Knie, anschließend „die schier endlose Zeit der Reha“.

Verletzungen und Operationen

bremsen den Läufer aus

Im Rückenzentrum Regensburg wird alles für ihn getan. Auch 2011 läuft es nicht besser. Pflieger fährt ins Trainingslager, macht einen unglücklichen Schritt und weiß sofort: „Am Fuß stimmt was nicht.“ Erneut muss operiert werden. 2011 bestreitet der Unglücksrabe keinen einzigen Wettkampf. Der junge Mann hat viel Zeit zum Nachdenken und fällt einen unumstößlichen Entschluss: „Ich habe mir geschworen, sollte ich nach dieser Leidenszeit wirklich nochmal fit werden, dann tue ich alles, um Erfolg zu haben und packe Olympia an!“ Und tatsächlich: Philipp Pflieger wird wieder gesund, fit und belastbar. Er macht seinen Bachelor in Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Geschichte und wird Profi. Pflieger findet Sponsoren und nimmt viele Termine wahr. Denn: Die finanzielle Unterstützung vom Verband in Höhe von 800 Euro jährlich ist nicht gerade üppig. Trainingslager, Physiotherapie – alles muss selbst finanziert werden.

Der Traum von Olympia: Trainer Kurt Ring und sein Athlet überlegen genau. Trotz internationaler Einsätze und einer EM-Teilnahme 2012 über 5000 Meter merken beide: Mit dieser Distanz klappt’s nicht bei Olympia. Philipp Pflieger entscheidet sich für die Marathondistanz. Wieder geht es auf und ab: Im Herbst 2014 erlebt Pflieger eine seiner bittersten Stunden seines Sportlerdaseins. Beim Marathon in Frankfurt kollabiert er nach gut 35 Kilometern. Die Gründe dafür sind bis heute unbekannt, möglicherweise war ein kleiner Infekt schuld.

„Ich habe mir geschworen, sollte ich nach dieser Leidenszeit wirklich nochmal fit werden, dann tue ich alles, um Erfolg zu haben und packe Olympia an. Philipp Pflieger, Langstreckenläufer

„So soll die Erfolgsgeschichte Pflieger nicht zu Ende gehen“, sagt sein Trainer. In seinem Schützling erwacht ein unbändiger Kampfgeist, der Pflieger bis zum 27. September 2015, seinem Start beim Berlin Marathon, nicht mehr verlässt.

Die Sensation: Die internationale Norm, um nach Rio zu kommen, liegt bei 2:17 Stunden. Das wäre für Pflieger in Berlin zu schaffen. Aber: Die deutsche Norm – und das ist die Crux – wurde auf 2:12,15 Stunden festgelegt. „Das wird schwer“, denkt sich Pflieger. Der Läufer schläft schlecht, er weiß, es geht um viel. Das Rennen läuft am Anfang nicht gut für ihn. Er beißt die Zähne zusammen, gibt Gas. Pflieger kommt ins Ziel, wankt, eine Socke ist voller Blut. Die Menschenmassen jubeln ihm zu, die Zeit: 2:12,50 Stunden! Philipp Pflieger wird bester Deutscher, schafft mit diesem Rennen sogar die drittschnellste Zeit eines Deutschen in den letzten 20 Jahren – aber für Olympia reicht es nicht. Der Regensburger war 35 Sekunden zu langsam.

In Sportlerkreisen ist Pfliegers

Marathonzeit das Topthema

Pfliegers Zeit ist in Sportlerkreisen das Topthema, seitenlange Artikel erscheinen über ihn und es beginnt die entscheidende Diskussion über die geforderte deutsche Norm: Nicht nur im Marathonbereich, sondern auch in anderen Disziplinen. Im Hintergrund wird emsig gearbeitet.

Philipp Pflieger (rechts) berichtet Autor Armin Wolf von den Hochs und Tiefs seiner Läuferkarriere.
Philipp Pflieger (rechts) berichtet Autor Armin Wolf von den Hochs und Tiefs seiner Läuferkarriere. Foto (2): Tino Lex

Der Deutsche Olympische Sportbund entscheidet positiv über den Antrag des Deutschen Leichtathletik Verbandes, die Einzelnormen zu senken. Die Freude ist grenzenlos: Drei deutsche Marathonis dürfen starten und Philipp Pflieger ist dabei. „Ich bin überglücklich – wir fahren nach Rio!“, jubelt der Regensburger. Wir, das sind seine Familie, seine Freundin Barbara, seine Trainer Kurt Ring und Doris Scheck, sowie sein Freund Felix Plinke. „Sie sind meine Stützen, sind die Höhen und Tiefen der letzten Jahre mit mir durchgegangen.“

Seit vier Jahren ist Pflieger mit Barbara Ferstl aus Painten zusammen, einer Läuferin, die in Ostbayern regelmäßig vorne mit dabei ist. „Ich bin sehr stolz auf Philipp und werde ihn in allem unterstützen, was er noch vorhat, denn durch seinen Sport kann er einmalige Momente erleben – wie zum Beispiel jetzt Olympia“, sagt die junge Frau. Den Sport „aktiv zu den Menschen bringen und ein Bewusstsein für den Sport schaffen“, das hat sich Philipp Pflieger auf die Fahnen geschrieben. Bei der Wahl zum ostbayerischen Sportler des Jahres 2013 gewinnt er den Titel. Pfliegers Stärke: Er kann andere motivieren. An der Kreuzschule in Regensburg bereitet er Erstklässler auf einen Kinderlauf vor. Die Kleinen hören aufmerksam zu und drücken die Daumen, wenn es in Rio dann heißt: „Philipp Pflieger Germany!“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische am Wochenende erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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