mz_logo

Sport
Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Interview

Schotten doubeln den Jahn

Club-Coach Michael Köllner spricht über verirrte Pferde, junges Gemüse – und das Derby mit den Regensburgern.
Von Heinz Gläser

Foto: Daniel Karmann/dpa

Herzlichen Glückwunsch, Herr Köllner! Glaubt man den Prognosen, ist der 1. FC Nürnberg schon so gut wie aufgestiegen.

(lacht) Das meinen wohl manche. Aber wir bleiben realistisch. Sicherlich, wir haben bis jetzt eine gute Runde gespielt. Das war nach der vergangenen Saison (Platz zwölf/d. Red.) so nicht zu erwarten. Wir tun alles für den Erfolg, arbeiten brutal hart. Platz drei ist eine schöne Momentaufnahme. Aber wir haben noch 16 schwere Spiele vor uns und sind ja nicht die einzige Mannschaft, die da oben bleiben will.

Warum so vorsichtig?

Wir müssen nicht auf Biegen und Brechen aufsteigen. Unser Saisonziel ist weiterhin, stabil zu bleiben und eine junge, spannende Mannschaft zu entwickeln.

FCN-Coach Michael Köllner im Gespräch

Sie haben in der Winterpause zwar Cedric Teuchert an Schalke abgegeben, aber mit Federico Palacios, Marvin Stefaniak und Ulisses Garcia vielversprechende Spieler geholt. Ist das nicht ein Signal, dass der Club nun mit Macht den Aufstieg anstrebt?

•Angreifer Federico Palacios stürmt ab sofort für den 1. FCN. Foto: dpa

Ach, das wirkt vielleicht auf den ersten Blick so. Aber das sind junge Spieler, keine solchen Namhaften, wie sie beispielsweise Ingolstadt mit Patrick Ebert verpflichtet hat. Wir müssen nicht mit dem Kopf durch die Wand. Wir gehen auch nicht finanziell ins Risiko und spielen „all in“, wie beim Pokern. Durch die drei Neuen ist unser Kader nun besser ausbalanciert als in der Vorrunde, und wir sind vom System her variabler. Dafür mussten wir nicht viel Geld in die Hand nehmen. Denn unsere wichtigsten Ziele bleiben, den Verein zu konsolidieren und wirtschaftlich in ruhigeres Fahrwasser zu bringen – sowie eine neue Mannschaft zu entwickeln und dabei unserem Nachwuchs eine Chance zu geben. Erinnern Sie sich: Vor zwei Jahren gingen ja hier am Valznerweiher fast die Lichter aus!

Tiefstapelei schön und gut, aber im Umfeld reifen Aufstiegsträume. Werden Sie damit morgens beim Bäcker konfrontiert?

Klar, der Verein und das ganze Umfeld lechzen nach der Bundesliga. Und dieser Wunsch ist völlig nachvollziehbar. Damit kann ich leben. Wir sind momentan ja auch in einer guten Situation, deshalb werfen die Leute auch keine Steine nach mir, wenn wir mal verlieren. (lacht) Aber wie gesagt: Wir haben eine junge, gute, spannende Mannschaft, die sich in den letzten Monaten toll entwickelt hat – aber rein von den Namen her ganz bestimmt nicht die stärkste in der Liga!

Zur Person

  • Michael Köllner

    wurde am 29. Dezember 1969 in Fuchsmühl (Landkreis Tirschenreuth) geboren. Seit 2001 ist er Sportfachwirt und seit 2004 DFB-Fußballlehrer. Köllner ist zudem der Autor des Taktik- und Trainingshandbuchs „Spielfähigkeit im Fußball“. Er arbeitete von 2002 bis 2014 DFB-Koordinator für Talentförderung und Leiter für die Regionalauswahlteams U13 bis U17.

  • Als Aktiver

    spielt Köllner für die SG Fuchsmühl und den SC Luhe-Wildenau. Das Abitur legt er in Weiden ab. Nach einem Gastspiel als Coach bei Bayern Hof widmet er sich ganz der Talentförderung, unter anderem in der Jugend des SSV Jahn (2009-2012). Von 2014 bis 2015 trainiert er die U17 von Greuther Fürth und ab Juni 2016 die U21 des Clubs. Seit März 2017 ist er Chefcoach des 1. FC Nürnberg.

Drei Punkte beim Wiedereinstieg gegen Jahn Regensburg sind am Dienstag fest eingeplant, oder?

Wir haben zwei Kracher-Spiele innerhalb von drei Tragen. Erst der Jahn, dann Union Berlin: Das sind direkte Verfolger, auch wenn sich Regensburg vielleicht nicht dauerhaft in dieser Rolle behaupten wird. Aber der Jahn hat eine starke Vorrunde gespielt, das muss man neidlos anerkennen. Hut ab! Wenn die Mannschaft alles in die Waagschale wirft, kann sie uns gefährlich werden.

Haben Sie den SSV Jahn in der Vorrunde genau beobachtet?

Beim Hinspiel in Regensburg siegte der FCN mit 1:0. Foto: Armin Weigel/dpa

Meistens im Fernsehen, aber ich war auch ein paar Mal in Regensburg im Stadion. Diese Mannschaft ist unangenehm zu spielen. Sie will sich in der Liga etablieren. Wir haben uns im Trainingslager bewusst einen schottischen Erstligisten als letzten Testspielgegner ausgesucht. Eine robuste Mannschaft, die vorne hoch presst – so erwarten wir auch den Jahn. Heart of Midlothian hat forsch attackiert, dieses Pressing haben wir super umspielen können und vor der Pause vier Tore erzielt (5:0-Endstand/d. Red.). Aber wir sind gewarnt: Beim 1:0 im Hinspiel in Regensburg haben wir uns schwergetan. Der Jahn hat viele Spieler, die über die Moral und den Kampf kommen. Das ist auch ein Weg, um spielerische Defizite zu kompensieren.

Fast schon legendär ist der Teamgeist beim Jahn. Wie sieht’s damit beim Club aus?

Auch wir sind eine Einheit. Die Spieler schieben freiwillig Überstunden im Training, gehen abends gemeinsam essen. Das ist mit ein Grund, warum wir vorne dabei sind. Es gibt generell zwei Dinge, mit denen du in der 2. Liga bestehen kannst. Entweder hast du eine Mannschaft, die sich in diese Liga nur verirrt hat – wie letztes Jahr Stuttgart oder Hannover. Das ist wie bei einem Pferd, das sich vergaloppiert, aber im Jahr drauf wieder auf der richtigen Wiese grast. Oder das Innenleben der Mannschaft ist super, das Team funktioniert und ist intakt. Das ist bei uns so. Aber so etwas fällt nicht vom Himmel, daran muss man Tag für Tag hart arbeiten.

Bleiben wir bei Ihrer Wortwahl: In dieser Saison gibt es keine „Verirrten“, die quasi sowieso aufsteigen. War der Aufstieg noch nie so leicht zu bewerkstelligen?

Das scheint vielleicht so. Aber diesmal gibt es zwölf bis 14 Klubs, die den gleichen Gedanken haben: Wenn wir irgendwann mal aufsteigen wollen, dann jetzt! Und wenn so viele das gleiche Ziel verfolgen, dann macht’s das auch wieder schwierig. Außerdem haben die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt immer noch brutal viel Substanz, auch wenn sie die noch nicht komplett abgerufen haben. Die haben Weltmeister und Champions-League-Teilnehmer in ihren Reihen! Und dann kommen wir Nürnberger mit unserer jungen Mannschaft daher!

Herr Köllner, Sie waren in Ihrer Karriere lange nur Insidern als profilierter Nachwuchscoach ein Begriff. Wie fühlt sich das Rampenlicht bei einem Traditionsverein an? Hat Sie die öffentliche Aufmerksamkeit verändert?

Immer wissbegierig, stets akribisch: Michael Köllner (r.) im Jahr 2008 als DFB-Stützpunkttrainer. Foto: Archiv

Ich hoffe doch nicht! Warum sollte ich mich groß verändern? Wir Oberpfälzer lieben ja Beständigkeit. Meine Schuhgröße ist noch dieselbe, meine Augenfarbe ist dieselbe geblieben, meine Haare sind dieselben – na ja, ein paar graue kommen dazu, und manchmal glaube ich, das beschleunigt sich durch den Club. (lacht) Klar ist der 1. FC Nürnberg eine tolle Aufgabe; es gibt wahrlich schlechtere in Deutschland.

Stichwort Oberpfälzer: Sie sprechen weiterhin den Dialekt. Wie kommt das in Nürnberg an?

Wenn ich daheim in Fuchsmühl bin, dauert es keine zwei Tage, und ich nehme wieder komplett den Dialekt an. Meine Frau sagt dann, wenn wir wieder in Nürnberg sind: ‚Stell Dich lieber schnell wieder um! Sonst versteht Dich hier kein Mensch!‘ (lacht) Der extreme Fuchsmühler Slang würde hier in Nürnberg jeden überfordern. Aber mein Dorf hat mich nun mal geprägt und erzogen, darauf bin ich auch stolz Warum sollte ich das also verleugnen?

Trainer zu sein, bedeutet ja heutzutage auch, sich auf einem begehrten Berufsfeld optimal zu verkaufen. Kommen Sie sich dabei mit Ihrer bodenständigen Art selbst in die Quere?

Ich glaube, dass trotz allem für die Vereine die fachliche Qualität am Ende über allem steht. Es hat keinen Sinn, sich zu verstellen, nur weil man damit medial besser punkten kann. Man muss glaubwürdig bleiben! Du musst als Trainer in deiner Arbeit jeden Tag 27 oder mehr Leute mitnehmen. Und wenn du das falsch anpackst, fliegt dir irgendwann alles um die Ohren.

Weitere Geschichten aus dem Sport lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht